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Gut Siggen
Kommunikatoren, Referenten, Berater, Wissenschaftler und Journalisten diskutierten auf dem Holsteinischen Gut Siggen über die Weiterentwicklung der Wissenschaftskommunikation. Foto: WiD

Siggen 2016

Auch 2016 hieß es wieder „Eine Woche ZEIT für die Zukunft der Wissenschaftskommunikation“ auf Gut Siggen! Im Fokus stand dieses Jahr die Wissenschaftskommunikation in der internationalen Perspektive: Vom 10. bis 14. Mai diskutierten Teilnehmende aus Deutschland und internationale Gäste über die drängenden Herausforderungen, neue Perspektiven und Trends in Europa und der Welt.

Denkwerkstatt für die Weiterentwicklung der
Wissenschaftskommunikation

Der Siggener Kreis versteht sich als Denkwerkstatt und Impulsgeber für die Weiterentwicklung der Wissenschaftskommunikation. Er entstand auf Initiative des Bundesverbands Hochschulkommunikation und von Wissenschaft im Dialog. Im Rahmen des Programms „Eine Woche Zeit“ der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. in Kooperation mit dem ZEIT Verlag kommen Wissenschaftskommunikatoren, Wissenschaftler und Journalisten auf dem holsteinischen Gut Siggen zusammen, um über die Weiterentwicklung der Wissenschaftskommunikation zu diskutieren.

Ergebnisse der Tagung sind der Siggener Denkanstoß zur Zukunft der Wissenschaftskommunikation im Jahr 2013 und der Siggener Aufruf im Jahr 2014, der sich unter anderem mit der Qualität der Wissenschaftskommunikation beschäftigt und Leitlinien für gute Wissenschaftskommunikation zur Diskussion stellt. Die Leitlinien richten sich an alle, die in den Presseabteilungen wissenschaftlicher Einrichtungen tätig sind. 

Aus der Siggener Tagung entstand ein überinstitutioneller Arbeitskreis, der die Diskussion über die Leitlinien für gute Wissenschaftskommunikation auf eine breitere Basis stellt. Ihm gehören neben Mitgliedern des Siggener Kreises weitere Akteure der Wissenschaftskommunikation, insbesondere Vertreter der Pressestellen wissenschaftlicher Einrichtungen, an. 

Der Arbeitskreis hat nun „Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR“ vorgelegt, die sich explizit auf die institutionelle Wissenschaftskommunikation – oder Wissenschafts-PR – beziehen. Der Entwurf wurde auf verschiedenen Tagungen vorgestellt und diskutiert. Am 15.04.2016 wurden die „Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR” in Berlin in einer öffentlichen Veranstaltung vorgestellt. Um die Vorbereitung von PR-Maßnahmen zu vereinfachen, hat der Arbeitskreis auch eine Checkliste mit Fragen erarbeitet und diese den Leitlinien beigefügt.

Siggener Impulse 2015

Der „Siggener Kreis“ hat sich bei seinem Treffen im Juli 2015 mit dem Wandel der Beziehungen der Wissenschaft zu anderen Systemen beschäftigt. Er hat eine fortschreitende Entgrenzung erkannt, die auch die Wissenschaftskommunikation mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Entgrenzung bedeutet dabei die Verschiebung und sogar das Verschwinden von früher etablierten Abgrenzungen zwischen Wissenschaft und anderen Systemen (Politik, Medien, Bürgerschaft) und den Wegfall von Beschränkungen, etwa in Reichweite, Zugang und Einfluss.

Die Wissenschaftskommunikation hat die Aufgabe, die Wissenschaft dabei zu unterstützen, mit diesen Veränderungen umzugehen. Sie muss neue Strategien und Erklärungs- bzw. Erzählmuster entwickeln, da die traditionellen Instrumente nicht mehr in allen Fällen ausreichen. Ihr Ziel ist es, die Wissenschaft zu stärken und den Dialog zwischen Wissenschaft und anderen Systemen zu gestalten. Dazu fördert sie das Verständnis für das Wesen der Wissenschaft und ihre systemimmanenten Ansprüche.

