Techniken mit Zorn und Frustration umzugehen gibt es viele. Manch einer bevorzugt es, den guten alten Boxsack zu malträtieren, andere suchen lieber das Gespräch mit Freunden. Doch die meisten Zornigen wären vermutlich sehr erstaunt, wenn man sie stattdessen auffordern würde zu beten – am besten noch für jene Person, die ihren Ärger verursacht hat.
Dass beten tatsächlich dabei helfen kann, mit seinem Ärger umzugehen, zeigt eine aktuelle Studie. Die Teilnehmenden schrieben einen Aufsatz, zu dem sie ein sehr negatives Feedback erhielten. Im Anschluss sollte ein Teil der Teilnehmenden für ein angeblich schwerkrankes Mädchen beten, ein anderer Teil sollte lediglich über das Mädchen nachdenken. Bei der Gruppe, die gebetet hatte, war der empfundene Ärger über das schlechte Feedback anschließend deutlich geringer.
In einem weiteren Experiment wurden einige der Teilnehmenden aufgefordert, für die Person zu beten, die das Feedback gegeben hatte – also das Objekt ihres derzeitigen Ärgers. Anschließend spielten sie gegen diese Person ein Spiel, bei dem sie diese bestrafen konnten. Studienteilnehmer, die gebetet hatten, verhielten sich dabei deutlich weniger feindselig als solche, die nicht gebetet hatten.
Über die Gründe für diesen beschwichtigenden Effekt des Gebets mag es unterschiedliche Meinungen geben. Die Forschergruppe nimmt an, dass durch das Beten für eine andere Person prosoziale Gedanken wie Mitleid, Fürsorge, Vergebung und Friedlichkeit stärker ins Bewusstsein gelangen. Dadurch beruhigt der Verärgerte sich und verhält sich friedfertiger.
Und die Moral von der Geschichte? Sollten wir alle nächsten Sonntag auf der Kirchenbank sitzen anstatt auszuschlafen? Nicht unbedingt. So hatte die miterfasste Religiosität der Versuchspersonen sowie die Häufigkeit von Kirchgang und Beten im Alltag keine Auswirkung auf die Ergebnisse. Auch wenn ein gesellschaftlicher, humaner Wertekodex in der heutigen Zeit nicht mehr unbedingt an eine Religion geknüpft sein muss, hilft es wohl, im Moment des Ärgers einmal tief durchzuatmen, sich diesen Wertekodex ins Gedächtnis zu rufen und sich daran zu erinnern: Wir sind alle nur Menschen – und wir alle machen Fehler. Der empfundene Ärger erscheint dann meist weniger schlimm.
Quelle:forschung erleben