Als Ratsvorsitzender der Stiftung Charité engagiert sich Detlev Ganten zurzeit für ein Berliner Wissenschaftsjahr 2010: Verschiedene Berliner Wissenschaftsinstitutionen - unter anderen die Charité - feiern im kommenden Jahr Jubiläen und werden der Öffentlichkeit ihre Forschung präsentieren. Einen Ausblick auf das Berliner Wissenschaftsjahr 2010 und einen Rückblick auf das Wirken von Wissenschaft im Dialog (WiD) in den vergangenen zehn Jahren unternimmt Ganten im Gespräch mit Dorothee Menhart.
Herr Ganten, was treibt Sie an, den Menschen in der Stadt die Wissenschaft nahe zu bringen?
Ganten: Wissenschaft betrifft nicht nur Wissenschaftler, sondern die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit betreffen jeden Einzelnen, jeden Tag am Arbeitsplatz und zu Hause. Dies zu verdeutlichen, ist unser Ziel. Das Berliner Wissenschaftsjahr 2010 soll zeigen, welche Bedeutung Wissenschaft in dieser Stadt einmal hatte und heute sowie für die Zukunft hat. Ich hoffe, dass wir das Bild vom freien, geistvollen, neugierigen, frechen, wissenschaftlichen Berlin wieder deutlich machen können. Wir berufen uns dabei auch auf eine großartige Tradition und beeindruckende Persönlichkeiten wie Rudolf Virchow – für mich der Inbegriff eines vorbildlichen Wissenschaftlers.
Inwiefern?
Ganten: Rudolf Virchow hat wissenschaftlich Hervorragendes in der Medizin geleistet und hat sich zugleich gesellschaftlich stark engagiert, im Abgeordnetenhaus des Landes Berlin gesessen, er war im Reichstag – und hat unglaublich fleißig für das Gemeinwohl gearbeitet, zum Beispiel, um die Hygienestandards in der Stadt zu verbessern und Infektionskrankheiten zu vermeiden: Große Wissenschaft, angewandt zum Nutzen für die gesamte Gesellschaft.
Als Sie 1991 als Gründungsdirektor des Max-Delbrück-Centrums nach Berlin-Buch kamen, haben Sie in dem kleinen Berliner Vorort Ähnliches versucht.
Ganten: Buch ist ein Vorort im Nordosten Berlins in dem es nach der Wende wenig moderne Infrastruktur gab. Ich habe versucht, dazu beizutragen, aus Buch einen erlebbaren Ort der Wissensgesellschaft zu machen. Die medizinische Forschung wurde angewandt in der Klinik, Biotechnologie und Wirtschaft. Es entstanden so neue Arbeitsplätze und neues vielfältiges Leben mit erheblichen Investitionen im ganzen Ort, weit über die Wissenschaft hinaus. Es gibt dort heute zum Beispiel ein attraktives Einkaufszentrum mit öffentlicher Bibliothek und Restaurants. In Berlin war vor 150 Jahren die Wissenschaft ebenfalls eine treibende Kraft für neue Produkte und Industrien, Arbeitsplätze und gesellschaftliches Leben.
Taugt Wissenschaft als Instrument für Stadtmarketing?
Ganten: Wissenschaft hat das Potenzial, eine Stadt attraktiv zu machen für alle Menschen auch außerhalb der Forschung. Ich wünschte mir, dass die Berliner, insbesondere auch die Berliner Politik, noch deutlicher sieht, was sie an der Wissenschaft hat. Das bedeutet nicht nur, dass mehr Geld in die Wissenschaft gesteckt wird, sondern in die Bildung insgesamt, in die Schulen und Kindergärten, um eine lebendige junge Wissensgesellschaft zu schaffen, aus der dann Technologie und Arbeitsplätze und vieles andere, unsere Zukunftsfähigkeit, entsteht.
Ähnliche Motive standen im Vordergrund, als 1999 die bundesweite Initiative Wissenschaft im Dialog gegründet wurde.