Im Verlauf des Treffens wurden mehrere Themenfelder näher beleuchtet, darunter:

  • Wissenschaftskommunikation und konkurrierende Denkmodelle
  • Wissenschaftskommunikation und Politik
  • Wissenschaftskommunikation und Partizipation 
  • Internationalisierung
  • Wissenschaftskommunikation und neue Akteurinnen und Akteure

Die vollständigen Ergebnisse der Tagung sind unter dem Titel „Wissenschaftskommunikation in Zeiten der Entgrenzung“ hier veröffentlicht.

Siggener Aufruf 2014

Siggener Aufruf –
Wissenschaftskommunikation gestalten

Der Siggener Kreis: Wer sind wir?

Der Siggener Kreis versteht sich als Denkwerkstatt und Impulsgeber für die Weiterentwicklung der Wissenschaftskommunikation. Während der zweiten Tagung im April 2014 haben wir – ohne Auftrag oder Mandat unserer Institution – mit Unterstützung des ZEIT-Verlags und der Alfred Toepfer Stiftung auf dem Holsteinischen Gut Siggen über Themen und Tendenzen sowie anstehende und notwendige Veränderungen der Wissenschaftskommunikation diskutiert. Wir arbeiten in Hochschulen und Forschungseinrichtungen, Wissenschaftsakademien, Verwaltungen, Förderinstitutionen, Initiativen, Agenturen, Unternehmen und Redaktionen als Kommunikationsbeauftragte und -manager, Referenten, Berater, Wissenschaftler und Journalisten. Um gemeinsame Anliegen der Wissenschaftskommunikation voranzubringen, scheint uns ein institutionenübergreifendes Verständnis und ein Bündeln der Aktivitäten erforderlich – im Bewusstsein der teilweise unterschiedlichen Interessen, Motive und Prioritäten.

Dieses Positionspapier haben die Teilnehmer der Tagung gemeinsam verfasst. Wir wollen damit Veränderungen in der Wissenschaftskommunikation in Bezug auf die Schnittstellen und Reibungszonen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft bewirken. Dabei konzentrieren wir uns auf die wachsenden Ansprüche der Bürger und deren Auswirkungen auf die Wissenschaftskommunikation. 1

Ausgangspunkt

Wir leben in einer Wissenschaftsgesellschaft. Wissenschaft prägt alle Bereiche des privaten und gesellschaftlichen Lebens. Sie ist Grundlage sowie Instrument für politische, wirtschaftliche und persönliche Entwicklungen und Entscheidungen. Wissenschaftliche Erkenntnisse wandern in Form von neuen Technologien und Verfahren mit wachsendem Tempo und in größerem Umfang in die Gesellschaft ein. Gleichzeitig beobachten wir eine immer weiter zunehmende Komplexität und disziplinäre Differenzierung der Wissenschaft bei wachsender Vernetzung und fächerübergreifender Kooperation. Für einen Teil der Öffentlichkeit sind wissenschaftliche Zusammenhänge immer weniger verständlich – oder werden nicht verständlich genug gemacht. Es wird damit schwieriger, Chancen und Risiken abzuwägen und mögliche Konflikte zu erkennen. Wissenschaft muss sich erklären.

Werden manche Bürger von diesem Prozess also abgekoppelt, entwickeln andere ein neues, kritisches Bewusstsein gegenüber der Wissenschaft. Immer mehr sehen sie sich nicht nur als Nutzer oder Rezipienten, sondern als Akteure. Sie wollen Einfluss nehmen. Ob als Blogger, Leserbrief-Schreiber oder Kommentatoren im Web, in kritischen Diskussionsforen, Bürgerinitiativen oder als Bürgerwissenschaftler in Citizen-Science-Projekten: Bürger können Wissenschaft befördern und verhindern, Vertrauen bilden und entziehen.

