Vor zehn Jahren galt man nicht als anständiger Wissenschaftler, wenn man bereit war, Bürgern die eigene Forschungsarbeit zu erklären. Das hat sich deutlich gewandelt: Ekkehard Winter, Geschäftsführer der Deutschen Telekom Stiftung.  Foto: DTS

 

10 Jahre Wissenschaft im Dialog - Interview mit Ekkehard Winter

"Der Dialog mit den Bürgern ist hoffähig geworden"

Ekkehard Winter war 1999 Mitbegründer von Wissenschaft im Dialog (WiD). Im Gespräch mit Dorothee Menhart beschreibt der heutige Geschäftsführer der Deutschen Telekom-Stiftung die Wurzeln von WiD und den Wandel der Wissenschaftskommunikation in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren.

Herr Winter, was war das Entscheidende, das zur Gründung der Initiative Wissenschaft im Dialog geführt hat?

Winter: Erstens gab es dramatische Einbrüche bei den Studienanfängerzahlen in den so genannten MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Zweitens zeichnete sich bereits die Krise des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts ab, die dann durch PISA offenbar wurde. Drittens schien trotz dieser Befunde das Interesse der Politik an MINT-Bildung, Wissenschaft und Forschung so gering zu sein, dass man Lobbying betreiben wollte. Und viertens fragte man sich, ob die im Leben der Menschen immer wichtiger werdende Wissenschaft nicht Dialogformen anbieten sollte, um im Sinne von mehr Demokratie die Bürgerinnen und Bürger zu beteiligen, z.B. am Setzen von Agenden.

Die deutschen Wissenschaftsorganisationen haben sich damals verpflichtet, ein Anreizsystem zu entwickeln, welches das Engagement von Wissenschaftlern befördern sollte, der Gesellschaft die eigene Forschungsarbeit zu vermitteln. Welche Anreize gibt es heute?

Winter: Man wird als Wissenschaftler zwar nicht besser bezahlt, wenn man neben Forschung und Lehre auch die Kommunikation mit der Öffentlichkeit  zu seinen Aufgaben zählt und die Würdigung von Leistungen in der Lehre, geschweige denn von Leistungen im Dialog mit der Öffentlichkeit wird sicherlich untergewichtet. Aber viele Wissenschaftsorganisationen bieten heute für Wissenschaftler Kommunikations- und Medientrainings an – dies sind Anreize, die es früher nicht gab. Und: Das Engagement für den Dialog – und dies ist sicherlich ein Verdienst von WiD – ist dem wissenschaftlichen Ruf heute nicht mehr abträglich. Das war vor zehn Jahren noch ganz anders.

Wie denn?

Winter: Man galt nicht als anständiger Wissenschaftler, wenn man gleichzeitig Kommunikator seiner Forschung war. Durch die Arbeit von WiD oder auch den Communicatorpreis von Deutscher Forschungsgemeinschaft (DFG) und Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, ist es hoffähig geworden, sich zu engagieren.

Was konnten die Wissenschaftsorganisationen mit ihrer Initiative außerdem erreichen?

Winter: Vor zehn Jahren wurde Forschung der Öffentlichkeit von Hochschulen und Forschungseinrichtungen manchmal noch wenig überzeugend präsentiert. Die Professionalität der Öffentlichkeitsarbeit hat seither enorm zugenommen. Und: Die Themen Bildung und Wissenschaft sind in der Politik von Bund und Ländern heute sehr viel prominenter vertreten. Dadurch, dass Wissenschaft im Dialog eine Gemeinschaftsaktion der deutschen Wissenschaft ist, hat die Initiative viel politisches Gewicht auf die Straße gebracht.

Ist Wissenschaft in der Gesellschaft angekommen? Sie haben kürzlich den Vergleich zu Kino und Oper gezogen.

Winter: Wissenschaft ist heute als Teil der Volksbildung überall zu finden und wird angenommen. Die Langen Nächte der Wissenschaft, die Wissenschaftsfestivals, die Ausstellungen sind überlaufen. Wie man in die Oper geht, geht man in Wissenschaftsausstellungen. Und es gibt sie überall. Nicht mehr nur einige wenige Wissenschaftler gehen heute in die Öffentlichkeit. Sondern sehr, sehr viele tun dies – und zwar aus tiefer Überzeugung.

