Annette Schavan

Sechs Fragen an ...

Annette Schavan

„Wir brauchen eine neue Innovationskultur“

Bundesministerin Annette Schavan möchte auch in dieser Legislaturperiode viel in Bildung und Wissenschaft investieren. Wichtig ist ihr insbesondere eine Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und eine stärkere Einbindung der Bevölkerung in den Dialog über wissenschaftliche Themen. In ihren Antworten auf sechs Fragen von Dorothee Menhart gibt die Bundesministerin für Bildung und Forschung Auskunft über bisherige und zukünftige Schwerpunkte der Wissenschaftspolitik.



WiD: Bildungs- und Forschungspolitik haben heute weit mehr Gewicht als vor zehn Jahren. Wie wurde dies erreicht?

Schavan: In der Gesellschaft gibt es heute einen breiten Konsens darüber, dass Bildung und Wissenschaft die entscheidenden Schlüssel für Wohlstand und damit eine stabile, zukunftsfähige Gesellschaft sind. In diesem Jahr blicken wir auf 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland zurück und wir erkennen: Das Wirtschaftswunder war nur möglich, weil findige Menschen Mut bewiesen und ihre Ideen umgesetzt haben. Gerade in der derzeitigen Situation erkennen wir, wie richtig und weitblickend unsere Entscheidung war, in der vergangenen Legislaturperiode so viel in Bildung und Wissenschaft zu investieren, wie nie zuvor. Der Etat des Bundesministeriums für Bildung und Forschung ist in den vergangenen vier Jahren um 35 Prozent gestiegen. Mit der Hightech-Strategie haben wir die strukturellen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Wissenschaft und Wirtschaft möglichst effizient an der Umsetzung von exzellenten Ideen aus der Forschung arbeiten. Außerdem haben wir beschlossen, die drei erfolgreichen Pakte für Wissenschaft und Forschung gemeinsam mit den Ländern fortzusetzen. Dafür investieren wir 18 Milliarden Euro. Mit dem Hochschulpakt schaffen wir Studienplätze für die zusätzlich erwarteten 275.000 Studienanfänger. Mit dem Pakt für Forschung und Innovation steigern wir die Mittel für die außeruniversitären Wissenschaftsorganisationen jährlich um fünf Prozent. Und auch die Exzellenzinitiative geht in eine neue Runde. Von dieser Dynamik profitieren alle: Universitäten, Nachwuchsforscher, Studierende – und unsere Gesellschaft insgesamt.

WiD: Gemeinsam mit Wissenschaft im Dialog (WiD) rief das Bundesforschungsministerium im Jahr 2000 erstmals ein Wissenschaftsjahr aus. Mit welchem Ziel?

Schavan: Kurz gesagt: Wissenschaft sollte verständlich und interessant dargestellt werden. Wissenschaft sollte aus den Laboratorien, aus den Instituten und Universitäten raus auf die Marktplätze und damit zu den Bürgerinnen und Bürgern gebracht werden, um auf diese Weise auch die Bedeutung für unser Leben und unsere Gesellschaft zu vermitteln. Das ist heute noch das Ziel der Wissenschaftsjahre. Gleichwohl steht heute stärker der Nachwuchs im Mittelpunkt. Wir wollen insbesondere die jungen Menschen dazu motivieren, sich mit Naturwissenschaften und Technik auseinanderzusetzen. Alle Prognosen und die aktuelle Entwicklungen zeigen uns nämlich, dass mehr junge Leute einen technischen Ausbildungsberuf oder ein natur- oder ingenieurwissenschaftliches Studium ergreifen müssen, um den Fachkräftemangel aufzufangen.

WiD: Was verspricht sich die Politik von einer stärkeren Teilhabe der Bevölkerung an Diskussionen über Themen der Wissenschaft?

Schavan: Die Gesellschaften der Industrienationen sind schon heute stark von Wissenschaft und Forschung geprägt. Ständig werden wir mit technischen Neuerungen konfrontiert, sei es in der Kommunikation oder auch in der Mobilität. Hier darf niemand zurückgelassen werden. Deshalb brauchen wir eine neue Innovationskultur, die Neuerungen positiv gegenübersteht. Gerade in Deutschland können wir ohne Innovationen und wissenschaftlichen Fortschritt den Wohlstand nicht dauerhaft sichern und unsere sozialen Sicherungsnetze nicht zukunftsfähig machen. Die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an Diskussionen über wissenschaftliche Themen will die Menschen mit ihren Hoffnungen und Ängsten ernst nehmen und ihnen deutlich machen, dass sie selbst die Akteure der Wissen(schaft)sgesellschaft sind.