Diese Entwicklung weist der Wissenschaftskommunikation innerhalb der Wissenschaftsgesellschaft eine größere Verantwortung zu.

Rollen und Akteure

Wissenschaftler sind die Hauptakteure der Wissenschaftskommunikation. Sie können und müssen Wissenschaft glaubwürdig, authentisch und fachlich richtig kommunizieren. Ihr Wissen und ihre Deutungshoheit implizieren eine besondere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.

Kommunikatoren sind Manager der Wissenschaftskommunikation. Sie priorisieren und akzentuieren Themen und moderieren Dialogprozesse. Sie schaffen Räume und Möglichkeiten zur Kommunikation zwischen Bürgern und Wissenschaftlern. Sie sind für die Entscheider im Wissenschaftssystem Seismografen für gesellschaftliche Entwicklungen mit Relevanz für die Wissenschaft. Sie fördern die Weiterentwicklung der Wissenschaftskommunikation und stellen die Qualität ihrer Arbeit auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und strategischer Konzepte sicher.

Journalisten verstehen sich als Anwälte der Öffentlichkeit. Sie beobachten, kommentieren und bewerten sowohl die Wissenschaft selbst als auch die Qualität der Wissenschaftskommunikation.

Das Verhältnis dieser Hauptakteure der Wissenschaftskommunikation zueinander unterliegt einem stetigen und schnellen Wandel. Die Wissenschaft erreicht die Öffentlichkeit vielfach direkt und ungefiltert. Gleichzeitig wird die einordnende Stimme der Medien schwächer. Damit wird eine unabhängige und sachkundige Vermittlung der Wissenschaft an die breite Öffentlichkeit zu einer wachsenden Herausforderung.

Im Sinne der Orientierung und Qualitätssicherung benötigt die Wissenschaft den Wissenschaftsjournalismus und andere, neue Vermittler zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Die Wissenschaftskommunikatoren müssen sich aktiv in einem strategischen Prozess gemeinsam mit den anderen Akteuren für die Gründung oder Neuorientierung solcher intermediärer Organisationen einsetzen. Die immer institutionell gebundene Wissenschaftskommunikation kann die externe kritische Beobachtung und Begleitung der Wissenschaft durch den Wissenschaftsjournalismus nicht ersetzen.

Strukturwandel im System Wissenschaft

Die gesellschaftliche Bedeutung und die öffentliche Förderung der Wissenschaft verpflichten zur Kommunikation. Wissenschaftskommunikation ist also ein Teil wissenschaftlicher Arbeit. Dies setzt die Ausbildung, Förderung und Anerkennung der Kommunikation von Wissenschaftlern voraus und erfordert daher die folgenden strukturellen Änderungen des Wissenschaftssystems:

Die Qualifikation der Wissenschaftler zur Kommunikation ist Bestandteil der wissenschaftlichen Ausbildung und muss deshalb im Curriculum verankert sein. Weiterbildung in der Kommunikation muss im Rahmen der Personalentwicklung der Hochschulen und Forschungseinrichtungen angeboten werden.

Kommunikation ist gleichzeitig Teil der Förderung von Wissenschaft. Hochschulen, Forschungsinstitute und Fördereinrichtungen müssen die erforderlichen Strukturen und Ressourcen bereitstellen. Wissenschaftler, die sich in den Dialog mit der Öffentlichkeit einbringen, verdienen besondere Unterstützung und Wertschätzung. Diese sollen sich auch in der nachvollziehbaren Berücksichtigung ihrer Kommunikationsleistungen in den Be- und Entlohnungssystemen der Wissenschaft ausdrücken.

