Publikationen von Forschern in Tagesmedien und im Bereich Öffentlichkeitsarbeit sollen nach Auffassung von Eva-Maria Streier zukünftig eine größere Rolle bei der Bewertung von Wissenschaftlern spielen. Sie müssten gleichwertig zu wissenschaftlichen Publikationen gesehen werden. Warum ihr dies wichtig ist und wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) versucht, Jugendliche für die Wissenschaft zu begeistern, erläutert die Direktorin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der DFG im Gespräch mit Dorothee Menhart.
Die wichtigste Zielgruppe von Wissenschaft im Dialog sind Jugendliche. Wie lassen die sich am besten für die Forschung begeistern?
Streier: Wenn sie mitmachen können. Das ist das Erfolgsgeheimnis der Schülerlabore oder auch des Hauses der Kleinen Forscher, wo Kinder zum Experimentieren angeregt werden.
Die DFG zeigt im Internet Kurzfilme.
Streier: Auch das kommt bei Jugendlichen sehr gut an. DFG Science TV zeigt Serien von dreiminütigen Clips, die den Fortgang von Forschungsprojekten zum Beispiel aus der Archäologie oder von Laufrobotern zeigen. Gedreht von den Wissenschaftlern selbst, verdichtet von einer Filmproduktionsfirma. Die Idee wurde zusammen mit den renommierten Filmproduzenten Gisela Graichen und Peter Prestel entwickelt. Die DFG versucht, Jugendliche da abzuholen, wo sie sich aufhalten: im Internet. Diese Idee geht auf.
Wie hoch sind die Zugriffszahlen?
Streier: Die Zugriffszahlen insgesamt lagen im Sommer letzten Jahres, als wir mitten in der ersten Staffel waren, bei etwa einer Million im Monat.
Wird auch das umfangreiche Hintergrundmaterial angesehen, das Sie auf der Seite bereithalten?
Streier: Die meisten Nutzer schauen die Filme an. Aber viele rufen auch die Hintergrundinformationen ab. Sie interessieren sich meist für ein bestimmtes Fach. Dies ist ja ein Ziel von DFG Science TV: Es gibt nach wie vor zu wenige junge Menschen, die sich für Forschung und Wissenschaft interessieren. Wir hoffen, sie auch durch DFG Science TV zu einer Berufswahl für die Forschung zu bewegen.
Wird sich die Wissenschaftskommunikation weiter hin zum Bild entwickeln?
Streier: Ganz bestimmt. Die Menschen haben wenig Zeit. Und angesichts der Fülle von Informationen, haben sie wenig Geduld, lange Texte zu lesen. In der Regel ist es so, dass gute Bilder, gute Grafiken, gute Kurzfilme die Zuschauerinnen und Zuschauer locken. Wie unsere gesamte Kommunikation wird sich auch die Wissenschaftskommunikation verknappen.
Verknappung heißt nicht selten: Banalisierung.
Streier: Die Kurzform ist die schwierigste Form. Es ist viel leichter, einen längeren Artikel zu schreiben als eine gute Meldung. Gute Journalisten schaffen es, auf wenigen Zeilen die wesentlichen Inhalte darzustellen. Es gibt sicherlich unzulässige Verkürzungen, aber Verkürzungen müssen nicht automatisch schlecht sein – wenn sie journalistisch gut gemacht sind, sind sie eine hohe Kunst.
Die DFG wirbt mit Medientrainings für die Verständigung zwischen Wissenschaftlern und Journalisten. Was lehren Sie in den Trainings?
Streier: Die Medientrainings bestehen aus vielen praktischen Übungen und Fachvorträgen. Wie macht man wissenschaftliche Ergebnisse anschaulich für Fachfremde und Laien? Wie denken und arbeiten Journalisten? Wie verhalte ich mich vor Mikrofon und Kamera, beim Interview und in der Talkshow? Und welche Rechte und Pflichten haben Wissenschaftler gegenüber Journalisten? Wir haben immer wieder festgestellt, wie wichtig es ist, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Grundregeln des Umgangs mit Presse und Öffentlichkeit nahe zu bringen.
PR in eigener Sache gewinnt auch insofern an Bedeutung, als Forscher zunehmend von Drittmitteln abhängig sind.
Streier: Das mag eine Rolle spielen. Ich denke aber, dass es heute zu den Grundfähigkeiten eines Wissenschaftlers gehört, sich mit der Öffentlichkeit – dazu gehören auch die Entscheidungsträger in der Politik – zu verständigen und die eigenen Anliegen klar auf den Punkt zu bringen. Auch mit dem Ziel, Geld einzuwerben. Und im Übrigen auch, um Verständnis für umstrittene Forschungsgebiete in der Öffentlichkeit zu finden. Kein Wissenschaftler forscht ja auf einer Insel, in der seine Forschung unantastbar ist.
Die DFG vergibt ihre Mittel im Wesentlichen nach dem Kriterium der Forschungsexzellenz. Laut der Selbstverpflichtung der deutschen Wissenschaft im Memorandum von 1999 soll auch Öffentlichkeitsarbeit eine Rolle spielen. Ist dies mittlerweile der Fall?
Streier: Es ist noch nicht so selbstverständlich, wie ich mir das wünschen würde. Aber wir sind ein gutes Stück vorangekommen. Öffentlichkeitsarbeit ist kein Reputationsrisiko mehr, sondern durchaus förderlich für den Ruf eines Wissenschaftlers. Das war vor zehn Jahren noch ganz anders. Bewerber um Fördermittel der DFG zeigen heute beispielsweise Filme, Ausstellungskataloge oder Zeitungsartikel über ihre Arbeit. Dies hat nicht das Gewicht einer wissenschaftlichen Publikation bei Science oder Nature, wird nun aber immerhin positiv gewertet. Oder denken Sie an den mit 50.000 Euro dotierten Communicator-Preis, den die DFG seit nunmehr zehn Jahren zusammen mit dem Stifterverband vergibt. Wenn eine große Förderorganisation wie die DFG einen solch gut dotierten Preis für die beste Vermittlung von Wissenschaft in die Öffentlichkeit auslobt, ist das ein deutliches Signal.