WiD: Es gab zunächst Disziplinenjahre wie das Jahr der Geowissenschaften, der Chemie oder der Geisteswissenschaften. Zukünftig werden fachübergreifende Themen wie Energie oder Gesundheit im Mittelpunkt der Wissenschaftsjahre stehen. Warum?

Schavan: Mit den Disziplinen haben wir die Wissenschaftsjahre auf eine gute Grundlage gestellt. Jetzt wollen wir aber den Blick richten auf die Gesamtheit der Wissenschaft. Die Konzentration auf eine Disziplin führt dazu, dass sich die anderen Wissenschaftsdisziplinen im jeweiligen Jahr nicht angesprochen fühlen – und sich deshalb auch nicht an dem Jahr beteiligen. Wissenschaft braucht aber die Vernetzung über die Grenzen der Fachbereiche hinweg. Deshalb gibt es im Wissenschaftsjahr 2010, das den großen Bereich der Energie thematisiert, auch viele Anknüpfungspunkte für die Geistes- und Kulturwissenschaften.

WiD: Welches war das für Sie faszinierendste Erlebnis im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2009?

Schavan: Ein Ereignis besonders hervorzuheben wird der Gesamtheit nicht gerecht. Aber natürlich ist der Ausstellungszug „Expedition Zukunft“ ein ganz herausragendes Element in diesem Wissenschaftsjahr. Eine rollende Ausstellung über die Wissenschaft, die in zehn bis fünfzehn Jahren unseren Alltag prägen wird, die in mehr als 60 Städten in ganz Deutschland Station macht und die jeden Tag von 1.500 Menschen besucht wird, insgesamt werden es weit mehr als 200.000 Besucher sein, das ist schon ein wichtiger Teil dieses Wissenschaftsjahres! Aber das Wissenschaftsjahr 2009 bietet natürlich noch viel mehr. In über 2.000 Veranstaltungen wie Tagen der offenen Tür, Vorträgen, Lesungen, Symposien und Ausstellungen in ganz Deutschland konnten sie einen Blick hinter die Kulissen werfen. Nicht vergessen möchte ich hier die gelungene Ausstellung von Wissenschaft im Dialog im Zukunftsschiff, die entlang der deutschen Wasserstraßen in über 30 Städten Station gemacht hat.

WiD: Die Zukunft der Wissenschaftskommunikation – wie sollte sie aussehen?

Schavan: Die Erfahrungen der vergangenen Wissenschaftsjahre haben uns gezeigt, dass wir viel stärker den Dialog mit den Menschen führen müssen. Mit der Neuorientierung der Wissenschaftsjahre wollen wir in einen Dialog eintreten den Bürgerinnen und Bürgern und der Wissenschaft, aber auch der Wirtschaft und der Politik über zukünftige wissenschaftliche Entwicklungen und Technologien. Denn wir wissen: Der immer schnellere Wissenszuwachs verlangt von uns, dass wir alle Menschen mitnehmen, damit sie von den Innovationen wirklich profitieren.

Zur Person

Prof. Dr. Annette Schavan ist seit 2005 Bundesministerin für Bildung und Forschung und war von 1995 bis 2005 Ministerin für Kultus, Jugend und Sport in Baden-Württemberg. Die CDU-Politikerin studierte katholischen Theologie, Philosophie und Erziehungswissenschaften und promovierte 1980 zum Dr. phil. 2009 wurde sie zur Honorarprofessorin an der Freien Universität Berlin berufen.

Das Memorandum

In einem Memorandum verpflichtete sich 1999 die deutsche Wissenschaft, den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu fördern. Das Memorandum ist seit zehn Jahren Grundlage für die Arbeit von WiD.  Zum Memorandum

WiD-Forum 2009

Aus Anlass des 10-jährigen Bestehens von Wissenschaft im Dialog findet beim Forum Wissenschaftskommunikation vom 30. 11. bis 2. 12. 2009 in Berlin auch ein Blick zurück auf zehn Jahre Wissenschaftskommunikation in Deutschland statt. Mehr

 
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