Was kann verbessert werden?

Winter: Wünschenswert wäre, dass in Zukunft stärker als bisher die Fragen der Menschen gehört werden. Bisher steht im Vordergrund, was die Wissenschaft vermitteln will, nicht das, was die Öffentlichkeit vielleicht beschäftigt. Letzteres – etwa Kontroversen um den Klimawandel oder in der Gentechnik – ist noch nicht ausreichend thematisiert worden. Das Austragen solcher Kontroversen ist aber auch Aufgabe der Wissenschaft und notwenig zur demokratischen Fundierung politischer Entscheidungen.

In Großbritannien wurden derlei Debatten schon vor zehn Jahren von der Öffentlichkeit eingefordert.

Winter: Interessanterweise ist die deutsche Wissenschaft von vergleichbar bitteren Auseinandersetzungen, wie sie in Großbritannien z.B. zu „Frankenfood“ (gentechnisch veränderte Nahrungsmittel) geführt worden, bis heute verschont geblieben. Doch auch ohne akuten Leidensdruck: Diese Debatten zu führen ist ebenso wichtig wie eine verständliche Darstellung von Wissenschaft und Forschung.

Wie steht die deutsche Wissenschaftskommunikation im europäischen Vergleich da?

Winter: Deutschland hat enorm aufgeholt. Früher war das, was in England oder Amerika passierte, Standard. Mittlerweile sind in Deutschland Formate entwickelt worden, die weit über die Grenzen hinaus für Aufmerksamkeit sorgen und Nachahmer finden. China und Frankreich interessieren sich gerade für ein „Jahr der Mathematik“, wie wir es 2008 in Deutschland hatten. Und wenn man in Betracht zieht, welche Bedeutung deutsche Forscher und Kommunikatoren hatten beim Aufbau des European Science Open Forum (ESOF), dem europäischen Pendant zum Meeting der American Association fort the Advancement of Science (AAAS), so kann man mit großem Selbstbewusstsein sagen, dass vieles geleistet worden ist in den vergangenen zehn Jahren.

Warum unterstützt die Deutsche Telekom-Stiftung die Arbeit von Wissenschaft im Dialog?

Winter: Wegen der Verknüpfung von Science Communication und Science Education. Naturwissenschaftlich-technische Forschung, für deren Vermittlung sich die Telekom-Stiftung besonders stark macht, kann in der Schule nur teilweise erfahrbar gemacht werden. Forschendes Lernen ist in diesen Fächern existenziell und das Experimentieren in den zahlreichen Schülerlaboren, die in den vergangenen Jahren gegründet wurden, eine großartige Ergänzung zur Vermittlung in Schulen. Solche Initiativen wollen wir stärken.

Ihr Wunsch für die Zukunft von WiD?

Winter: Mein Wunsch ist, dass weitere Stiftungen bereit sind, den Prozess des Dialogs zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu unterstützen. Neben der Telekom- und der Robert Bosch-Stiftung sollten weitere große Stiftungen der Initiative beitreten, um diese Bewegung zu unterstützen.

Zur Person

Dr. Ekkehard Winter war 1999 Mitbegründer der Initiative Wissenschaft im Dialog (WiD). Bis zu seinem Wechsel zur Deutschen Telekom Stiftung war er stellvertretender Vorsitzender des WiD-Lenkungsausschusses. Seit 1989 arbeitete der promovierte Biologe beim Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, dessen stellvertretender Generalsekretär er seit 2003 war.

Das Memorandum

In einem Memorandum verpflichtete sich 1999 die deutsche Wissenschaft, den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu fördern. Das Memorandum ist seit zehn Jahren Grundlage für die Arbeit von WiD.  Zum Memorandum

WiD-Forum 2009

Aus Anlass des 10-jährigen Bestehens von Wissenschaft im Dialog wird beim Forum Wissenschaftskommunikation vom 30. 11. bis 2. 12. 2009 in Berlin auch auf zehn Jahre Wissenschaftskommunikation in Deutschland zurückgeblickt. Mehr

 
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