Wichtigste Partner der Wissenschaftler in der Kommunikation sind die Kommunikationsmanager in den Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Sie vermitteln Kontakte, begleiten und beraten die Wissenschaftler in methodischen und strategischen Fragen. Als Vermittler zwischen Wissenschaft, Öffentlichkeit und Institution müssen sie einerseits höchste professionelle Standards sicherstellen, andererseits Mitglieder in den Entscheidungsgremien ihrer Einrichtungen sein.

Qualität in der Wissenschaftskommunikation

Hohe Erwartungen richten sich nicht nur an die Wissenschaftler und das Wissenschaftssystem, sondern auch an die Wissenschaftskommunikation:

Wissenschaftskommunikation arbeitet wertegeleitet und strategisch. Ihre Prozesse und Produkte werden nach definierten Qualitätskriterien gestaltet. Diese Kriterien basieren auf Wertediskussionen, forschungsbasierten Erkenntnissen sowie Erfahrungen aus der Praxis. Ob sich die Qualitätsstandards in der Wissenschaftskommunikation durchsetzen können, ist davon abhängig, in welchem Umfang sich die wissenschaftlichen Institutionen auf diese Standards verpflichten. Ein Diskussionspapier für Kriterien guter Wissenschaftskommunikation ist Teil des Siggener Aufrufs.

Für eine bessere empirische Fundierung soll Wissenschaftskommunikation selbst verstärkt erforscht werden. Forschungsergebnisse werden dokumentiert und der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt. Die Qualitätskriterien werden in der praktischen Arbeit kontinuierlich implementiert, überprüft und weiterentwickelt. Wissenschaftskommunikatoren nutzen dazu eigene und externe Expertise.

Das Berufsbild des Wissenschaftskommunikators wird systematisch beschrieben und geschärft. Die kontinuierliche und professionelle Aus- und Weiterbildung für Wissenschaftskommunikatoren aller Bereiche ist selbstverständlich.

Wissenschaft ist international und arbeitet über die Grenzen von Fächern und Institutionen hinaus. Entsprechend sind auch die Themen, Trends und Herausforderungen der Wissenschaftskommunikation international und institutionenübergreifend. Wissenschaftskommunikation benötigt eine bessere internationale Vernetzung, um von anderen Fallbeispielen zu lernen und gemeinsam internationale Standards zu diskutieren und auszuarbeiten.

Wissenschaft in der Gesellschaft

Wissenschaft entwickelt sich immer schneller und komplexer. Neue wissenschaftliche Entwicklungen halten Einzug in unseren Alltag und bedürfen der Erklärung und der Rückkopplung mit den Bürgern.

Gleichzeitig werden durch Entwicklungen in Umwelt und Gesellschaft neue Ansprüche an die Wissenschaft gestellt: Bei der Bewältigung großer gesellschaftlicher Herausforderungen bedarf es immer häufiger wissenschaftlicher Expertise und Innovation. Wissenschaft soll dafür die Grundlagen erarbeiten sowie Szenarien und Handlungsoptionen aufzeigen.

Wissenschaft beansprucht daher in besonderer Weise das Vertrauen der Bürger und ihrer demokratisch gewählten Repräsentanten und Entscheidungsträger auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene. Für die Wissenschaftskommunikation ergeben sich daraus die folgenden Konsequenzen:

Die Bürger müssen zu einem frühen Zeitpunkt in wissenschaftliche Entwicklungen einbezogen und zur faktenbasierten Diskussion befähigt werden. Dafür ermöglicht die Wissenschaftskommunikation Dialoge, in denen Bürger Meinungen einbringen, Wissenschaft beraten und sich an Entscheidungen beteiligen können. Sie verhindert Alibi-Diskurse und macht ebenso die Möglichkeiten und Grenzen des Einflusses der Bürger transparent.

Es ist eine wichtige Aufgabe der Wissenschaftskommunikation, die im Rahmen der wissenschaftlichen Politik- und Gesellschaftsberatung erarbeiteten Handlungsoptionen im Dialog mit der Gesellschaft zugänglich und verständlich zu machen.

