Wissenschaft persönlich

WiD fragt – Gerd Gigerenzer antwortet

15 Fragen, 15 mal ernsthafte, mal vergnügliche Antworten. In Etappen stellen wir Ihnen mit unserem Fragebogen interessante Forscherpersönlichkeiten vor. Den Anfang machen die bisherigen Gewinner des Communicator-Preises – des höchstdotierten deutschen Preises für Wissenschaftskommunikation. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft vergeben ihn seit 2000 jährlich. Der Psychologe Gerd Gigerenzer erhält den Preis 2011 für seine Fähigkeiten, zentrale Themen wie die Kunst des Entscheidens und den Umgang mit Risiken und Unsicherheiten einer breiten Öffentlichkeit nahezubringen.

 

Gerd Gigerenzer
Foto: David Ausserhofer

Was war Ihr schönstes Erlebnis als Forscher?

Der Glanz in den Augen junger Menschen, wenn sie dabei sind, sich in die Welt der Ideen zu verlieben.

Welche wissenschaftliche Entdeckung war in Ihren Augen bisher die wichtigste?

Auf meinem Gebiet: Dass man mit einfachen intuitiven Prinzipien – Heuristiken – bessere Entscheidungen treffen kann, als mit komplexen statistischen Software-Paketen. Weniger ist oft mehr.

Was sollte unbedingt noch erfunden werden?

Die deutsche Universität — sie sollte wiedererfunden werden.  Vor hundert Jahren waren deutsche Universitäten weltweit führend in Forschung und Lehre, heute haben sie sich in Organismen verwandelt, deren Lebensblut komplizierte Verwaltungsabläufe und rechtliche Absicherungen sind.

Welcher prominenten Person würden Sie gern Ihr aktuelles Forschungsprojekt erklären?

Hans Magnus Enzensberger in Anwesenheit des frisch gewählten Gesundheitsministers.

Was hat Sie dazu gebracht, Forscher zu werden?

Ich wollte frei im Denken sein.

Wenn nicht forschen – was würden Sie gerne tun?

Psychologische Science Fiction schreiben – darüber, wie wir in hundert Jahren denken und fühlen werden und vor was wir uns dann fürchten. Und wie neue Technologien unsere Psyche verändern.

Welche Ihrer Eigenschaften stört Sie beim Forschen am meisten?

Ich bin durch Kuchen leicht ablenkbar. 

Welche natürliche Gabe möchten Sie besitzen?

Ein besseres Gedächtnis.

Was regt Ihre Kreativität am besten an?

Gespräche mit Menschen, die sich trauen, quer zu denken.

Mit welchem historischen Kollegen würden Sie gerne essen gehen?

Also, mit Herbert Simon jedenfalls nicht, da er stets nur Cheese-Sandwich zu Mittag aß; dann lieber mit jemandem aus Österreich, wie dem vergessenen Psychologen Egon Brunswik.

Was ist die bedeutendste Frage, welche die Wissenschaft in Ihrem Forschungsbereich noch nicht beantwortet hat?

Wie treffen Menschen Entscheidungen unter Unsicherheit? Entscheidungsforscher, ob Neurowissenschaftler oder nicht, untersuchen immer noch Entscheidungen unter Sicherheit, also Verhalten in Situationen, in denen alle Alternativen, Konsequenzen und Wahrscheinlichkeiten bekannt sind und keine Überraschungen erlaubt sind. Dies hilft uns wenig in der wirklichen Welt, in der eben nichts sicher ist, außer dem Tod und den Steuern.

Was wird die Wissenschaft vermutlich nie erklären können?

Warum es die Wissenschaft gibt und was nach ihr kommt.

Was war Ihr größter Erfolg bei der Kommunikation Ihrer Forschungstätigkeit?

Nach einem Vortrag gab mir ein Londoner Investmentbanker einen Scheck über 1,5 Millionen Euro zum Aufbau eines Zentrums für Risikokompetenz in Berlin (Harding Center for Risk Literacy). 

Und was war Ihr größtes Kommunikationsdesaster?

In den neunziger Jahren hatte ich gemeinsam mit zwei tapferen Kollegen die Gründe untersucht, warum die akademischen Psychologen in Deutschland international wenig Einfluss hatten. Das kam nicht gut an. Es gab Wutausbrüche nach Vorträgen, eine Lawine von zornigen Briefen bis zur Androhung von Gerichtsprozessen. Aber all die Aufregung damals hat dazu beigetragen, dass die Psychologie in Deutschland heute völlig anders dasteht. 

Auf welches Ereignis der nächsten Zeit freuen Sie sich schon?

Urlaub in Cape Cod in einer kleinen Hütte am Meer ohne digitale Kommunikationsmittel, die einen ständig unterbrechen. Also, ich freue mich darauf, zwei Wochen lang Zeit zu haben.

Zur Person

Gerd Gigerenzer wurde 1947 in Wallersdorf geboren. Nach dem Studium der Psychologie habilitierte er 1982 an der Universität München. Von 1984 bis 1990 arbeitete er als Professor für Psychologie an der Universität Konstanz, anschießend an den Universitäten Salzburg und Chicago.   

1995 wechselte Gigerenzer als Direktor an das Max-Planck-Institut für psychologische Forschung in München. Seit 1997 ist er Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Im Jahr 2008 gründete er das Harding Zentrum für Risikokompetenz.

Gigerenzer untersucht, wie Menschen unter Unsicherheit und begrenzter Zeit Entscheidungen treffen und mit Risiken umgehen.

Für seine Arbeiten erhielt der Psychologe mehrere Auszeichnungen. Am 5. Juli 2011 wird ihm im Rahmen der DFG-Jahrestagung in Bonn der Communicator-Preis verliehen. Der Risikoforscher ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Neben Fachliteratur schrieb Gigerenzer auch mehrere populärwissenschaftliche Bücher. „Das Einmaleins der Skepsis” und „Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten” wurden in 18 Sprachen übersetzt.

 
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