11:00 – 13:00 Uhr
Perspektiven der Wissenschaftskommunikation
Fünf Thesen – Fünf Kommentare
Organisation: Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft
Anerkennung für die Karriere des Wissenschaftlers erreichen
Thomas Gazlig, Leiter Kommunikation und Medien der Helmholtz-Gemeinschaft
Neue Medien für den Dialog von Wissenschaft und Gesellschaft nutzen
Prof. Dr. Annette Leßmöllen, Professorin für Journalistik mit dem Schwerpunkt Wissenschaftsjournalismus an der Hochschule Darmstadt.
Nachhaltigkeit durch die Verbindung informeller und formeller Lernorte sichern
Dr. Heike Kahl, Geschäftsführerin der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung
Alle Schichten der Gesellschaft erreichen
Hildburg Kagerer, Schulleiterin der Ferdinand-Freiligrath-Schule, integrierte Haupt- und Realschule
Den Dialog über Forschungsergebnisse zum Dialog über Erkenntnisprozesse weiterentwickeln
Prof. Dr. Gerold Wefer, Vorsitzender des Lenkungsausschusses Wissenschaft im Dialog
Diskussionsgrundlage für diese fünf Thesen und fünf Kommentare
ist das Perspektivenpapier „Wissenschaft im öffentlichen Raum“,
das Wissenschaft im Dialog, Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft
und die Allianz der Wissenschaftsorganisationen im
November 2009 gemeinsam veröffentlicht haben.
Wissenschaft im Öffentlichen Raum
Zwischenbilanz und Perspektiven für das nächste Jahrzehnt
Die Wissenschaft trägt wesentlich zur Entwicklung von Gesellschaft
und Wirtschaft bei. Um die Zukunft des Landes zu gestalten und
die dafür nötigen Ressourcen sicherzustellen, müssen die Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler aktiv den Dialog mit den
Bürgern suchen. Deshalb haben sich vor zehn Jahren die führenden
Wissenschaftsorganisationen zum offenen gesellschaftlichen Dialog
über Chancen und Potenziale, aber auch Risiken der Wissenschaften
bekannt. Seither wurde viel erreicht – dank des Engagements der
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, ihrer Verbände und Institutionen,
aber auch der Politik, Wirtschaft und Medien. Den Erfolgen
stehen neue Herausforderungen gegenüber.
Die Wissenschaftsorganisationen wollen mit vereinten Kräften den
gesellschaftlichen Dialog weiter intensivieren. Sie wollen:
- die Meinungsbildung in der Gesellschaft und die Entscheidungsfindung in der Politik aktiv mitgestalten,
- allen Bürgerinnen und Bürgern ein eigenständiges und vorurteilsfreies Bild über ethische, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Auswirkungen wissenschaftlicher Erkenntnisse und Aktivitäten ermöglichen,
- junge Menschen für eine Karriere in Wissenschaft und Forschung begeistern.
Was erreicht wurde
Seit Unterzeichnung des PUSH-Memorandums durch die deutschen
Wissenschaftsorganisationen im Mai 1999 haben die gemeinsamen
Anstrengungen sichtbare Veränderungen bewirkt.
- Hochschulen und Institute haben Wissenschaftskommunikation als originäre institutionelle Aufgabe erkannt und stellen dafür in zunehmendem Maße finanzielle und personelle Ressourcen bereit.
- Das Engagement für den Wissenschaftsdialog trägt heute positiv zur Reputation eines Wissenschaftlers bei. Die Bereitschaft der Wissenschaftler, sich der Öffentlichkeit zuzuwenden, ist deutlich gestiegen.
- Die Wissenschaft hat neue interaktive Formate der Wissenschaftsvermittlung entwickelt und diese zielgruppenspezifisch eingesetzt.
- Wissenschaft begegnet den Bürgern – wie Musik und Kunst – heute viel häufiger und selbstverständlicher als noch vor einem Jahrzehnt.
- Die Berichterstattung über Wissenschaft in den Publikumsmedien hat stark zugenommen.
- Wissenschaftsthemen sind auf der politischen Agenda nach oben gerückt.
Neue Herausforderungen
Nach einem Jahrzehnt steht der Dialog von Wissenschaft und Gesellschaft
vor neuen Aufgaben und Akzentverschiebungen:
- Er muss nicht nur Forschungsergebnisse sondern eher Erkenntnisprozesse in den Vordergrund rücken.
- Er muss zielgerichtete Konzepte für die Ansprache bildungsbenachteiligter Gruppen entwickeln.
- Er muss seine Dialogformate mit Schulen und anderen Lernorten besser verknüpfen.
- Er muss neue Medien für die Kommunikationsstrategien und -formate stärker nutzen.
- Er muss Kriterium bei der Beurteilung von Forschern in der wissenschaftlichen Karriere werden.
