Joachim Treusch
Mehr Sichtbarkeit für die Forschung und eine größere Rationalität in der Debatte über Themen der Wissenschaft – Motive wie diese zählt Joachim Treusch zu den wichtigsten Gründen für die Öffnung der deutschen Wissenschaft. Im Gespräch mit Dorothee Menhardt beleuchtete der ehemalige Vorsitzende des Lenkungsausschusses von Wissenschaft im Dialog die Entwicklung der Wissenschaftskommunikation der letzten zehn Jahre.
Herr Professor Treusch, Sie haben 1999 alle großen deutschen Wissenschaftsorganisationen davon überzeugt, ein Memorandum zu unterzeichnen, mit dem sich die deutsche Wissenschaft zum intensiven Dialog mit der Bevölkerung verpflichtete. Was trieb Sie an?
Joachim Treusch: Das Jahr 2000. Um die Jahreswende 1999/2000 war klar:
Wenn wir jetzt im Jahr 2000 nicht anfangen, dann wird das große Vorhaben
der Forschungsorganisationen, gemeinsam auf die Öffentlichkeit zuzugehen,
wieder auf die lange Bank geschoben. Die anstehende runde Jahreszahl war es, die uns angetrieben hat, schnell zu handeln.
Schnell hieß damals: sofort.
Joachim Treusch: Was mir als Erfolg zugeschrieben wird, ist, dass das natürlich langfristig vorbereitete Memorandum damals nicht nur unterschrieben, sondern auch materiell unterfüttert wurde. Und dies geschah tatsächlich am Nachmittag und in der Nacht vor der für die Unterschrift angesetzten Sitzung: Vier Millionen
D-Mark sind damals per Telefon zusammengekommen – quasi als Startgeld
für Wissenschaft im Dialog.
Warum überhaupt wollte die Wissenschaft diesen Dialog?
Joachim Treusch: Die Ziele waren vielschichtig: mehr Sichtbarkeit für die Forschung, mehr Studienanfänger, mehr Rationalität in der Debatte über Themen der Wissenschaft. Die Gentechnikdebatte und die Stammzellendebatte, die damals hochkochten, haben durch den verstärkten Dialog zwischen Forschern und interessierter Öffentlichkeit deutlich mehr Sichtbarkeit und zugleich mehr Rationalität erfahren. 2000, im Jahr der Physik, stand zudem im Vordergrund, dass zuvor die Zahl der Studienanfänger im Fach Physik drastisch zurückgegangen war. Die Initiierung dieses Wissenschaftsjahres, insbesondere auch durch die Deutsche Physikalische Gesellschaft, hatte ganz klar das Ziel, mehr Studienanfänger zu generieren.
Mit Erfolg?
Joachim Treusch: Das Jahr der Physik hat in der Tat die Zahl der Studienanfänger massiv hochgetrieben. Statistiken zeigen sogar, dass dort, wo im Jahr 2000 Veranstaltungen stattfanden, in denen Physik anschaulich wurde für einen breiten Bevölkerungskreis, signifikant noch mehr Studienanfänger sich für Physik entschieden. Und: Viele Aktivitäten dieses Jahres wie die „saturday morning physics“ gibt es noch heute.
Auch aus anderen Wissenschaftsjahren gibt es erfolgreiche Überbleibsel …
Joachim Treusch: … und wenn man sich die Zahl der Wissenschaftsseiten in Zeitungen anschaut, die Fernsehformate, wenn man sich anschaut, wie präsent Wissenschaft heute in der Öffentlichkeit ist, so zeigt sich, dass die Welt sich geöffnet hat hin zur Wissenschaft. Das wird nicht alles in einem kausalen Zusammenhang zur Initiative Wissenschaft im Dialog stehen. Vereinzelte Oasen von Wissenschaftspopularisierungen und Bemühungen einzelner Forschungsorganisationen, mit Zeltausstellungen oder Tagen der Forschung auf die Öffentlichkeit zuzugehen, gab es lange vor WiD-Gründung. Der Verdienst von WiD ist, das Ganze sichtbar gebündelt und die Forscher ermutigt zu haben. Den großen Durchbruch erreichte die Wissenschaft erst mit der Gemeinschaftsinitiative Wissenschaft im Dialog.
Werden auch kontroverse Themen heute stärker debattiert als vor zehn Jahren?