Mit dem Siggener Aufruf möchten wir 15 Jahre nach dem PUSH-Memorandum den bereits begonnenen Wandel in der Wissenschaftskommunikation deutlich machen und neue Herausforderungen benennen. Damals wurde klar: Die Gewinnung von qualifiziertem Nachwuchs und die Begeisterung für Wissenschaft sind wichtige Aufgaben der Wissenschaftskommunikation. Heute müssen und wollen wir die Bürger bei der Weiterentwicklung der Wissenschaft einbinden. Wir wollen

  • Wissenschaft verständlich machen und erklären,
  • den Bürger und seine Rolle in der Wissenschaftskommunikation stärken,
  • einen qualifizierten Dialog mit den Bürgern ermöglichen, dessen Ergebnisse als wichtige Rückmeldung in der Wissenschaft wahrgenommen werden,
  • Wissenschaftler als die zentralen Akteure der Wissenschaftskommunikation für diesen Dialog qualifizieren und motivieren,
  • hohe Standards für die Manager der Wissenschaftskommunikation setzen und weiterentwickeln und
  • ein strategisches Zusammenwirken aller Akteure der Wissenschaftskommunikation bewirken.

Diskussionspapier zum Siggener Aufruf

Diskussionspapier: Leitlinien für gute Wissenschaftskommunikation

Wissenschaftskommunikation arbeitet an der Schnittstelle von Wissenschaft und Öffentlichkeit. Die Kommunikatoren sind sich dabei der Tatsache bewusst, dass sie nicht nur Journalisten, sondern über das Internet und soziale Medien, in Veranstaltungen oder Ausstellungen in immer stärkerem Maße direkt die Bürger erreichen. Damit wächst die Verantwortung der Wissenschaftskommunikatoren für die Qualität der von ihnen bereitgestellten Informationen und Dienstleistungen.

Gute Wissenschaftskommunikation stärkt das Bewusstsein und den Respekt für die Positionen aller Akteure. Sie soll und darf für die Bedeutung und die Arbeitsweisen der Wissenschaft werben und den Blick für unterschiedliche Wissenschaftskulturen öffnen. Gleichzeitig trägt sie die Fragen, Bedürfnisse und Stimmungen, gegebenenfalls auch die Ängste und Vorbehalte der Bürger in die Wissenschaft und ihre Entscheidungsgremien. Sie schafft Foren für den Dialog.

Gute Wissenschaftskommunikation stellt aus der Fülle der Informationen diejenigen heraus, die relevant für die Bürger sind. Sie vermeidet dabei unnötige oder unwirksame Maßnahmen. Das Filtern der Informationen erfolgt nach möglichst objektiven Maßstäben und nicht aufgrund von Eigeninteressen.

Gute Wissenschaftskommunikation arbeitet faktentreu. Sie übertreibt nicht in der Darstellung der Forschungserfolge und verharmlost oder verschweigt ihr bekannte Risiken neuer Technologien nicht. Sie macht Grenzen ihrer Aussagen sichtbar. Außerdem sorgt sie für Transparenz der Interessen und finanzieller Abhängigkeiten. Sie benennt Quellen und Ansprechpartner. Sie beantwortet die Frage, welche Bedeutung die Informationen für Wissenschaft und Gesellschaft haben und ordnet sie in den aktuellen Forschungsstand ein. Sie weicht nicht für Zwecke des Institutionenmarketings oder der Imagebildung von Faktentreue und Transparenz ab.

Gute Wissenschaftskommunikation achtet darauf, dass Informationen zielgruppengerecht aufbereitet und verbreitet werden. Sie kennt die dafür jeweils geeigneten Instrumente und Kanäle. Sie verwendet eine verständliche Sprache.

