Wissenschaft im Öffentlichen Raum
Zwischenbilanz und Perspektiven für das nächste Jahrzehnt
Die Wissenschaft trägt wesentlich zur Entwicklung von Gesellschaft und Wirtschaft bei. Um die Zukunft des Landes zu gestalten und die dafür nötigen Ressourcen sicherzustellen, müssen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aktiv den Dialog mit den Bürgern suchen. Deshalb haben sich vor zehn Jahren die führenden Wissenschaftsorganisationen zum offenen gesellschaftlichen Dialog über Chancen und Potenziale, aber auch Risiken der Wissenschaften bekannt. Seither wurde viel erreicht – dank des Engagements der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ihrer Verbände und Institutionen, aber auch der Politik, Wirtschaft und Medien. Den Erfolgen stehen neue Herausforderungen gegenüber.
Die Wissenschaftsorganisationen wollen mit vereinten Kräften den gesellschaftlichen Dialog weiter intensivieren. Sie wollen
- die Meinungsbildung in der Gesellschaft und die Entscheidungsfindung in der Politik aktiv mitgestalten,
- allen Bürgerinnen und Bürgern ein eigenständiges und vorurteilsfreies Bild über ethische, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen wissenschaftlicher Erkenntnisse und Aktivitäten ermöglichen,
- junge Menschen für eine Karriere in Wissenschaft und Forschung begeistern.
Was erreicht wurde
Seit Unterzeichnung des PUSH-Memorandums durch die deutschen Wissenschaftsorganisationen im Mai 1999 haben die gemeinsamen Anstrengungen sichtbare Veränderungen bewirkt.
- Hochschulen und Institute haben Wissenschaftskommunikation als originäre institutionelle Aufgabe erkannt und stellen dafür in zunehmendem Maße finanzielle und personelle Ressourcen bereit.
- Das Engagement für den Wissenschaftsdialog trägt heute positiv zur Reputation eines Wissenschaftlers bei. Die Bereitschaft der Wissenschaftler, sich der Öffentlichkeit zuzuwenden, ist deutlich gestiegen.
- Die Wissenschaft hat neue interaktive Formate der Wissenschaftsvermittlung entwickelt und diese zielgruppenspezifisch eingesetzt.
- Wissenschaft begegnet den Bürgern – wie Musik und Kunst – heute viel häufiger und selbstverständlicher als noch vor einem Jahrzehnt.
- Die Berichterstattung über Wissenschaft in den Publikumsmedien hat stark zugenommen.
- Wissenschaftsthemen sind auf der politischen Agenda nach oben gerückt.
Neue Herausforderungen
Nach einem Jahrzehnt steht der Dialog von Wissenschaft und Gesellschaft vor neuen Aufgaben und Akzentverschiebungen:
- Er muss nicht nur Forschungsergebnisse sondern eher Erkenntnisprozesse in den Vordergrund rücken.
- Er muss zielgerichtete Konzepte für die Ansprache bildungsbenachteiligter Gruppen entwickeln.
- Er muss seine Dialogformate mit Schulen und anderen Lernorten besser verknüpfen.
- Er muss neue Medien für die Kommunikationsstrategien und -formate stärker nutzen.
- Er muss Kriterium bei der Beurteilung von Forschern in der wissenschaftlichen Karriere werden.
- Er muss von den Wissenschaftsorganisationen und ihren Partnern gemeinsam geführt werden, um politische und gesellschaftliche Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse mit starker Stimme mitzugestalten.
Vom Dialog über Forschungsergebnisse zum Dialog über Erkenntnisprozesse
Wissenschaftskommunikation konzentriert sich bislang vor allem auf die Vermittlung von Forschungsergebnissen. Wie diese entstehen, welche sozialen, ethischen oder wissenschaftspolitischen Fragen die Forschung aufwirft, welche Chancen und Risiken Forschung mit sich bringt und welchen Beitrag sie zur Lösung konkreter wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Probleme leisten oder auch nicht leisten kann, steht bislang nicht im Zentrum des Dialogs. Die Träger der Initiative werden das Verständnis für Erkenntnisprozesse zukünftig verstärkt in den Vordergrund rücken. So wird eine Diskussion über Wissenschaft möglich, die von Sachkunde und Ernsthaftigkeit und nicht so sehr von Vorurteilen oder Angst geprägt ist. Nur so kann es gelingen, eine noch breitere gesellschaftliche Unterstützung für die Forschung und ihre Institutionen zu sichern.