Joachim Treusch: Ganz klar! Es gab die Debatte über Hirnforschung, eine Debatte, die von Philosophen wie Jürgen Habermas aufgegriffen wurde, an der sich Natur- und Geisteswissenschaftler, Ethiker, Politiker und Fachleute aus Verbänden beteiligt haben, die Eingang in die FAZ fand, die von der Öffentlichkeit sehr aufmerksam verfolgt wurde und die die Öffentlichkeit auch sehr stark aufgeregt hat. Solcherlei inhaltliche Debatten gibt es heute deutlich mehr als 1999.
Sind Wissenschaftler heute überzeugter davon, dass es zu ihren Aufgaben
gehört, ihre Forschung zu erläutern? Oder sind sie heute abhängiger von PR in eigener Sache, weil das Einwerben von Drittmitteln in der Wissenschaft eine immer größere Rolle spielt?
Joachim Treusch: Das Trommeln für die eigene Sache ist etwas, wovon ich nicht nur positiv angetan bin, weil es die eigentliche Arbeit manchmal schon zu überdecken beginnt. Das sind aber zwei verschiedene Pfade: ob ich für die eigene Wissenschaft trommeln muss, um Geld zu bekommen oder um die Politik zu überzeugen, oder ob ich mich bemühe, sie verständlich zu machen für den Menschen auf der Straße. In beiden Richtungen hat sich viel getan, aber nur in der zweiten würde ich es uneingeschränkt begrüßen. Beispielsweise hat das ZDF ja mittlerweile einen Communicator-Preisträger, den Physiker Harald Lesch, als Moderator einer eigenen Wissenschaftssendung engagiert. Seine Fangemeinde, Millionen Zuschauer, besteht interessanterweise größtenteils aus jungen Menschen zwischen 14 und 25 Jahren – es ist sensationell, dass er gerade die für Wissenschaft begeistert. Das wäre vor zehn Jahren völlig undenkbar gewesen.
Was war damals anders?
Joachim Treusch: Bis dahin waren es überwiegend Journalisten, die in den Medien über Wissenschaften berichteten. Heute traut sich Herr Lesch als Professor in diesen Ring und macht das gut. Und – auch dies unvorstellbar vor zehn Jahren – er wird von Kollegen deshalb nicht scheel angesehen.
Sind Sie zufrieden mit der Bedeutung, die Wissenschafts- und Bildungsthemen heute in der Politik haben?
Joachim Treusch: Was ich begrüße ist, dass der Haushalt des BMBF in jüngster Vergangenheit gestiegen ist – und zwar deutlich. Das hat mit Sicherheit damit zu tun, dass die Politik wahrgenommen hat, dass sie für Wissenschaftsförderung Applaus bekommt.
Prof. Dr. Joachim Treusch ist Präsident der Jacobs University Bremen. Er ist Mitbegründer von Wissenschaft im Dialog und war von 1999 bis 2006 der erste WiD-Vorsitzende.
Er studierte Physik an der Universität Marburg und an der TU Berlin. 1965 wurde er in Marburg mit einer Arbeit über die Bandstruktur des Tellur promoviert. 1969 habilitierte er sich ebenfalls in Marburg. 1970 wurde er Professor an der Universität Frankfurt/Main. Von 1971 bis 1987 war er Ordentlicher Professor für Theoretische Physik an der Universität Dortmund. Anschließend arbeitete er am Forschungszentrum Jülich tätig. Von 1990 bis 2006 war er dessen Vorsitzender des Vorstandes.
In den vergangenen Jahrzehnten war der mehrfache Ehrendoktor Treusch in zahlreichen wissenschaftlichen und forschungspolitischen Lenkungsgremien tätig, unter anderem als Präsident der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, als Vorsitzender der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, als Mitglied und Vorsitzender verschiedener Sachverständigenkreise des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, als Mitglied des Technologierates des Bundeskanzlers sowie als Mitglied wissenschaftlicher Beiräte und Kuratorien, etwa des Wissenschaftszentrums NRW, der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt sowie des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft. Seit 2000 ist er Senatsmitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina.
In einem Memorandum verpflichtete sich 1999 die deutsche Wissenschaft, den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu fördern. Das Memorandum ist seit zehn Jahren Grundlage für die Arbeit von WiD. Zum Memorandum
Aus Anlass des 10-jährigen Bestehens von Wissenschaft im Dialog findet beim Forum Wissenschaftskommunikation vom 30. 11. bis 2. 12. 2009 in Berlin auch ein Blick zurück auf zehn Jahre Wissenschaftskommunikation in Deutschland statt. Mehr