Ortwin Renn im Interview

„Die Wirklichkeit ist offener als unsere vorgefertigten Urteile“

Ortwin Renn, Professor für Umwelt- und Techniksoziologie an der Universität Stuttgart, wird auf dem Forum Wissenschaftskommunikation in Mannheim in eines von drei Schwerpunktthemen einführen: „Wissenschaftskommunikation in der Praxis: Evaluation und Qualitätssicherung“. Im Vorfeld sprach Miriam Buchmann-Alisch mit dem Soziologen über Ziele, Kriterien und Fallstricke der Evaluation.

 

Ortwin Renn

Herr Renn, Wissenschaftskommunikation ist eine relativ junge Disziplin. Seit wann gibt es deren Evaluation?

Renn: Evaluationsforschung von kommunikativen Maßnahmen gibt es bereits seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der große Matador der Kommunikationsforschung war Leslie Weiss. Mit der PUSH-Bewegung [Public Understanding of Sciences and Humanities] ist die Evaluationsforschung inzwischen auch bei der Wissenschaftskommunikation angekommen.

Wie misst man denn, ob ein Kommunikationsprojekt sein Ziel erreicht? Welche Kriterien spielen dabei eine Rolle?

Renn: Zu unterscheiden sind vier Ziele der Wissenschaftskommunikation. Auf jede dieser vier Zielgrößen kann man die Grundkriterien der Evaluation abbilden: Effektivität, Effizienz, Fragen der Distribution und Nachhaltigkeit.

Wie sehen die vier Ziele der Wissenschaftskommunikation im Einzelnen aus?

Renn: Handelt es sich erstens um einen reinen Lerneffekt? Oder möchte man zweitens Interesse vermitteln, dazu anregen, dass die Person mehr Informationen zum Thema einholt? Ein bisschen darüber hinaus geht drittens die angestrebte Aufgeschlossenheit gegenüber Wissenschaft. Und schließlich kann viertens so genanntes Involvement das Kommunikationsziel sein. Im besten Fall möchte die Person das Fach später auch studieren, sich aber zumindest in diesem Bereich persönlich stärker engagieren.

Welche Schwierigkeiten können bei der Überprüfung auftreten, ob die Ziele auch tatsächlich erreicht wurden?

Renn: Beim Ziel der einfachen Wissensvermittlung ist das Messen noch relativ einfach, weil man Wissenstests machen kann. Aber auch dies ist manchmal trickreich, weil es ja nicht nur darum geht, Faktenwissen zu prüfen, sondern auch, ob die Person die Zusammenhänge begriffen hat. Interesse lässt sich durch Befragung der Zielpersonen klären. Allerdings muss man wissen, dass Menschen in solchen Situationen häufig Interesse vortäuschen, obwohl sie sich eigentlich langweilen. Vielleicht, weil sie Mitleid mit dem Kommunikator haben, der sich so viel Mühe gegeben hat. Insbesondere der dritte Punkt, nämlich Aufgeschlossenheit zu erzielen, ist schwer messbar. Beim Involvement wiederum kann man konkret fragen, ob Aktionen erfolgt sind: Hat sich jemand in einer AG angemeldet oder Bücher zum Thema gekauft?

Welche Randbedingungen sind für die Bewertung nötig? Gibt es Probleme, die man generalisieren kann?

Renn: Es wird dann besonders schwierig, wenn sich die Gruppe, zu der kommuniziert wird, polarisiert. Dann lernen die beiden Parteien kognitiv nichts mehr, sondern nehmen nur noch auf, was ihre vorgefertigte Meinung unterstützt. Bei einem Dialog über Gentechnik hatten wir einmal eine Polarisierung Männer gegen Frauen. Da passierte nichts mehr außer Gezänk, Gezerre und Geschlechtersolidarität, die mit der Sache nichts zu tun hatte. In solchen Situationen muss man abbrechen.

Und im umgekehrten Fall – wie sieht eine geglückte Kommunikationssituation in einer Gruppe aus?

Renn: Im Agenda-21-Prozess beispielsweise gab es positive Beispiele, wo viele ungewöhnliche Koalitionen zustande kamen. Da sprang plötzlich ein Funke über, so dass Leute zusammenarbeiteten, die man normalerweise eher als Gegner sehen würde: Bürgerinitiativen mit der Industrie, die Stadt mit bestimmten Nachbarschaftsgruppen. Gerade da kann die Wissenschaftskommunikation wichtig sein, weil sie ein Stück weit ideologieunverdächtig ist. So kann man Brücken schlagen zwischen Gruppen, die sich normalerweise eher bekriegen.

Kann Evaluation neutral und unabhängig sein, oder besteht die Gefahr, dass sie als strategisches Mittel eingesetzt wird?

Renn: Wie überall in der empirischen Sozialforschung können wir die Fragen so stellen, dass ein Stück weit das herauskommt, was der Auftraggeber hören will. Manipulationen sind oft für den Nichtfachmann nicht erkennbar. Manche Evaluatoren gehen sogar so weit, dass auf jeden Fall etwas Gutes dabei herauskommen muss. Und schließlich kann man auch unbewusst etwas erfragen, was den Zweck der Kommunikation nicht erfüllt. Dann misst man zwar etwas Valides, aber es hat mit den dahinterliegenden Zielen der Kommunikation wenig zu tun.
Es gibt also eine ganze Reihe von Fallstricken, in die man hineingeraten kann – aber im Prinzip kann man im Rahmen des Möglichen unabhängig und ergebnisoffen evaluieren.

Wie sieht es an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis aus? Es kommt ja vor, dass eine Evaluation an bestimmten Stellen Verbesserungsbedarf ergibt – die Wege dahin aber unrealisierbar erscheinen. Was macht man in solchen Fällen?

Renn: Zum einen gibt es die Ex-post-Evaluierung, bei der man feststellt – war gar nicht schlecht, man kann es aber beim nächsten Mal noch besser machen. Bei einer Simultan-Evaluierung dagegen kann man in den laufenden Prozess eingreifen. Wenn man beispielsweise bemerkt, dass das angestrebte Involvement nicht klappt, muss man sich fragen: Wie kann man das mit den vorliegenden Mitteln besser machen? Manchmal muss man ein Projekt auch ganz abbrechen, wenn es unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht den gewünschten Erfolg bringt. Sonst ist es rausgeschmissenes Geld.

Was erwarten Sie von den Diskussionen auf dem Forum Wissenschaftskommunikation?

Renn:
Unter anderem hoffe ich, etwas Neues zu lernen. Auch Profis erleben immer wieder Überraschungen. Es ist Gott sei Dank so, dass die Wirklichkeit offener ist als unsere vorgefertigten Urteile. Auch wenn man schon seit 20 Jahren im Geschäft ist, kann man durch Evaluierung immer noch etwas Neues erleben.

Zur Person

Ortwin Renn, geb. 1951, ist Professor für Umwelt- und Techniksoziologie an der Universität Stuttgart und Direktor des Interdisziplinären Forschungsschwerpunkts Risiko und Nachhaltige Technikentwicklung am Internationalen Zentrum für Kultur- und Technikforschung ZIRN.

Neben seinem universitären Engagement gründete Renn das Forschungsinstitut DIALOGIK, eine gemeinnützige GmbH, deren Hauptanliegen die Erforschung und Erprobung innovativer Kommunikations- und Partizipationsstrategien in Planungs- und Konfliktlösungsfragen ist.

Renn ist im Präsidium der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech) und im Rat der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW). Für das Land Baden-Württemberg leitet er den Nachhaltigkeitsbeirat.

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