Aber das reicht Ihnen nicht?
Streier: Nein. Es ist eine Entwicklung in die richtige Richtung. Gut wäre, wenn Publikationen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Medien gleichwertig zu wissenschaftlichen Publikationen gesehen würden.
Sie sagen tatsächlich „gleichwertig"?
Streier: Ja, Wissenschaftler müssen sozusagen auf drei Beinen stehen. Natürlich müssen sie gute Forscher und gute akademische Lehrer sein, aber sie sollten auch mit der Öffentlichkeit, und dazu gehört auch die Politik, kommunizieren können. In anderen Ländern ist das längst üblich. Bei EU-Anträgen wird die Frage nach der Öffentlichkeitsarbeit auch gestellt. Wenn Forscher da nichts vorzuweisen haben, ist das negativ.
Sie sehen Defizite, aber auch deutliche Fortschritte?
Streier: Deutschland hinkte vor zehn Jahren in der Wissenschaftskommunikation deutlich hinterher. Es hat sich seither ungemein viel getan – nicht zuletzt deshalb, weil die großen Wissenschaftsorganisationen sich zur Initiative Wissenschaft im Dialog zusammengeschlossen haben. Das hat für einen großen Schub gesorgt. Die MS Wissenschaft, das schwimmende Science Center von Wissenschaft im Dialog, der Wissenschaftssommer, das jährlich in einer anderen Stadt gastierende große Wissenschaftsfestival, oder auch das noch neue Forum Wissenschaftskommunikation – all dies sind Formate, die Wissenschaftler animieren, sich für die Öffentlichkeitsarbeit zu engagieren. Eine Wissenschaftsorganisation für sich allein hätte all dies nicht stemmen können. So konnte diese gemeinsame Initiative Forschung und Wissenschaft in einer Weise sichtbar machen, wie es keine einzelne Organisation geschafft hätte.
Wie stellen Sie sich die Zukunft der Wissenschaftskommunikation vor?
Streier: Ich könnte mir vorstellen, dass sich in den nächsten Jahren Aktivitäten entwickeln, die noch stärker vom Verständlichmachen von Wissenschaft weggehen hin in Richtung eines Dialogs mit der Wissenschaft. Ein gleichberechtigter Austausch auf Augenhöhe zwischen Wissenschaftlern und Menschen, die an Wissenschaft interessiert sind.
Zum Beispiel in Bürger- und Konsensuskonferenzen, wie WiD sie zurzeit im Rahmen des Projekts "Wissenschaft debattieren! - Partizipative Formate der Wissenschaftskommunikation" konzipiert?
Streier: Diese Formate sind sicherlich der richtige Weg: Interessierten Bürgern muss die Möglichkeit gegeben sein, Wissenschaftler, wissenschaftliche Fragestellungen und wissenschaftliche Themen auch zu hinterfragen. Die Grüne Gentechnik zum Beispiel: Eine Diskussion darüber muss zeigen, was die Wissenschaft damit will und ob die Ängste der Bevölkerung gerechtfertigt sind oder nicht.
Wo steht die Wissenschaftskommunikation in zehn Jahren?
Streier: Die Entwicklung wird sicherlich beeinflusst vom demografischen Wandel. Wir haben in Zukunft mehr Menschen mit Migrationshintergrund, mehr alte Menschen und größere bildungsferne Schichten. So muss sich die Wissenschaft noch verständlicher ausdrücken – schließlich wird sie über Steuern von allen gemeinsam finanziert. Die Wissenschaft muss überzeugen mit dem, was sie macht. Sonst hat sie kein Anrecht darauf, so viel Geld zu fordern. Man könnte das Geld ja auch ausgeben für Förderunterricht für Migrantenkinder.
Dr. Eva-Maria Streier ist seit 1985 verantwortlich für den Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). 1999 war sie maßgeblich an der Gründung von Wissenschaft im Dialog beteiligt. Die promovierte Literaturwissenschaftlerin (Amerikanistik) ist gelernte Journalistin. Die DFG ist der größte Forschungsförderer Deutschlands.
In einem Memorandum verpflichtete sich 1999 die deutsche Wissenschaft, den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu fördern. Das Memorandum ist seit zehn Jahren Grundlage für die Arbeit von WiD. Zum Memorandum
Aus Anlass des 10-jährigen Bestehens von Wissenschaft im Dialog wird beim Forum Wissenschaftskommunikation vom 30. 11. bis 2. 12. 2009 in Berlin auch auf zehn Jahre Wissenschaftskommunikation in Deutschland zurückgeblickt. Mehr
Filmtagebücher von Forschern hat die DFG für ihr Portal DFG Science TV produzieren lassen. Die Serien von je dreiminütigen Clips zeigen Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen bei der Arbeit. Die Filme gewähren spannende Einblicke in die Arbeit, die Fortschritte, Probleme und den Alltag der Wissenschaftler. Mehr
Spitzenforschung macht die DFG mit einem Internet-Videoportal zur Exzellenzinitiative für die Öffentlichkeit multimedial erlebbar. Präsentiert werden die in der Exzellenzinitiative geförderten Einrichtungen an den deutschen Hochschulen mit jeweils einem Kurzfilm, aktuellen Dokumenten und Hintergrundinformationen. Mehr