Das Interesse der Bürger richtet sich nicht allein auf Fakten. Um für Wissenschaft zu werben, erzählt gute Wissenschaftskommunikation auch Geschichten aus der Wissenschaft, von ihren Protagonisten, ihrem Alltag und ihrer Umgebung. Sie bietet Identifikationsmöglichkeiten. Gute Wissenschaftskommunikation ermöglicht, dass Wissenschaftler selbst über sich, ihre Motivation und ihre Arbeit sprechen.

Gute Wissenschaftskommunikation ist selbstreflexiv und selbstkritisch. Sie arbeitet wertegeleitet und strategisch und definiert Maßstäbe für die Qualität ihrer Arbeit und ihrer Ergebnisse. Sie organisiert ein Monitoring über die Erfüllung der Kriterien und ermöglicht deren Veränderung über Feedbackprozesse.

Gute Wissenschaftskommunikation ist offen für gesellschaftliche Veränderungen und passt ihre Strategien und Maßnahmen auf der Basis ihrer Werte kontinuierlich an. Sie sucht dazu den Austausch und die Kooperation mit anderen Kommunikatoren, Wissenschaftlern, Journalisten und Bürgern. Sie nutzt den nationalen und internationalen Diskurs über Praxis und Forschung in der Wissenschaftskommunikation für ihre Arbeit. Sie fördert den Austausch und die Zusammenarbeit zwischen Institutionen und den Dialog mit Stakeholdern.

Das Diskussionspapier ist Teil des Siggener Aufrufs (2014) und schöpft seine Inhalte aus der gemeinsamen Arbeit auf Gut Siggen in 2013 und 2014.

Wir wollen mit diesem Anstoß die aktuellen Befunde und Forderungen des Siggener Kreises und anderer Foren in Form von Leitlinien auf die Praxis der Wissenschaftskommunikation anwenden.

Das Papier erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und soll in den Gremien der Wissenschaftskommunikation sowie in der Forschung diskutiert und bei Bedarf ergänzt und angepasst werden. Seine Praktikabilität muss sich im Alltag bewähren. Die Leitlinien sollen regelmäßig überprüft und den Anforderungen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation folgend weiterentwickelt werden.

Siggener Denkanstoß 2013

Der Siggener Denkanstoß zur Zukunft der Wissenschaftskommunikation

Vorab: Der Bundesverband Hochschulkommunikation und Wissenschaft im Dialog haben sich Anfang 2013 um "Eine Woche ZEIT" beworben. Mit dem Konzept einer Tagung zur Zukunft der Wissenschaftskommunikation waren wir erfolgreich. Wir danken den der Alfred Töpfer-Stiftung und Team vor Ort sowie dem Zeitverlag sehr für die Möglichkeit, das wunderbare Gut Siggen für diese Tagung nutzen zu dürfen. Ein Ergebnis der Tagung ist der "Siggener Denkanstoß".

Elisabeth Hoffmann (BV_Hkom) und Markus Weißkopf (WiD)
Siggener Denkanstoß


Der Siggener Kreis versteht sich als Denkwerkstatt für die Zukunft der Wissenschaftskommunikation. Die Mitglieder haben im Juli 2013 ohne Auftrag oder Mandat ihrer Institution fünf Tage lang auf Initiative des Zeitverlags und auf Einladung der Alfred Toepfer Stiftung auf dem Holsteinischen Gut Siggen über zentrale Themen und Trends, Chancen und Herausforderungen der Wissenschaftskommunikation debattiert. Wir arbeiten in Hochschulen und Forschungseinrichtungen, Wissenschaftsakademien, Verwaltungen, Förderinstitutionen, Initiativen, Agenturen, Unternehmen und Redaktionen als Kommunikationsbeauftragte, Referenten, Berater, Wissenschaftler und Journalisten. Um gemeinsame Anliegen der Wissenschaftskommunikation voranzubringen, scheint uns ein institutionenübergreifendes Verständnis und ein Bündeln der Aktivitäten erforderlich – im Bewusstsein der teilweise unterschiedlichen Interessen, Motive und Prioritäten.

