Carsten Klein (Moderation)
Tom Steinlein, Julius Thomas Tamar, Julian Klein, Franz Ossing, Sven Beyer


Wissenschaftskommunikation und Kunst

Brücken zwischen Kunst und Wissenschaft


Lange Zeit waren Wissenschaft und Kunst eng miteinander verwoben. Erst im 18. Jahrhundert trennten sich die Wege. Dieser Workshop, organisiert und moderiert von Carsten Klein (Schering Stiftung), präsentierte vier Projekte, die Brücken zwischen Kunst und Wissenschaft bauen.

Evolution unterwegs – eine interdisziplinäre Wanderausstellung entsteht: Unter der Leitung eines Teams der Universität Bielefeld und des Museums am Schölerberg in Osnabrück entsteht ein interdisziplinär angelegtes Ausstellungsprojekt mit dem Titel „Evolution unterwegs“. Das als Wanderausstellung angelegte Projekt soll dazu anregen, Evolution be-greifbar zu machen und insbesondere aus verschiedenen Blickwinkeln zu diskutieren. Um einen alternativen Zugang zum Thema zu öffnen, ist der Künstler Julius Thomas Tamar als einer der Projektpartner an der Konzeption beteiligt. Die wissenschaftliche und fachliche Betreuung übernimmt Klaus Reinhold, Professor für Evolutionsbiologie an der Fakultät für Biologie der Universität Bielefeld. Die didaktische Umsetzung wird durch Tom Steinlein, Uni Bielefeld, und Norbert Niedernostheide vom Museum am Schölerberg, Osnabrück, betreut. Neben diesen zentralen Partnern bestehen für einzelne Projektbausteine weitere Kooperationen mit Musikern, Fotografen und Theaterpädagogen.

Die Kernidee ist, bereits vor der Eröffnung der Ausstellung im Juni 2009 Veranstaltungen durchzuführen und dort entstehende gestalterische Elemente später in die Ausstellung zu integrieren. Diese „Events vorab“ – etwa aus dem Bereich Theater oder Musik – werden nach erster Aufführung so weiterentwickelt, dass sie als Bausteine in der Ausstellung zu sehen sind. Zentral ist die künstlerische Ausrichtung. Ob „Evolutionstheater“ mit Kindern, eine öffentlichkeitswirksam inszenierte „Evolutionssymphonie“ oder ein Fotoprojekt zum Thema „Evolution und Vielfalt“: Wichtig ist die alternative Herangehensweise an das Thema Evolution. Die Ausstellung ist vom 7. Juni bis zum 18. Oktober 2009 im Museum am Schölerberg in Osnabrück zu sehen und geht im Anschluss als Wanderausstellung auf Reisen durch das deutschsprachige In- und Ausland.

HUM – die Kunst des Sammelns

Der Berliner Komponist und Regisseur Julian Klein präsentierte zwei Produktionen der Gruppe „a rose is“: die Gehirnklang-Performance „Brain study“ (2001-2004) und die vor allem durch die Schering Stiftung finanzierte Produktion „HUM – die Kunst des Sammelns“. Letztere wurde im Februar und März 2008 im Museum für Naturkunde Berlin umgesetzt, das mit etwa 30 Millionen Präparaten eine der weltweit größten Sammlungen hat. An der Produktion beteiligt waren außerdem der Berliner Verein KlangQuadrat sowie MaerzMusik.

An insgesamt acht Abenden verwandelten sich die historischen und normalerweise nicht zugänglichen Sammlungssäle des Museums für Naturkunde in einen Parcours in drei Akten, der die Taxonomie als Hauptbeschäftigung der in diesem Museum arbeitenden Wissenschaftler künstlerisch in Szene setzte. Fragen nach der Bedeutung des Originals, nach der Menge des Wahrnehmbaren oder nach der Ökonomie von Kategorien wurden thematisiert. Großen Anteil an dem Projekt hatten auch die Wissenschaftler selbst, die sowohl in zuvor aufgezeichneten Interviews zu ihrer Arbeit Teil der Installationen wurden als auch selbst in verschiedenen Rollen auftraten.

Der Weg führte durch die Sammlungsräume, veranschaulichte die dort betriebene Wissenschaft des Sammelns, Bestimmens und Kategorisierens, erzählte Geschichten und zeigte faszinierende Dokumente der Natur. Mittels Bewegungen, Objekten, Musiken, Zeichnungen, Klängen, Video, Film, Mobiles oder Songs wurde die menschliche Sucht nach der Beherrschung der Welt durch ihre Benennung thematisiert und damit die ureigenste Aufgabe sowie die historische Qualität des Museums betont und dem Besucher als sinnliche Erfahrung begreifbar gemacht. Zunächst stand die Idee im Vordergrund, der Vielfalt der Natur mit all ihren Arten und Gattungen eine Zoologie der Künste gegenüberzustellen. Der Austausch zwischen Wissenschaft und Kunst erweiterte das Projekt jedoch um neue, vertiefende Perspektiven, so dass sich letztendlich die Materialien, Geschichten und künstlerischen Spielarten zu einem Portrait des Museums verwoben.

