Wissenschaft persönlich

WiD fragt – Albrecht Beutelspacher antwortet

15 Fragen, 15 mal ernsthafte, mal vergnügliche Antworten. In Etappen stellen wir Ihnen mit unserem Fragebogen interessante Forscherpersönlichkeiten vor. Den Anfang machen die bisherigen Gewinner des Communicator-Preises – des höchstdotierten deutschen Preises für Wissenschaftskommunikation. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft vergeben ihn seit 2000 jährlich. Der Mathematiker Albrecht Beutelspacher war im Jahr 2000 der Erste, der ihn erhielt.

 

Albrecht Beutelspacher
Foto: Rolf K. Wegst/Mathematikum Gießen

Was war Ihr schönstes Erlebnis als Forscher?

Der Durchbruch bei meiner Diplomarbeit. Ich hatte seit Monaten mit dem Problem gekämpft, hatte versucht, es von allen Seiten zu attackieren, ich hatte „geniale“ Lösungen gefunden (die alle falsch waren), und so weiter. Dann war ich ein Wochenende in einem Kurzurlaub. Nachts träumte ich von dem Problem. Es war ein schrecklicher Traum: laut und bedrohlich – er war so schrecklich, dass ich mich übergeben musste. Und – am darauffolgenden Dienstag war die Lösung da. Ich brauchte nur richtig hinzuschauen. Einfach und elegant und einsehbar. Daraus entstand meine schönste Veröffentlichung.

Welche wissenschaftliche Entdeckung war in Ihren Augen bisher die wichtigste?

Die Entdeckung der griechischen Antike, dass wir Menschen durch eigenes Nachdenken Erkenntnisse erzielen können. Diese Erkenntnis führte unter anderem zur Logik und zur Mathematik.

Was sollte unbedingt noch erfunden werden?

Eine Maschine, die (sinnvolle) Gedanken in Realität verwandelt.

Welcher prominenten Person würden Sie gern Ihr aktuelles Forschungsprojekt erklären?

Papst Benedikt XVI.

Was hat Sie dazu gebracht, Forscher zu werden?

Zwei Frauen. Zuerst meine Mutter, die nicht müde wurde, uns Kinder auf die Schönheit der Welt hinzuweisen und damit darauf, was es alles zu entdecken gibt. Später meine akademische Lehrerin, Frau Prof. Judita Cofman, die mir die Leidenschaft für die Mathematik vorlebte.

Wenn nicht Wissenschaftler – was würden Sie gerne sein?

Dirigent – aber ich bin dafür viel zu unmusikalisch.

Welche Ihrer Eigenschaften stört Sie beim Forschen am meisten?

Mangelnde Hartnäckigkeit – ich hätte gerne, dass mir die Erkenntnisse einfach so zufliegen …

Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?

Singen.

Was regt Ihre Kreativität am besten an?

Zuerst alles ausprobieren und mit vielen darüber reden – und dann Ruhe und Tee.

Mit welchem historischen Kollegen würden Sie gerne essen gehen?

Johannes Kepler – das würde zwar kulinarisch nicht bemerkenswert sein, aber Kepler hat so viel Ordnung und Struktur im Kosmos gesehen, dass ein Gespräch mit ihm eine Offenbarung sein muss.

Was ist die bedeutendste Frage, welche die Wissenschaft in Ihrem Forschungsbereich noch nicht beantwortet hat?

Die uralte Frage nach den Primzahlen: Wie sind diese genau verteilt? Wie weit ist die nächste entfernt? Gibt es eine Formel? Und so weiter.

Was wird die Wissenschaft vermutlich nie erklären können?

Warum die Mathematik – eine Wissenschaft, die sich nur mit virtuellen Objekten beschäftigt – so perfekt auf die Wirklichkeit passt.

Was war Ihr größter Erfolg bei der Kommunikation Ihrer Forschungstätigkeit?

Ich hatte exakt fünf Minuten beim Vorstandsvorsitzenden der Siemens AG. In diesen fünf Minuten musste ich ihm meine Forschungsaufgabe so erklären, dass er sich anschließend mit mir darüber unterhalten konnte. Es hat geklappt. Und die „fünf Minuten“ (also weder 60 Sekunden noch eine Stunde) dienen mir als Vorbild für viele Kommunikationsherausforderungen.

Und was war Ihr größtes Kommunikationsdesaster?

Es muss im 8. Schuljahr gewesen sein. Damals war „Mengenlehre“ dran. Unser Lehrer unterrichte das, aber richtig: Er erklärte uns die Abzählbarkeit der rationalen Zahlen! Ich weiß nicht, ob jemand außer mir überhaupt aufgepasst hat. Ich aber war davon offenbar so begeistert, dass ich am Nachmittag einem armen Nachhilfeschüler die ganze Stunde wiederholte – bis dieser am Ende, als er zum ersten Mal wieder zu Wort kam, darum bat, mit ihm doch lieber Prozentaufgaben zu rechnen.

Auf welches Ereignis der nächsten Zeit freuen Sie sich schon?

Auf den morgigen Tag im Mathematikum.


Zur Person

Albrecht Beutelspacher, Jahrgang 1950, wurde in Tübingen geboren.
Er studierte Mathematik, Physik und Philosophie an der Eberhard Karls Universität Tübingen und war danach bis 1982 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz tätig, wo er 1976 promovierte.

Von 1982 bis 1985 hatte er eine Professur auf Zeit in Mainz, danach war er zwei Jahre in der Forschungsabteilung der Siemens AG. Seit 1988 ist er Professor für Mathematik an der Universität Gießen, wo er am Mathematischen Institut über Geometrie und Diskrete Mathematik forscht.

2002 gründete er in Gießen das Mathematikum, ein Mathematikmuseum, das die Besucher auffordert, sich aktiv mit den Objekten zu beschäftigen und die Experimente auszuprobieren. Beutelspacher hat zudem eine eigene Kolumne in der Bild der Wissenschaft für seine Zahlenspiele.

Seit 2007 moderiert er auf BR-alpha die Sendung „Mathematik zum Anfassen“. Diese Sendung behandelt populärwissenschaftlich mathematische Alltagsprobleme.

2000 war Beutelspacher der erste Preisträger des neu geschaffenen Communicator-Preises. 2003 erhielt er die Ehrennadel der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. Für die Einrichtung des Mathematikums wurde Beutelspacher 2004 der erste Deutsche IQ-Preis von Mensa in Deutschland e.V. verliehen.

Am 28. August desselben Jahres bekam er in Leipzig der Benedictus-Gotthelf-Teubner-Förderpreis 2004. 2008 erhielt er den Hessischen Kulturpreis für seine Verdienste zur Popularisierung der Mathematik.

 
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