Alle Schichten der Gesellschaft erreichen
Die etablierten Formate des Wissenschaftsdialogs erreichen vor allem Kinder, Schüler und Jugendliche aus gebildeten Elternhäusern, die bereits Interesse an wissenschaftlichen Themen mitbringen. Bildungsbenachteiligte Schichten zielgerichtet anzusprechen und an akademische Bildung heranzuführen, wird die zentrale Herausforderung für die Zukunft sein. Die Träger der Initiative wollen dafür gemeinsam geeignete Partner finden und neue Formate entwickeln und erproben. Ziel muss es sein, alle Menschen an Wissenschaft und Forschung zu beteiligen und Kindern und Jugendlichen berufliche Chancen durch eine wissenschaftliche oder technische Ausbildung aufzuzeigen.
Kräfte bündeln: Verknüpfung von informellen und formellen Lernorten
Wissenschaft, Politik, Unternehmen und Stiftungen haben bereits vielfältige Formate des Wissenschaftsdialogs für Kinder, Schüler und Erwachsene entwickelt. Ziel muss es nun sein, flächendeckende Kooperationen mit Schulen und anderen Bildungseinrichtungen zu schaffen und die informellen Bildungsangebote der Wissenschaftsorganisationen mit den Angeboten im formalen Ausbildungssystem zu verknüpfen. Die Träger der Initiative werden den Dialog mit den Kultusbehörden der Länder aufnehmen, um solche Kooperationen zu stärken.
Neue Medien für innovative Formate nutzen
Das Internet hat Prozesse der Wissens- und Meinungsbildung revolutioniert. Die Entwicklung neuer sozialer Netzwerkstrukturen und individualisierter Informations- und Bildungspfade durch das Internet gilt es auch in der Wissenschaftskommunikation aufzugreifen und in innovative Dialogformate zu überführen. Die Träger der Initiative werden die neuen Medien aktiv und Standard setzend für die öffentliche Diskussion von Forschungsergebnissen sowie Erkenntnisprozessen und den weltweiten offenen Zugang zu Wissen nutzen.
Anerkennung für die Karriere
Das Engagement von Wissenschaftlern in der Wissenschaftskommunikation findet zunehmend Anerkennung. Inzwischen tragen Erfolge in der Wissenschaftskommunikation zum Ansehen eines Wissenschaftlers bei. Das Engagement bleibt meistens jedoch ohne positive Folgen für die Karriere. Dieses Ziel des PUSH-Memorandums von 1999 ist bisher nicht erreicht worden. Da der Dialog mit der Öffentlichkeit zu den selbstverständlichen
Aufgaben eines Wissenschaftlers gehört, müssen seine Leistungen in der Wissenschaftskommunikation ein Beurteilungskriterium in allen Förder-, Evaluierungs- und Berufungsverfahren werden.
Der Wert gemeinsamen Handelns
Die Träger der Initiative sind sich des Wertes eines gemeinsamen Vorgehens bewusst. Nur gemeinsam können die Wissenschaftsorganisationen und ihre Partner forschungspolitische Weichenstellungen frühzeitig, aktiv und konstruktiv mitgestalten. Dies gilt umso mehr, als sich die Wissenschaft und ihre Institutionen zunehmend differenzieren. Sie können daher nur gemeinsam mit Aussicht auf Erfolg den Dialog mit der Gesellschaft und den politischen Entscheidungsträgern suchen. Politische und gesellschaftliche Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse brauchen mehr denn je eine starke und wahrnehmbare Stimme der Wissenschaft.