Ganten: Ziel war auch damals, Deutschland zum Wissenschaftsstandort zu machen. Doch das erforderte mehr als das, was in den neunziger Jahren an Anstrengungen unternommen wurde. Erstens mehr Geld. Zweitens aber auch ein höheres Maß an Bereitschaft von Politik und Gesellschaft, die Aufbruchstimmung der neunziger Jahre zu nutzen, um Deutschland zum Land der Wissenschaft und zum Land der Ideen zu machen. Weil Politik auf Stimmungen in der Gesellschaft reagiert, galt es, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass Wissenschaft das große Thema einer neuen Bundesrepublik Deutschland werden musste.
Ist das gelungen?
Ganten: Zum Teil. Wenn man bedenkt, was es in den sechziger, siebziger, achtziger Jahren an öffentlicher Diskussion über die Bedeutung der Wissenschaft gab, so war das eindeutig weniger als jetzt – und das ist gewiss ein großes Verdienst von Wissenschaft im Dialog. Aber: Jetzt in der Finanzkrise wird in Deutschland zum Beispiel im großen Stil investiert in die Abwrackprämie. Dabei sollte es vielmehr um moderne Forschung für saubere Antriebssysteme gehen. Wenn ein Land in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerät, muss es in die Zukunft investieren. Das haben die Politiker und das hat die Gesellschaft noch nicht ausreichend verstanden. Es müsste eigentlich einen Aufschrei in der Wissenschaft und in der Gesellschaft insgesamt geben. In anderen Ländern wird jetzt stärker in die Zukunft investiert, und die werden die Gewinner sein. Bei uns gibt es natürlich auch solche weitsichtigen Persönlichkeiten, aber sie finden nicht ausreichend Unterstützung.
Was könnte in der Wissenschaftskommunikation verbessert werden?
Ganten: Die öffentliche Meinung muss so informiert werden, dass die weitsichtigen Persönlichkeiten in Politik und Gesellschaft nicht überhört werden können. Vielleicht müssten wir uns dazu inhaltlich noch stärker auf aktuelle Schwerpunkte konzentrieren.
Dahingehend verändert sich zurzeit das Konzept der Wissenschaftsjahre. Welchen Schwerpunkt schlagen Sie vor?
Ganten: Gesundheit. Das liegt mir als Mediziner natürlich am nächsten, aber ich glaube, das würde ich auch sagen, wenn ich Physiker oder Theologe wäre. Gesundheit ist das, was die Menschen interessiert und was sich die Menschen gegenseitig wünschen. Wir müssen deutlich machen, dass Wissenschaft wirklich für den Menschen da ist: Und wir müssen Umwelt-, Materialforschung, Physik in diesen Dienst stellen.
Wie zum Beispiel?
Ganten: Die Physiker schaffen es, große Experimente zu realisieren, die sehr viel Geld kosten und international finanziert werden. Solche Großprojekte brauchen wir natürlich insbesondere für die Gesundheit. Da gibt es wahnsinnig viel zu erforschen, die Behandlung von Aids, Infektionskrankheiten, Krebs, vor allen Dingen aber die Prävention von Krankheiten und die Versorgung der Bevölkerung in den armen Regionen dieser Welt.
Themenwechsel: Als Wissenschaft im Dialog 1999 mit dem Ziel antrat, Wissenschaft zu popularisieren, galt dies Vielen als Frevel. Hat sich das grundsätzlich geändert?
