Mit dem Projekt Inside Science am Karlsruher Institut für Technologie soll ein gemeinsames Forum von Wissenschaft und Öffentlichkeit entstehen. Im Bild (von links): Heike Großmann, Jesús Muñoz Morcillo, Prof. Dr. Caroline Y. Robertson-von Trotha und Anna Kwiatkowski.

 

Public Science und Neue Medien: Stand der Forschung

Öffentliche Wissenschaft und Neue Medien

Forschen oder reden? Blog-Eintrag oder „Nature“-Aufsatz? Stille Studierstube oder Feedback im Netz? Dass die Rolle der Wissenschaftler in der Vermittlung ihrer Arbeit diesem „Entweder-oder“ längst nicht mehr gehorcht, legte das Podium beispielhaft dar. Unter der Leitung von Caroline Y. Robertson-von Trotha stellten vier Nachwuchswissenschaftler des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) das dort laufende Projekt „InsideScience“ vor. Hier solle entstehen, was Robertson-von Trotha als „Öffentliche Wissenschaft“ begreift: ein transparentes und konstruktives Forum von Wissenschaft und Öffentlichkeit, mit einer gemeinsamen Sprache und auf neuen Kommunikationswegen. Nicht nur „science in society“, sondern auch „society in science“ solle das Motto sein. Um die Möglichkeiten partizipativer Wissenschaftskommunikation auszuloten, wurden für InsideScience zwei fachlich unverbundene Forschungsprojekte – eines zu humanoiden Robotern und eines aus der theoretischen Teilchenphysik – ausgewählt, die nun in eigenen Weblogs und Videobeiträgen ihre Arbeitsergebnisse öffentlich machen. Eine Frage stand dabei im Zentrum der Beiträge. Wie verändert das Web 2.0 die Wissenschaftskommunikation?

Furcht vor dem Verlust der Deutungshoheit

Jesús Muñoz Morcillo näherte sich der Frage über Beispiele aus der musealen Praxis. Dabei schlussfolgerte er, dass sich die Integration von Web 2.0 in Wissenschaftsausstellungen weiterhin in der Erprobungsphase befinde. Der Science-Center-Boom der letzten Jahrzehnte erwecke vielleicht den Eindruck, dass die dort angebotenen Erlebnisse in Verbindung mit der Web-2.0-Kultur stünden. Doch sei ihr Einfluss woanders zu finden: „Partizipative Elemente wie Online-Events, Recommender-Systeme, Video-Podcasts oder virtuelle Lernorte setzen sich allmählich in der kuratorischen Praxis von Wissenschaftsmuseen und -ausstellungen durch“, so Muñoz Morcillo. Das machte auch die Abgrenzung zu den Science Centern durchlässiger. Bislang werde der Besucher aber noch nicht als aktiver User in die Wissenschaftskommunikation mit einbezogen. Als Grund hierfür machte Muñoz Morcillo unter anderem aus, dass eine erhöhte Partizipation des Zielpublikums eben auch eine erhöhte Medienkompetenz auf Seiten der Forscher voraussetze. Hier spiele dann die Furcht vor dem Verlust der Deutungshoheit und der Abnahme an Glaubwürdigkeit eine wesentliche Rolle.

Anna Kwiatkowski schloss mit Ausführungen zu den Möglichkeiten aber auch Grenzen von Wissenschaftsblogs an. In ihrem Plädoyer für die Aufgabe der „Einbahnstraßen-Kommunikation“ stellte sie vor allem zwei Vorteile der wissenschaftlichen Weblogs heraus: „Experten und Laien können durch die Blogs in einen direkten Dialog eintreten, der ohne hierarchische Umwege auskommt“, sagte Kwiatkowski. Für die Forschung ergäben sich so ungeahnte Denkanstöße. Umgekehrt schätzten die Blog-User den offenen Zugang zu Forschungsprozessen und die nahezu unvermittelte Präsentation von Forschungsthemen. Kwiatkowski hob hervor, dass sich über die Blogs Forschungsprozesse transparenter machen ließen, der Forscher selbst sich postend als ganz „normaler“ Mensch erweisen könne und die Schwellenangst vor der Wissenschaft also insgesamt abnähme. Dass der bewusst persönliche Stil der Blogs es für die Leser eher schwierig mache, die geposteten Informationen zu prüfen, sei für Kwiatkowski noch ein Manko der wissenschaftlichen Blogosphäre.

Nicht Konsum, sondern aktive Teilhabe: Das ist das erklärte Ziel der „Öffentlichen Wissenschaft“. Doch wer gehört überhaupt zur sogenannten „interessierten Öffentlichkeit“ und wie lässt sich ermessen, ob die Ansprache per Weblog überhaupt erfolgreich ist? Heike Großmann bot einen Überblick über Vor- und Nachteile der E-Partizipation und formulierte im Anschluss hieran mögliche Handlungsfelder. „Um eine Sensibilisierung gegenüber Forschungsfragen zu erreichen und die Wissensvermittlung im Netz wirksam und attraktiv zu gestalten, muss zunächst der Ist-Zustand der Community evaluiert werden“, benannte Großmann ihr Ziel. Nur über eine sowohl online als auch offline formulierte Abfrage ließen sich die Wirkungszusammenhänge und Kriterien der Wissenschaftskommunikation herausfinden.

Eine Herausforderung bei der Wissensvermittlung in Videopodcast sei es, bei den Zuschauern nicht nur Aufmerksamkeit zu erzeugen, sondern diese vor allem zu halten. Gerade die geringe Zeitspanne, mit der durchschnittliche Zuschauer „dran blieben“, erweise sich als Knackpunkt der Wissenschaftlervideos, wie Stephan Breuer vom KIT weiter ausführte. „Ein großer Nachteil der Videos ist die verringerte Informationsdichte, die sich vermitteln lässt“, sagte Breuer. Bei Inside- Science setzten die Wissenschaftskommunikatoren daher auf unterschiedliche Filmformate: Die Forschungsarbeiten würden zunächst in Einführungsvideos vorgestellt. Daneben böten Vertiefungsfilme sowie Forscherporträts eine Möglichkeit, sich gezielter und strukturierter in einzelne Themen „einzusehen“. Über eine „semantische Navigation“ würden die Filme untereinander verbunden, im jeweiligen Abspann gäben Stichwortcluster inhaltliche Orientierung und Steuerung: „Auch ein semantisch strukturiertes Menü kann helfen, das Wissen stärker zu bündeln und gezielter Zuschauerneugier zu lenken.“

In der anschließenden Diskussion über „InsideScience“, das Forschungsprojekt und praktizierte Wissenschaftskommunikation zugleich ist, wurden insbesondere die Motivlagen für die öffentliche Bloglektüre hinterfragt. Es wurde angeregt, die bereits erarbeiteten Zahlen zur Leserschaft der Blogs in die weitere Projektarbeit einzubeziehen. Harte Grenzen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit könnten durch Dialog und Austausch überwunden werden. Inwieweit Weblogs und Videoportale dazu beitragen würden, möchte das Projekt weiterhin verfolgen. Ziel sei es, das Potenzial der Anwendungen zu nutzen, sodass „Public Science“ im Web stattfinden könne.

Britta Voß

Referenten

Prof. Dr. Caroline Y. Robertson-von Trotha (Moderation),
Direktorin des ZAK, Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium generale am Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

Anna Kwiatkowski,
Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am ZAK

Stephan Breuer, Jesús Muñoz Morcillo und Heike Großmann
forschen am ZAK zum Thema InsideScience

 
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