Rainer Knauber: "Am wirksamsten wird der Beitrag der Elektromobilität dann sein, wenn die intelligente Verknüpfung dieser Speicherkapazitäten mit der Einspeisung von Windenergie abgesichert ist." Foto: Katja Machill/WiD
Interview mit Rainer Knauber, Vattenfall Europe AG
Bis zum Jahr 2020 sollen eine Million Elektrofahrzeuge in Deutschland unterwegs sein. So steht es im Nationalen Entwicklungsplan Elektromobilität der Bundesregierung. Heute sind ungefähr 1500 batterieelektrische Fahrzeuge in Deutschland zugelassen, so ein im April 2010 veröffentlichtes Positionspapier der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften, acatech.
Wie realistisch ist das Ziel der Bundesregierung?
Knauber: Das Ziel der Bundesregierung ist ehrgeizig, kann aber nach heutigem Ermessen erreicht werden. Mit einer Million Elektroautos sind sowohl reine batterieelektrische Fahrzeuge (BEV) als auch solche mit Range Extender (REV) und Plug-in-Hybride (PHEV) gemeint.
Als „Achillesferse“ der Elektromobilität bezeichnet das Positionspapier der acatech die Batterie. Sie ist nicht nur verantwortlich für rund 40 Prozent der Kosten eines Elektroautos. Sie begrenzt auch dessen Reichweite. Die Reichweite einer voll geladenen Batterie entspräche heute „in der Regel jener Restentfernung, die Autofahrer zum Anlass für den nächsten Tankstellenbesuch nehmen, nämlich 80 bis 150 km“, schreibt die acatech in ihrem Positionspapier.
Steht dem Elektroauto eine Karriere als Zweitwagen bevor, oder werden wir in Zukunft gar kein Auto mehr besitzen sondern „Mobilität“ bei verschiedenen Anbietern kaufen, etwa Car-Sharing oder den öffentlichen Nahverkehr nutzen?
Knauber: Selbst wenn man auf Zweitwagen schaut, spricht man über ein Marktpotenzial von mehr als 10 Millionen Fahrzeugen, also rund 10% der Fahrzeugflotte. Das ist nicht wenig! Ergänzend kommen Car-Sharing-Anwendungen hinzu. Eine dritte Zielgruppe für elektrische Antriebe sind Flottenfahrzeuge, also Pkw und Lieferwagen aus öffentlichen oder kommerziellen Fuhrparks.
Der Pkw-Verkehr in Deutschland ist für rund 14 Prozent des in Deutschland emittierten Kohlendioxids verantwortlich. Elektroautos sollen mit dazu beitragen, diesen Anteil zu reduzieren. Beim aktuellen Strommix liegen ihre Emissionswerte nicht signifikant unter denen moderner Verbrennungsmotoren. Um ihre CO2-Bilanz zu verbessern, müssten Elektroautos also mit Strom aus regenerativen Energien betankt werden. Wenn aber 41 Millionen Autos für 14 Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich sind, produzieren eine Million Autos nur gut 0,3 Prozent der CO2-Emissionen. Eine Million Elektroautos könnten die CO2-Emissionen im Idealfall um maximal diesen Wert reduzieren. Viele Elektroautos bräuchten außerdem viel Strom aus erneuerbaren Quellen.
Werden Elektroautos rechtzeitig zur Stelle sein, um das Klima zu retten?
Knauber: Elektromobilität kann einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Für Vattenfall ist die Verwendung grünen Stroms gesetzt, um für Elektrofahrzeuge nahezu CO2-freie Emissionswerte zu erreichen. Da sind eine Million Fahrzeuge durchaus erheblich. Am wirksamsten wird der Beitrag der Elektromobilität dann sein, wenn die intelligente Verknüpfung dieser Speicherkapazitäten mit der Einspeisung von Windenergie abgesichert ist. Der geplante Ausbau der Windkraftkapazitäten wird mehr als ausreichen, um den Strombedarf der Elektrofahrzeuge zu decken. Allerdings sollten gleichzeitig Effizienzsteigerungen bei konventionellen Verbrennungsmotoren erreicht werden, da diese wegen ihrer auf absehbare Zeit erheblichen größeren Anzahl eine weitaus höhere Hebelwirkung besitzen.
Elektroautos könnten als mobile Speicher beim Ausbau der erneuerbaren Energien helfen und dadurch indirekt zu Klimaschützern werden. Werden die Batterien der Elektrofahrzeuge dann aufgeladen werden, wenn es Spitzen im Stromangebot gibt – wie sie vor allem durch die stochastisch fluktuierenden Erneuerbaren Energien verursacht werden – so können Elektroautos die Netze stabilisieren und damit einen größeren Anteil an Strom aus erneuerbaren Energien im Strommix ermöglichen. In einem späteren Stadium könnten die Autobatterien dann auch – zu Zeiten besonders hoher Stromnachfrage – Strom ins Netz zurückspeisen. Doch häufige Ladezyklen verkürzen die Lebensdauer der Batterie.
Ist die Stabilisierung des Netzes durch Elektrofahrzeuge ein Wunschtraum oder eine realistische Perspektive?
Knauber: Die Nutzung der Batterien als Speicher für überschüssige Windenergie funktioniert im Prinzip schon heute. Untersuchungen, wie das Laden von Elektrofahrzeugen in Abhängigkeit vom schwankenden Windenergieangebot und der Netzauslastung erfolgen kann, sind ein Schwerpunkt unseres Projektes. Wir gehen davon aus, dass ab ca. 2020 eine bedarfsgerechte Rückspeisung von Strom in das Netz auch kommerziell tragfähig sein wird.
Unter welchen Bedingungen würden Sie persönlich ein Elektroauto fahren?
Elektromobilität ist heute bereits alltagstauglich. Das gilt für ca. 95% aller Fälle, für die restlichen 5% gibt es bereits heute multi-modale Angebote. Die Zusatzkosten müssen über Marktanreizprogramme gedeckt werden.
Rainer Knauber ist Leiter des Konzernbereichs Politik und Gesellschaft sowie Generalbevollmächtigter für Berlin und die neuen Bundesländer bei der Vattenfall Europe AG.