Ganten: In der Tat hatte ein guter Wissenschaftler im Bild der Öffentlichkeit und im Selbstverständnis sehr zurückhaltend zu sein mit einer Popularisierung seiner Forschung, weil dabei immer eine Vereinfachung notwendig ist und die Komplexität wissenschaftlicher Experimente oder Aussagen deutlich reduziert werden muss. Wer das machte, musste sich mitunter vorwerfen lassen, dass er seine wertvolle Zeit dazu einsetzt, Leuten, die es eigentlich gar nicht richtig verstehen können, etwas verständlich machen zu wollen. „Wozu eigentlich?“, wurde gefragt. Diese Arroganz der Wissenschaft gab es früher und zum Teil noch heute. Wissenschaft wird noch zu häufig als etwas dargestellt, wo aus schwierigen Experimenten neue komplexe Erkenntnisse gewonnen werden, die schwer verständlich sind. Wissenschaft ist im Grundsatz aber nichts anderes als kritisch nachfragen und selbstkritisch denken.
Dies sollte auch die Wissenschaftskommunikation stärker beherzigen?
Ganten: Ja, es ist sicherlich gut, Kindern ganz früh den Zugang zum wissenschaftlichen Denken zu vermitteln, ihnen zum Beispiel einen Lolly in die Hand zu drücken und gemeinsam zu fragen, was da an Chemie drin ist. Und warum es gut schmeckt. Mit einfachen Experimenten sollte man im Kindergarten anfangen. Entscheidend aber ist, dass kritisches, unabhängiges Denken eingeführt wird – bei Kindern schon. Den Eltern und Lehrern zu widersprechen, den Dialog zu üben, das ist viel aufwändiger und viel schwieriger, aber viel wirksamer als komplexe Didaktik. So wird Wissenschaft eine Frage des täglichen Lebens und die muss es sein.
Sie sehen Fortschritte in der Kommunikation wissenschaftlicher Arbeit?
Ganten: Ganz eindeutig. Durch die Arbeit von Wissenschaft im Dialog, durch Preise wie den Communicator-Preis und dadurch, dass sich tatsächlich die Besten in den vergangenen Jahren immer wieder bereit erklärt haben, an die Öffentlichkeit zu gehen, konnte viel erreicht werden. Glücklicherweise haben sich auch jene engagiert, die ganz unangefochten an der Spitze der deutschen und internationalen Forschung stehen und gewissermaßen den Heiligenschein der Wissenschaft haben, wie Nobelpreisträger, Leibnizpreisträger oder die Präsidenten von Wissenschaftsorganisationen. Durch das Engagement sehr Vieler sind wir hier deutlich vorangekommen. Und nicht zuletzt zeigt allein die Tatsache, dass Wissenschaft im Dialog nunmehr seit zehn Jahren mit viel Unterstützung arbeitet und wir auch fest davon ausgehen können, dass dies so bleibt, dass enorm viel erreicht worden ist und die Wissenschaft diesen Dialog mit der Öffentlichkeit ganz mehrheitlich will.
Prof. Dr. med. Detlev Ganten gehörte Ende der Neunziger Jahre zu den wichtigsten Initiatoren von Wissenschaft im Dialog (WiD). Der Pharmakologe und Gründungsdirektor des Max-Delbrück-Zentrums und spätere Vorstandsvorsitzende der Charité war u.a. Präsident der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte, Vizepräsident der Helmholtz-Gemeinschaft, Mitglied im Nationalen Ethikrat und ist Mitglied verschiedener Akademien der Wissenschaften.
In einem Memorandum verpflichtete sich 1999 die deutsche Wissenschaft, den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu fördern. Das Memorandum ist seit zehn Jahren Grundlage für die Arbeit von WiD. Zum Memorandum
Aus Anlass des 10-jährigen Bestehens von Wissenschaft im Dialog wird beim Forum Wissenschaftskommunikation vom 30. 11. bis 2. 12. 2009 in Berlin auch auf zehn Jahre Wissenschaftskommunikation in Deutschland zurückgeblickt. Mehr
Die Charité feiert im Jahr 2010 ihr 300-jähriges Bestehen. Gemeinsam mit anderen Jubilaren soll daher die Wissenschaftsstadt Berlin in Ausstellungen, Schul-, Kunst und Wirtschaftsprojekten in diesem Jahr besonders gefeiert und präsentiert werden. Mehr