Dieses Positionspapier wurde gemeinsam verfasst. Wir wollen damit Anstöße für die Wissenschaftskommunikation an den Schnittstellen und Reibungszonen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft geben.

Wissenschaft und öffentliche Kommunikation

Wissenschaft ist der Treiber für Veränderung in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens und liefert zugleich das Wissen, mit dem sich Veränderungen bewerten und einordnen lassen. Die Wissenschaftskommunikation kann einer möglichst großen Öffentlichkeit gesellschaftlich relevantes Wissen zur Verfügung stellen und verständlich aufbereiten. So trägt sie die Wissenschaft in die Mitte der Gesellschaft. Voraussetzung dafür ist eine kritische öffentliche Reflexion, die der Gesellschaft erst erlaubt, realistische Erwartungen in Bezug auf die Wissenschaften auszubilden.

Um dieses Ziel zu erreichen, muss sich die Kommunikation wissenschaftlicher Prozesse an den Werten der Transparenz und Redlichkeit orientieren.

Positionsbestimmung der Wissenschaftskommunikation

  • Die Wissenschaftskommunikation hat sich in Deutschland etabliert. Ihre Rolle wird für die Wissenschaft selbst wie für die Öffentlichkeit als zunehmend wichtig erkannt.
  • Wissenschaftskommunikation ist immer mehr beteiligt an der Aufbereitung wissenschaftlicher Erkenntnisse und Expertise als Grundlage für politische Entscheidungen, auf die die Gesellschaft angewiesen ist.
  • Die Wissenschaftskommunikation hat sich professionalisiert und von Forschungsberichterstattung und Dialogformaten bis hin zu Marketing und Kommunikationsberatung diversifiziert. Dabei stehen einzelne Akteure in verstärktem Maße in einem Wettbewerb um Reputation, Fördermittel und Einfluss. Neben die Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse treten die politische Kommunikation sowie Aufgaben der Profilbildung und Positionierung der eigenen Einrichtung.
  • Die Zahl der Kommunikationsakteure ist deutlich gestiegen. Mit der Diversifizierung des Wissenschaftssystems, in denen Forschungsverbünde, Exzellenzcluster, Forschungszentren oder Sonderforschungsbereiche auch selbst aktiv Kommunikation betreiben, sind neue Rollen für Kommunikatoren entstanden. Die Interaktion zwischen den Akteuren in den vernetzten Wissenschaftssystemen wird entsprechend anspruchsvoller und kann zu Zielkonflikten führen, die reflektiert werden müssen.
  • Unsere Zielgruppen und deren Kommunikationsverhalten verändern sich. Viele Menschen verstehen sich nicht mehr nur als Rezipienten, sondern bringen sich vermehrt in die Kommunikation ein: Interaktive Kommunikation und Beteiligungsformate sowie die Ansprüche an Transparenz gewinnen an Bedeutung.
  • Wissenschaftskommunikation erfolgt in vielen unterschiedlichen Formaten und auf unterschiedlichen Kanälen. Wissenschaftskommunikation kann sich neue Publika erschließen (z. B. YouTube, Apps, Science Slam, Dialogformate, MOOCs – Massive Open Online Courses).
  • Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben die Möglichkeit, sich direkt über soziale Medien an die Öffentlichkeit zu wenden. Dennoch scheuen viele Wissenschaftler diesen direkten Weg in die Öffentlichkeit. Nur wenige Wissenschaftler suchen zurzeit die Unterstützung ihrer Kommunikationsabteilungen für Aufbau, Ausbau und Professionalisierung ihrer Kommunikation. Die Kommunikationsabteilungen sollten hier motivieren und unterstützen. Dabei gilt es, den Respekt vor der Forschung und ihrer eigenen Logik und Kultur zu wahren.
  • Insgesamt herrscht dagegen der Eindruck vor, dass es in vielen Bereichen ein Überangebot an Kommunikationsaktivitäten gibt. Ohne zielgruppenorientierte, differenzierte Kommunikation und klare Prioritätensetzung drohen Qualität und Glaubwürdigkeit der Wissenschaftskommunikation Schaden zu nehmen. Kritische Selbstreflexion, Entwicklung von Strategien und intelligente Aufgabenteilung angesichts knapper Ressourcen können helfen, eine bessere Balance zwischen Forschungskommunikation und Imagekommunikation zu finden. Dabei sollte auch eine bessere Koordination zwischen den unterschiedlichen Teilhabergruppen genutzt werden, um die Wirkung von Wissenschaftskommunikation zu verstärken.
  • Die Stimme der Medien als bewertende und einordnende Instanz wird schwächer. Insbesondere der Qualitäts-Wissenschaftsjournalismus droht im digitalen Strukturwandel der klassischen Medien marginalisiert zu werden. Zugleich eröffnen sich neue Chancen. Wissenschaft kann helfen, neue Plattformen, Formate und Dialogformen in fragmentierten Öffentlichkeiten zu entwickeln (Community-Engagement, Citizen Science, Journalisten als Verleger, Einbindung von freien Journalisten, Remote Journalism – lesergesteuerter Journalismus, Journalist in Residence, etc.). Wissenschaftskommunikation kann eine Unterstützerrolle einnehmen bei der öffentlichen Kommunikation von Veränderungen, bei denen Gesellschaft und Journalismus auf wissenschaftliche Expertise angewiesen sind.
  • Die Reputation der Wissenschaft ist gefährdet durch wissenschaftliches Fehlverhalten, Ökonomisierung sowie eine Maßnahmenorientierung der Wissenschaftskommunikation (Eventisierung, Starkult, unangemessene Werbemaßnahmen). Es ist eine der entscheidenden Aufgaben heutiger Wissenschaftskommunikation, einem Vertrauensverlust in die Wissenschaft entgegenzuwirken, indem sie Fehlentwicklungen benennt und Räume der Selbstreflexion für Akteure mit unterschiedlichen Interessen schafft.
  • Die Wissenschaftskommunikation in Deutschland erscheint international noch wenig beachtet und vernetzt. In den nächsten Jahren sollten die Wissenschaftskommunikatoren sich aktiv in europäische und internationale Netzwerke einbringen, externe „best practice“ Beispiele auf die Anwendung im deutschen Kontext überprüfen, beispielhafte internationale Projekte entwickeln sowie die Entwicklungen stärker über Netzwerke und Medien kommunizieren. 

