Wie erklär ich’s meinem Nachbarn?
Zur Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse vor Ort
Von Britta Klocke
Warum ist es so schwer, eine gemeinsame Sprache zu finden, in der Wissenschaftler und Nicht-Wissenschaftler sich verständigen können? Wie können Lösungswege aussehen? Was können Wissenschaftler und die Institutionen, in denen sie arbeiten, vor Ort tun, um ihre Arbeit bekannt zu machen?
Wissenschaftlerisch ist eine schwere Sprache!
Es ist ein Samstagmorgen im Frühjahr, und während Sie gerade den Müll herausbringen, treffen Sie Ihren Nachbarn, der gerade den Rasen mäht. Sie kommen ins Plaudern. Sie erzählen vom Stress der letzten Wochen, von einem wichtigen Meilenstein, den Sie im Projekt erfüllen mussten. Schließlich fragt der Nachbar: „Sag mal, woran forschst du da eigentlich?“ Stellen Sie sich bitte folgende Antwort auf diese Frage vor:
„An Ionenkanälen. Ionenkanäle sind wassergefüllte Poren, die es Ionen ermöglichen, die Plasmamembran einer Zelle zu überqueren. Es gibt viele verschiedene Ionenkanäle, die sich in ihrer Ionenselektivität und in ihrem Aktivierungsmechanismus voneinander unterscheiden. Einige Ionenkanäle sind hochselektiv für bestimmte Ionensorten, beispielsweise für Na+, K+ oder Ca2+. Demgegenüber stehen die nicht selektiven Kationenkanäle, die zwischen verschiedenen Kationen nicht unterscheiden können und diese gleichermaßen gut transportieren. Eine große Ionenkanalfamilie wird durch das elektrische Potenzial der Zellmembran gesteuert, während andere Typen spezifische Liganden benötigen, um zu öffnen.“
Und nun stellen Sie sich das Gesicht Ihres Nachbarn vor. Würden Sie es an seiner Stelle nicht auch mit der Angst zu tun bekommen, wenn Sie nicht wüssten, wovon Sie reden? Wäre es nicht besser, ihm zu erklären, dass Sie sich gerade mit dem Geruchssinn beschäftigen? Das kleine Beispiel zeigt das Spannungsfeld, in dem sich Wissenschaft und Öffentlichkeit bewegen: Wissenschaftler sind es gewohnt, in oft hoch spezialisierten Fachterminologien ihre Forschung sehr exakt auf den Punkt zu bringen und äußerst detailliert zu erläutern.
Ein Forschungsprozess beginnt mit einer Fragestellung, es folgt die Auswahl der Methoden und das Ergebnis. Die Öffentlichkeit ist häufig nur am Ergebnis interessiert und fragt kaum, wie und warum es zustande gekommen ist – ganz zu schweigen von komplizierten Formeln, Regeln, Abkürzungen etc. Dies ist für Wissenschaftler kaum zu begreifen: Sie wollen Hintergründe erläutern und Zusammenhänge darlegen. Sie sind es gewohnt, ihre Arbeit sachlich korrekt in den Wissenschaftsbetrieb einzuordnen. Das kostet Journalisten und Öffentlichkeit Zeit, die diese häufig gar nicht investieren wollen oder können – hier zählt nicht selten die „Sensation“, das Prinzip „Übertreibung macht anschaulich“.
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Checkliste: Sieben Gebote für erfolgreiche Kommunikation
- Sag es offener. Wenn Sie gute Forschung machen, brauchen Sie keine hochtrabenden Fachterminologien, um die Bedeutung Ihrer Arbeit zu unterstreichen.
- Sag es leichter. Jedem fällt das Nachvollziehen leichter, wenn er ein Bild im Kopf hat. Verwenden Sie Beispiele, um Ihr Anliegen zu erläutern!
- Sag es allen. Geheimniskrämerei hat in der öffentlichen Kommunikation nichts zu suchen. Wenn Sie an die Öffentlichkeit gehen, hat jeder das gleiche Recht auf Information.
- Sag es nutzbringend. Versuchen Sie, den praktischen Nutzwert für das Leben Ihres Gegenübers in den Mittelpunkt zu stellen.
