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Bürgerwissenschaften für die UN-Nachhaltigkeitsziele: Eindrücke vom Forum Citizen Science 2022

02. Juni 2022

  • Erstellt von Marius Oesterheld
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Lebhafter Austausch beim „Markt der Möglichkeiten“ (v.l.n.r.: Markus Weißkopf, Dr. Susanne Hecker, Dr. Roland Philippi). Foto: Barbara Frommann

Mit Bürgerwissenschaften kann Bewusstsein für globale Themen geschaffen und ihnen auf lokaler Ebene begegnet werden, sagte Dr. Roland Philippi, Abteilungsleiter im Bundesministerium für Bildung und Forschung, zur Eröffnung des Forum Citizen Science 2022. Die Fachkonferenz und Vernetzungsplattform für die deutsche Citizen-Science-Community stand unter dem Motto Global  Regional  Lokal: mit Bürgerwissenschaften für die UN-Nachhaltigkeitsziele. Sie fand am 12. und 13. Mai an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg in Sankt Augustin statt. Seit 2016 wird das Forum Citizen Science von Wissenschaft im Dialog und dem Museum für Naturkunde Berlin in Kooperation mit lokalen Partnern organisiert.

Citizen Science für die Nachhaltigkeitsziele – Daten, Daten, Daten?

Die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele (auch bekannt als Ziele für nachhaltige Entwicklung oder Sustainable Development Goals, kurz SDGs) wurden von den Vereinten Nationen im Herbst 2015 als weltweiter Fahrplan verabschiedet, der eine im sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Sinne nachhaltige Entwicklung bis zum Jahr 2030 beschreibt. Um die Umsetzung überwachen und messen zu können, wurden über 200 Indikatoren definiert, die sich in erster Linie auf offizielle Daten nationaler Statistikbehörden stützen.

Citizen Science (CS) kann dazu beitragen, diese Datengrundlage zu erweitern und zu diversifizieren. Das größte Potential für die Nutzung von Citizen Science im Zusammenhang mit den UN-Nachhaltigkeitszielen sehen die meisten Expert*innen in den Bereichen Umwelt, Biodiversität und Gesundheit. Dass dieses Potential bis heute nicht wirklich ausgeschöpft ist, liege unter anderem an der mangelnden Vernetzung der Beteiligten, betonte Dilek Fraisl, Forscherin am International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA), in der abschließenden Paneldiskussion des diesjährigen Forum Citizen Science. So fehlen Schnittstellen zwischen CS-Projekten und anderen SDG-Stakeholdern, wie etwa Regierungsbehörden und UN-Organisationen. Dadurch kommen potentiell relevante Forschungsdaten gar nicht erst bei den verantwortlichen Stellen an. Eine weitere Herausforderung besteht darin, Begrifflichkeit, Methodik und Metadaten zu standardisieren, um die Interoperabilität der erhobenen Messdaten zu gewährleisten und das Vertrauen in Citizen Science zu stärken. Erschwerend hinzu kommt, dass die SDG-Indikatoren in erster Linie auf nationale Statistikbehörden zugeschnitten sind.

Die Erhebung von Daten zu den offiziellen SDG-Indikatoren ist allerdings nicht der einzige Beitrag, den Citizen Science zum Erreichen der UN-Nachhaltigkeitsziele leisten kann. Auf dem Forum Citizen Science wurden drei weitere Möglichkeiten diskutiert. 

Citizen Science  globale Herausforderungen direkt vor der Haustür

So kann Citizen Science dabei helfen, auf die SDGs aufmerksam zu machen und für das Thema Nachhaltigkeit zu sensibilisieren. Dies gelinge dann am besten, wie Markus Weißkopf zur Eröffnung des Forums anmerkte, wenn ein konkreter Bezug zur Lebensrealität der Bürger*innen hergestellt werde. Genau das geschieht zum Beispiel im Projekt OpenGeoResearch, einer partizipativen Plattform für raumbezogene Fragestellungen, die im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2022  Nachgefragt! von Forschenden der RWTH Aachen entwickelt wurde. Sie ermöglicht es Bürger*innen, Fragen zu konkreten Orten zu stellen und per Smartphone-App Daten zu diesen Fragen zu sammeln. Auf diese Weise können Nutzer*innen die Themen, die für sie lokal relevant sind, an die Wissenschaft herantragen. In der Regel haben die eingereichten Fragen einen inhaltlichen Bezug zur Nachhaltigkeit von Städten (SDG 11), zum Klimaschutz (SDG 13) oder zum Thema Leben an Land (SDG 15). 