Werte

Grundlegende Werte der Wissenschaftskommunikation sind für uns

  • Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit
  • Nutzen für die Gesellschaft
  • Transparenz
  • Offenheit der Wissenschaft für den aktiven Dialog mit der Gesellschaft
  • Selbstkritik und Veränderungsbereitschaft
  • Unabhängigkeit
  • Kooperationsbereitschaft aller Akteure.

Wir halten eine Charta der Wissenschaftskommunikation für wichtig und wollen daran mitwirken: ein uns leitendes Regelwerk, das von möglichst vielen an der Thematik Beteiligten, insbesondere von vielen Institutionen im Wissenschaftssystem unterzeichnet wird. Die Charta soll Grundsätze der Wissenschaftskommunikation formulieren und damit

 

  • das Bewusstsein und den Respekt für die Arbeitskulturen der verschiedenen Akteure stärken (Wissenschaftler, Journalisten, Wissenschaftskommunikatoren und Wissenschaftsorganisationen);
  • das Bewusstsein für die Auswirkungen von Kommunikation über Forschung und deren Ergebnisse schärfen;
  • Transparenz für die Hintergründe von Forschung (Finanzierung, Personen, Motivation, Ziele) zum Standard machen;
  • die institutionsübergreifende Zusammenarbeit zwischen den Wissenschaftsakteuren fördern.


Der Siggener Kreis, im August 2013
Siggener Kreis

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