C – the speed of light

Ist wirklich nichts schneller als das Licht? Sven Sören Beyer, künstlerischer Leiter des Berliner Künstlernetzwerks „phase7 – performing.arts“, präsentierte die Cross-Media-Oper „C – the speed of light“, die sich im Einsteinjahr 2005 mit den Mitteln einer modernen Oper der Gedankenwelt Albert Einsteins näherte. Zur Umsetzung dieser von Wissenschaft im Dialog in Auftrag gegebenen Einstein-Oper wurde auf dem Bebelplatz in Berlin eigens ein 18 Meter hohes Kuppelzelt, der so genannte Mediadome, errichtet. Die eingebrachte Multimedia-Technik und die Zusammenarbeit mit Softwarekünstlern ermöglichten eine 360-Grad- Projektion über den Köpfen des Publikums, die den drei Protagonisten der Oper (Mensch, Wissen und Zeit) als lebendiges Bühnenbild diente.

Komponiert wurde die Oper von Christian Steinhäuser und Sasse Baumhof, das Libretto entstammte der Feder von Christiane Neudecker. Genauso wichtig wie die künstlerische Zusammenarbeit für die Konzeption der Oper sei auch der Kontakt und Austausch mit den Wissenschaftlern gewesen, berichtet Beyer. So flossen neben zahlreichen Bildern des Hubble-Space-Teleskopes auch auf wissenschaftlichen Berechnungen fußende Animationen schwarzer Löcher oder kollidierender Galaxien in die Projektionen ein.

Man habe zunächst versuchen müssen, die wissenschaftliche Sicht zu verstehen, um diese dann in die künstlerische Sprache umsetzen zu können. Eine solche Produktion bewege sich immer im Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Korrektheit und künstlerischer Freiheit. Auch stehe der Künstler als Auftragnehmer in der Pflicht, die Ziele des Auftraggebers – in diesem Fall die Vermittlung von Einsteins Arbeit – nicht aus dem Blick zu verlieren. Auch wenn Wissenschaft im Dialog keine Randbedingungen gestellt oder Vorgaben gemacht habe, sei bei der Konzeption viel Wert auf größtmögliche Nähe zum wissenschaftlichen Gehalt gelegt worden.

Wissenschaft und Kunst und Wissenschaft

Die holländischen Landschaftsmaler des 17. Jahrhunderts haben es Franz Ossing angetan. Als gelernter Meteorologe interessiert sich der Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen GeoForschungsZentrums GFZ besonders für die detailgetreue Darstellung von Klima, Wetter und Geologie. In seinem Beitrag „Wissenschaft und Kunst und Wissenschaft“ stellte er Überlegungen an, wie sich Kunst und Wissenschaft ergänzen und gegenseitig helfen können.

Die Antwort auf die Frage, ob die zahllosen Bilder der holländischen Landschaftsmalerei vielleicht als Klimaarchiv für die Wissenschaft nutzbar wären, beantwortete Ossing ebenso knapp wie begründet mit einem „Nö – leider nicht“. Er schickte aber gleich eine gute Nachricht hinterher: Die Wissenschaft könne der Kunst sehr wohl bei der Interpretation helfen. So ließen sich mit den Erkenntnissen der Meteorologie und der Geowissenschaften das auf den Bildern dargestellte Wetter oder die geologischen Strukturen analysieren. Damit könne ein Beitrag zu der seit mehr als hundert Jahren andauernden Debatte über den Realitätsgehalt der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts geleistet werden.

Auch auf technischer Ebene könne die Wissenschaft dabei helfen, Bilder etwa auf ihre Echtheit zu kontrollieren oder – wie im Falle des Gemäldes „Grasgrond“ (Van Gogh, 1887) – mithilfe von Röntgenstrahlen ein verstecktes Frauenporträt zum Vorschein bringen.

Die Naturwissenschaft steht also der Kunstgeschichte als nützliches Instrument zur Beantwortung analytischer und interpretatorischer Fragen zur Verfügung. Aus Sicht des Wissenschaftskommunikators ergeben sich daraus auch spannende Kooperationsfelder für die Museumspädagogik. Beispielsweise konnte das Deutsche GeoForschungsZentrum GFZ im Jahr 2001 in Zusammenarbeit mit der Berliner Gemäldegalerie und dem Altonaer Museum in Hamburg eine Ausstellung mit dem Titel „Die kleine Eiszeit“ umsetzen, die sich der Frage des Realitätsgehaltes der holländischen Landschaftsmalerei des 17. Jahrhunderts widmete. Dabei blieben die Kunsthistoriker mit ihren Positionen nicht unter sich, sondern nahmen den Dialog mit den Naturwissenschaften auf.

Dr. Carsten Klein ist Sprecher des Vorstands im Stiftungsrat der Schering Stiftung und Leiter des Wissenschaftsressorts. Dr. Tom Steinlein ist Wissenschaftler am Lehrstuhl für Experimentelle Ökologie und Ökosystembiologie der Fakultät für Biologie, Universität Bielefeld. Julius Thomas Tamar ist freier Künstler in Münster. Julian Klein arbeitet als Regisseur und Komponist in Berlin und ist künstlerischer Leiter des Musik- und Theaterensembles a rose is. Franz Ossing ist Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des GeoForschungsZentrums GFZ in der Helmholtz-Gemeinschaft. Sven Sören Beyer ist künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des Künstlernetzwerkes phase7 – performing.arts.

 
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