Lilo Berg
Auf Kritik reagieren Wissenschaftler schon mal empfindlich. Doch
zehn Jahre nach WiD-Gründung beobachtet die Journalistin Lilo Berg
vor allem eine größere Bereitschaft, sich Journalisten zu öffnen. Dorothee Menhardt sprach mit der Ressortleiterin Wissenschaft bei der Berliner Zeitung, die bereits bei der Unterzeichnung des Memorandums 1999 zugegen war und seither die Entwicklung der Wissenschaftskommunikation kritisch begleitet hat.
Frau Berg, begegnen Ihnen Wissenschaftler heute anders als früher?
Lilo Berg: Es gibt eine größere Bereitschaft, sich Journalisten, vor allem Wissenschaftsjournalisten, zu öffnen und man kommt leichter an Wissenschaftler heran. Das liegt auch daran, dass in den Pressestellen der Forschungsorganisationen und Hochschulen heute oft sehr gute Leute sitzen – darunter viele frühere Journalisten, die unseren Arbeitsalltag kennen. Außerdem ist eine neue Generation von Wissenschaftlern im Amt, die Wissenschaftskommunikation etwa aus der Postdoc-Zeit in Übersee kennt und bereit ist mitzumachen.
Obwohl die Medien heute noch viel schneller arbeiten als vor zehn Jahren.
Lilo Berg: Wenn man einen Wissenschaftler anruft und sagt, dass man in einer halben Stunde eine Einschätzung zu einer Studie braucht, die jetzt sofort per Mail kommt, dann stößt dies heute nicht mehr auf solches Entsetzen wie früher. Wissenschaft im Dialog hat zu dieser Öffnung der Wissenschaft sicherlich beigetragen. Das Verständnis für den Zeitdruck, unter dem wir Journalisten stehen, ist gewachsen.
Was sollten Wissenschaftler über Ihren Arbeitsalltag wissen?
Lilo Berg: Wir orientieren uns an anderen Kriterien als die Wissenschaft. Journalisten beurteilen Themen nach ihrer Aktualität, nach der Relevanz für die Öffentlichkeit, aber auch nach dem Unterhaltungswert. Die Exklusivität von Information spielt oft eine große Rolle. Das sind Kriterien, bei denen sich die Einschätzungen von Wissenschaftlern und Journalisten unterscheiden können. Wenn „Nature“ donnerstags die Studie eines deutschen Wissenschaftlers publiziert, zu der er gerne einen Kommentar abgeben möchte, dann brauchen wir das Statement bis spätestens Mittwochmittag – und nicht erst in der Woche drauf, dann ist es für die Katz.
Welche Themen aus Forschung und Wissenschaft interessieren Sie am meisten? Wann greifen Sie zu?
Lilo Berg: Vorzugsweise bei Forschungsergebnissen zu gesellschaftlich relevanten Themen wie Volkskrankheiten, Klimaentwicklung, Artenschutz oder Energietechnik. Anwendungsnahe Forschung ist beliebt. Aber es gibt auch ein ausgeprägtes Interesse für die Grundlagenforschung, vor allem, wenn es dabei um große, ungelöste Fragen der Menschheit geht. Platz finden auch Themen mit starker lokaler Relevanz. Wissenschaftsseiten öffnen sich zunehmend allen Wissenschaftszweigen. Früher hatten die meisten diesen typischen anglo-amerikanischen Zuschnitt mit Themen ausschließlich aus Naturwissenschaft, Umwelt, Technik. Mittlerweile kommen auch Sozial- und Wirtschaftswissenschaften und manchmal sogar Geisteswissenschaften auf die Seite.
Sie haben bereits hunderte Wissenschaftler interviewt. Welchen Tipp geben Sie Forschern, die interviewt werden sollen?
Lilo Berg: Wissenschaftler sollten sich informieren, mit welchem Medium sie es zu tun haben, um zielgruppengerecht informieren und formulieren zu können. Sie tun gut daran, Journalisten nicht zu unterfordern. Und: Sie sollten die eigene Forschung nicht nur als Erfolgsstory verkaufen, sondern auch Ecken und Kanten, Probleme des eigenen Forscheralltags darstellen. Authentisch, klar und offen sein – das ist wohl das Wichtigste.
Was passiert, wenn Sie kritisch nachfragen? Wissenschaftsjournalismus ist heute ja sehr viel politischer als noch vor wenigen Jahren.
Lilo Berg: Viele Wissenschaftler sind sehr empfindlich, wenn Journalisten ihre Arbeit beurteilen, viel empfindlicher als Politiker. Aber sie müssen sich daran gewöhnen, dass auch sie mal kritisiert werden. In gewisser Weise wurden sie von uns Wissenschaftsjournalisten lange mit Samthandschuhen angefasst, wir haben uns auf die Forschungsergebnisse konzentriert und nicht so sehr auf den politischen Kontext. So zurückhaltend und nett, wie Wissenschaftsjournalisten für gewöhnlich mit Wissenschaftlern umgehen, würden die Kollegen im Politik- oder Sportressort ihre Zielgruppe niemals behandeln. Aber Wissenschaft ist immer mehr auch ein Politikum. Nicht nur Stammzellen, Nanotechnologie oder grüne Gentechnik sind strittig. Wer öffentliche Mittel bekommt, sollte sich deshalb auch fragen lassen, ob sie sinnvoll eingesetzt werden und ob die Forschung zum Wohl der Bürger ist. Das ist eigentlich eine logische Folge von Wissenschaftsvermittlung: Denn je mehr die Gesellschaft über diese Themen
weiß, desto besser kann sie mitreden.
Worauf führen Sie zurück, dass das Interesse der Menschen und der Medien an Wissenschaftsthemen heute so groß ist?
Lilo Berg: Wir sind – im Vergleich zu den siebziger, achtziger Jahren – offener für wissenschaftliche Welterklärungsmodelle geworden, sicherlich auch durch die zunehmende Akademisierung der Gesellschaft. Und: Es gab Themen und Ereignisse, die die Menschen beschäftigt und aufgewühlt haben: AIDS, BSE, Dolly, PISA, das Genomprojekt und die Klimadebatte beispielsweise. Aber auch die Öffnung der Wissenschaft hin zur Gesellschaft spielt eine bedeutende Rolle.
Das Einwerben von Drittmitteln wird immer wichtiger. Wissenschaftler, die
sich in der Öffentlichkeit geschickt präsentieren, profitieren. Werden Medien
auch ausgenutzt?
Lilo Berg: Gedrängt wird schon – oft vermittelt über Pressestellen. Manche Wissenschaftler wissen genau, wie man über die Medien Dinge bewegen kann. Es geht um Geld, um Einfluss und da versucht man zu taktieren. Das ist verständlich. Die Frage ist nur, ob man sich als Journalist einspannen lässt. Insofern ist die Verantwortung der Medien gestiegen: Sie müssen sich immer fragen: Was ist das Motiv, was steckt dahinter, wer hat den Nutzen, wenn dies oder jenes ins Blatt kommt?
Lilo Berg leitet seit 1996 das Ressort Wissen bei der Berliner Zeitung. Davor war sie Redakteurin bei der Woche in Hamburg und bei der Süddeutschen Zeitung in München. Seit vielen Jahren unterrichtet sie Wissenschaftsjournalismus, unter anderem an der Universität Leipzig.
Aus Anlass des 10-jährigen Bestehens von Wissenschaft im Dialog findet beim Forum Wissenschaftskommunikation vom 30. 11. bis 2. 12. 2009 in Berlin auch ein Blick zurück auf zehn Jahre Wissenschaftskommunikation in Deutschland statt. Mehr