- Er muss von den Wissenschaftsorganisationen und ihre Partnerngemeinsam geführt werden, um politische und gesellschaftliche Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozesse mit starker Stimme mitzugestalten.
Vom Dialog über Forschungsergebnisse zum Dialog über
Erkenntnisprozesse
Wissenschaftskommunikation konzentriert sich bislang vor allem auf
die Vermittlung von Forschungsergebnissen. Wie diese entstehen,
welche sozialen, ethischen oder wissenschaftspolitischen Fragen die
Forschung aufwirft, welche Chancen und Risiken Forschung mit sich
bringt und welchen Beitrag sie zur Lösung konkreter wirtschaftlicher
und gesellschaftlicher Probleme leisten oder auch nicht leisten kann,
steht bislang nicht im Zentrum des Dialogs. Die Träger der Initiative
werden das Verständnis für Erkenntnisprozesse zukünftig verstärkt in
den Vordergrund rücken. So wird eine Diskussion über Wissenschaft
möglich, die von Sachkunde und Ernsthaftigkeit und nicht so sehr von
Vorurteilen oder Angst geprägt ist. Nur so kann es gelingen, eine noch
breitere gesellschaftliche Unterstützung für die Forschung und ihre
Institutionen zu sichern.
Alle Schichten der Gesellschaft erreichen
Die etablierten Formate des Wissenschaftsdialogs erreichen vor allem
Kinder, Schüler und Jugendliche aus gebildeten Elternhäusern, die bereits
Interesse an wissenschaftlichen Themen mitbringen. Bildungsbenachteiligte
Schichten zielgerichtet anzusprechen und an akademische
Bildung heranzuführen, wird die zentrale Herausforderung
für die Zukunft sein. Die Träger der Initiative wollen dafür gemeinsam
geeignete Partner finden und neue Formate entwickeln und erproben.
Ziel muss es sein, alle Menschen an Wissenschaft und Forschung zu
beteiligen und Kindern und Jugendlichen berufliche Chancen durch
eine wissenschaftliche oder technische Ausbildung aufzuzeigen.
Kräfte bündeln:
Verknüpfung von informellen und formellen Lernorten
Wissenschaft, Politik, Unternehmen und Stiftungen haben bereits
vielfältige Formate des Wissenschaftsdialogs für Kinder, Schüler und
Erwachsene entwickelt. Ziel muss es nun sein, flächendeckende Kooperationen
mit Schulen und anderen Bildungseinrichtungen zu
schaffen und die informellen Bildungsangebote der Wissenschaftsorganisationen mit den Angeboten im formalen Ausbildungssystem zu verknüpfen. Die Träger der Initiative werden den Dialog mit den Kultusbehörden der Länder aufnehmen, um solche Kooperationen zu
stärken.
Neue Medien für innovative Formate nutzen
Das Internet hat Prozesse der Wissens- und Meinungsbildung revolutioniert.
Die Entwicklung neuer sozialer Netzwerkstrukturen und individualisierter
Informations- und Bildungspfade durch das Internet
gilt es auch in der Wissenschaftskommunikation aufzugreifen und in
innovative Dialogformate zu überführen. Die Träger der Initiative werden
die neuen Medien aktiv und Standard setzend für die öffentliche
Diskussion von Forschungsergebnissen sowie Erkenntnisprozessen
und den weltweiten offenen Zugang zu Wissen nutzen.
Anerkennung für die Karriere
Das Engagement von Wissenschaftlern in der Wissenschaftskommunikation
findet zunehmend Anerkennung. Inzwischen tragen Erfolge
in der Wissenschaftskommunikation zum Ansehen eines Wissenschaftlers
bei. Das Engagement bleibt meistens jedoch ohne positive
Folgen für die Karriere. Dieses Ziel des PUSH-Memorandums von 1999
ist bisher nicht erreicht worden. Da der Dialog mit der Öffentlichkeit
zu den selbstverständlichen Aufgaben eines Wissenschaftlers gehört,
müssen seine Leistungen in der Wissenschaftskommunikation ein
Beurteilungskriterium in allen Förder-, Evaluierungs- und Berufungsverfahren
werden.
Der Wert gemeinsamen Handelns
Die Träger der Initiative sind sich des Wertes eines gemeinsamen Vorgehens
bewusst. Nur gemeinsam können die Wissenschaftsorganisationen
und ihre Partner forschungspolitische Weichenstellungen
frühzeitig, aktiv und konstruktiv mitgestalten. Dies gilt umso mehr,
als sich die Wissenschaft und ihre Institutionen zunehmend differenzieren.
Sie können daher nur gemeinsam mit Aussicht auf Erfolg
den Dialog mit der Gesellschaft und den politischen Entscheidungsträgern
suchen. Politische und gesellschaftliche Meinungsbildungsund
Entscheidungsprozesse brauchen mehr denn je eine starke und
wahrnehmbare Stimme der Wissenschaft.