- Mach sie neugierig. Erzählen Sie von Ihren Visionen, regen Sie die Phantasie an: Was könnte noch alles möglich werden, wenn Sie weiter forschen?
- Höre zu. Gehen Sie auf Ihren Gesprächspartner ein, achten Sie auf seine Reaktionen. Ernten Sie zweifelnde Blicke, versuchen Sie es mit einem neuen Beispiel. Auf jeden Fall sollten Sie seine Sorgen und Zweifel ernst nehmen, auch wenn sie Ihnen mit Ihrem Hintergrundwissen unbegründet erscheinen.
- Lass sie mitmachen. Gibt es vielleicht Gelegenheiten, bei denen Ihr Nachbar, der Lokalredakteur etc. selbst einmal in Ihrer Forschung Hand anlegen könnte? Gibt es einen Tag der offenen Tür im Labor? Haben Sie Befragungen durchzuführen, für die Sie Probanden suchen? Dann lassen Sie Ihr Umfeld teilhaben!
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Veranstaltungsformate für Wissenschaftsinstitutionen
- Wissenschaftstag, Wissenschaftstour. In einigen Städten wird ein solches Format bereits erfolgreich praktiziert: Die Wissenschaftsinstitutionen vor Ort bieten an einem Tag im Jahr Bustouren unter verschiedenen Themen an, zu denen sich die Bürgerinnen und Bürger anmelden können. Im Rahmen der Touren werden eine oder mehrere Forschungseinrichtungen besucht. Vor Ort wird anhand von Exponaten oder kurzen Vorträgen präsentiert, was die Institution zu dem Thema erforscht. Am Abend treffen sich die Teilnehmer aller Touren wieder an einem zentralen Ort, es gibt Gelegenheit zum Austausch und ggf. noch einen Abschlussvortrag. Wichtig: Einen solchen Tag kann eine Organisation nicht alleine gestalten, hier müssen viele lokale Partner zusammenarbeiten. Sie können mit dieser Idee z. B. an Ihre Stadtverwaltung herantreten.
- Tag der offenen Tür. Mit einem bunten Programm präsentieren Sie mit Kolleginnen und Kollegen Ihre Arbeit. Haben Sie Labore, kleine Versuche oder Exponate, die die Besucher selbst erkunden und ausprobieren können? Dann laden Sie zum Mitmachen ein!
- Öffentliche Vorlesungsreihe. Laden Sie zu allgemein verständlichen Vorträgen ein. Wissenschaftliche Themen interessieren die Öffentlichkeit.
- Beteiligung an Veranstaltungen externer Partner. Arbeiten Sie in einem kleinen Institut, das keine eigenen Kapazitäten hat, um große Events vorzubereiten? Dann schauen Sie doch einmal, ob in Ihrer Nähe andere Institutionen ein Veranstaltungsformat planen, an dem Sie sich beteiligen könnten. Große Organisationen wie zum Beispiel die Universitäten und Fachhochschulen sind regelmäßig Veranstalter publikumswirksamer Events.
- Kamingespräche. Forschen Sie zu einem Thema, das in der Öffentlichkeit gerade stark diskutiert wird? Dann veranstalten Sie doch ein Kamingespräch, in dem Sie mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern anderer Disziplinen das Thema kontrovers diskutieren. Die Öffentlichkeit wird sich sehr dafür interessieren, was die Experten vor Ort zum Thema zu sagen haben. Erfolgreiche Kommunikation wissenschaftlicher Themen für ein nicht-wissenschaftliches Publikum setzt das Beherrschen einiger Spielregeln voraus, ist aber keine Hexerei. Wichtigste Regel ist, die Themen verständlich und anschaulich zu erklären und auf Nachfragen zu achten. Stellen Sie sich vor, ein Wissenschaftler aus einer Ihnen völlig fremden Disziplin würde Ihnen sein Spezialgebiet erläutern. Wie würden Sie sich die Erklärung wünschen? Die Vorstellung, die Sie jetzt im Kopf haben, wünsche ich Ihrem Nachbarn für das nächste Gesprächam Gartenzaun.
Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus dem Artikel „Wie erklär ich's meinem Nachbarn. Zur Kommunikation wissenschaftlicher Ergebnisse vor Ort“, Handbuch Wissenschaft kommunizieren E 4.6, Raabe Verlag.