Citizen Science  vom Forschen zum Handeln

Darüber hinaus kann Citizen Science ganz direkt und unmittelbar zur Umsetzung der SDGs beitragen, indem sie Bürger*innen dazu ermutigt, sich für mehr Nachhaltigkeit in ihrer Stadt oder ihrer Region einzusetzen. Mehrere Beispiele für solche CS-Projekte, die Daten sammeln und aus den gewonnenen Erkenntnissen konkrete Maßnahmen ableiten, wurden auf dem diesjährigen Forum Citizen Science vorgestellt. Im Projekt Nachtlicht-BüHNE etwa kartieren Citizen Scientists nicht nur künstliche Lichtquellen, sondern wirken zugleich aktiv darauf hin, Lichtverschmutzung (und somit auch Energieverschwendung) in ihrer Umgebung zu reduzieren. 

In den beiden transformativen Bildungsformaten für nachhaltige Entwicklung, die Annika Fricke, Markus Szaguhn, Eva Wendeberg und Susanne Ober vom Karlsruher Institut für Technologie vorstellten, steht die Veränderung hin zu mehr Nachhaltigkeit gar im Zentrum und ist nicht Nebenprodukt sondern Gegenstand der Datensammlung. Das Selbstexperiment Klimaschutz gemeinsam wagen und die Handprint-Challenge #climatechallenge motiviert die Teilnehmenden beispielsweise ihre Ernährungsgewohnheiten zu ändern, Mitfahrgelegenheiten zu organisieren oder Briefe an Politiker*innen zu schreiben. 

Citizen Science für ein umfassendes und partizipatives Nachhaltigkeits-Monitoring

Nicht zuletzt kann Citizen Science Schwächen der SDG-Indikatoren auf konzeptioneller Ebene ausgleichen. Die Indikatoren sind nämlich auf nationale und internationale Statistikbehörden ausgerichtet und blenden daher schwer zu quantifizierende Aspekte von Nachhaltigkeit häufig aus.

Beim Nachhaltigkeitsziel hochwertige Bildung etwa finden nur leicht messbare Indikatoren wie Alphabetisierungsrate, Rechenfähigkeit und Zahl der Menschen mit Schulabschluss Berücksichtigung. Komplexere Aspekte wie scientific literacy, Selbstwirksamkeit, ökologisches Verantwortungsbewusstsein etc., die häufig mit der Teilnahme an CS-Projekten in Verbindung gebracht werden, bleiben außen vor. Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist zwar Teil des SDG 4, die entsprechenden Indikatoren beziehen sich aber ausschließlich auf formale Bildung. In diesem Bereich kann Citizen Science also einen Beitrag zur Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele leisten, der sich mithilfe der offiziellen Indikatoren nicht abbilden lässt.

Ein weiterer Nebeneffekt der Fokussierung auf Daten, die durch nationale Behörden erhoben werden, ist, dass es dadurch fast unmöglich wird, Wissen und Erfahrungen von Gruppen, die in Politik und Wissenschaft wenig Gehör finden und in offiziellen Statistiken kaum repräsentiert sind, in das SDG-Monitoring zu integrieren. Bürgerwissenschaften können helfen, solche Informationen zu sammeln und sichtbar zu machen, betonten Prof. Dr. Xiaomeng Shen, United Nations University,Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, und Dr. Thora Hermann, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, in ihren Beiträgen. Wie das konkret aussehen kann, hat Michael Koie Poulsen (NORDECO) bei der Engaging Citizen Science Conference in Aarhus gezeigt. Er arbeitet seit vielen Jahren mit indigenen Communities in Grönland zusammen, um deren lokales Wissen in den Forschungsdiskurs zu Biodiversität und Artenschutz zu integrieren. 

Citizen Science hat also das Potential, Defizite im SDG-Framework aufzuzeigen – sowohl auf der konzeptionellen Ebene als auch in Bezug auf die konkrete Datenerhebung. Die Bürgerwissenschaften können so hoffentlich auch Einfluss auf die Gestaltung zukünftiger Monitoring-Programme und der UN-Nachhaltigkeitsagenda ab 2030 nehmen.  

Die Beiträge und Projektvorstellungen auf dem Forum Citizen Science haben insgesamt deutlich gemacht, dass partizipative Forschung in mehrfacher Hinsicht zur Umsetzung der SDGs beiträgt. Sie steuert nicht nur Daten bei, sondern schafft Bewusstsein für Nachhaltigkeit, indem sie Bezüge zwischen globalen Problemstellungen und dem eigenen Lebensumfeld herstellt. Sie bietet Gelegenheiten für transformatives Engagement und hilft, Lücken und Schwächen im SDG-Framework offenzulegen. Auf diese Weise fördert Citizen Science ein demokratisches und proaktives Verständnis der UN-Nachhaltigkeitsziele.


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