Konzepte für den Stadtverkehr der Zukunft
„Idealerweise wäre urbane Mobilität kostenlos für alle verfügbar“
Interview mit Prof. Dr. Petra Schweizer-Ries, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
WiD: Elektroautos, Wasserstoffautos, E-Fahrräder, Car-Sharing und attraktiver Öffentlicher Nahverkehr – neue und zum Teil umfassende Verkehrskonzepte sollen insbesondere den Umwelt- und Klimaschutz nachhaltig verbessern. Wie sieht Ihr Idealbild von urbaner Mobilität der Zukunft aus?
Schweizer-Ries: Idealerweise wäre urbane Mobilität kostenlos für alle verfügbar, wenn das auch aus ökonomischen Gründen vielleicht wirklich nicht realisierbar ist. Diese kostenlosen Transportsysteme müssten lediglich mit Pfandmarken auskommen, um sich zum Beispiel ein Fahrrad an einem Standort der Stadt abzuholen und an einem Standort der Wahl wieder abzugeben. Die Busse, Bahnen, Straßenbahnen und Metros würden alle fünf Minuten abfahren und das gesamte Gebiet der Stadt plus das Umland abdecken. Busse sind selbstverständlich elektronisch oder mit Wasserstoff betrieben.
WiD: Welches sind die größten Probleme, die auf dem Weg zu diesem Idealbild zu bewältigen sind?
Schweizer-Ries: Die finanzielle Machbarkeit sehe ich als größtes Problem, direkt gefolgt von der „mentalen Machbarkeit“. Selbstverständlich müssten auch die Technologien weiterentwickelt und alle E-Fahrzeuge mit erneuerbaren Energien betrieben werden.
WiD: Muss der Staat für die Verwirklichung eines zukunftsfähigen Mobilitätskonzepts lenkend eingreifen? Wenn ja, welche staatlichen Regulierungen oder Förderungen für Verbraucher, Kommunen und Industrie halten Sie für sinnvoll?
Schweizer-Ries: Es sollten sich alle beteiligen – und so auch „der Staat“, der fünf Möglichkeiten für einen Eingriff hat: Regelungen durch Gesetze, infrastrukturelle Maßnahmen, finanzielle Anreize für CO2-neutrale Fortbewegung, Eröffnung und Förderung von Partizipationsprojekten, in denen Bürgerinnen und Bürger ihre Ideen einbringen und umsetzen können, sowie Kommunikation und Diffusionsprozesse, welche die CO2-neutrale Fortbewegung unterstützen im Sinne von „Werben für die gute Sache“.
WiD: Nutzerakzeptanz ist letztlich der Schlüssel für den Markterfolg. Wie lässt sich die Attraktivität neuer Mobilitätskonzepte für die Nutzer und damit für die Gesellschaft erhöhen? Welche Anreize könnte es beispielsweise dafür geben, eine entindividualisierte Mobilität in Form von Car-Sharing für eine breite Bevölkerung attraktiv zu machen?
Schweizer-Ries: Die Attraktivität erhöht sich, wenn es zu einer „Gemeinschaftssache“ wird. Das heißt: Alle machen freiwillig mit. Es entwickelt sich der Wunsch und der Wille für die Umsetzung neuer Mobilitätskonzepte. Marktanreizprogramme sind vielfältig bekannt, es geht um die Entstehung eines „gemeinsamen Willens“. Das heißt, es geht um einen Dialog und die Kommunikation der neuen Wege sowie die Unterstützung von Eigeninitiative, die in diese Richtung geht. Es gibt vielfältige Wege zu einer CO2-freien Fortbewegung – wir kennen sie nur noch nicht alle.
WiD: Unter welchen Voraussetzungen würden Sie selbst sofort und dauerhaft Ihr eigenes Auto aufgeben?
Schweizer-Ries: Das muss aus meiner Sicht gar nicht sein, denn ich träume schon von einem Elektroauto, das ich bei mir zuhause und an meinem Arbeitsplatz einstecken kann ... Aber wenn Sie damit auf das „eigene“ Auto abzielen: Ich besitze gar kein eigenes Auto in diesem individualistischen Sinne, sondern teile mein Auto mit meiner Familie. Das könnte ich mir auch mit meinen Nachbarn vorstellen. Wir könnten zum Beispiel eine Car-Sharing-Station einrichten mit einer Person, die das organisiert.