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Clubhouse – Neue App, viele Fragen!

04. Februar 2021

  • Erstellt von Wissenschaft im Dialog
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Ein neuer Social-Media-Trend hat in Deutschland für Aufregung gesorgt: das audiobasierte soziale Netzwerk Clubhouse. Das Foto zeigt die App auf einem iPhone. Array

Neuer Social-Media-Trend: Das audiobasierte soziale Netzwerk Clubhouse. Foto: William Krause/Unsplash

 

Treten Sie ein ins Clubhouse. Seit kurzer Zeit hält eine neue App die deutsche Social-Media-Bubble in Atem: Clubhouse heißt sie und verspricht, ein audiobasiertes Soziales Netzwerk zu sein, in dem Leute aus der gesamten Welt zusammenkommen, um miteinander zu reden, einander zuzuhören und voneinander zu lernen - und zwar in Echtzeit. Das klingt erst einmal spannend, auch für die Wissenschaftskommunikation und insbesondere für Wissenschaft im Dialog. Schließlich setzen wir uns als Organisation dafür ein, den Austausch über Wissenschaft zu fördern. Diesen versuchen wir nach Möglichkeit offen, dialogisch und barrierefrei zu gestalten. Bei letzterem, und dazu kommen wir später, liegt aktuell aus Sicht von WiD eines der größten Probleme in der Nutzung von Clubhouse.

Die Funktionsweise

Doch zunächst treten wir ein in den Club. Das dürfen wir, weil wir eine Einladung erhalten haben - auch dazu später mehr. Schließlich wollen wir uns eine informierte Meinung über das Produkt bilden, und dazu müssen wir es kennen. Die App ist recht unprätentiös gestaltet und einfach zu benutzen. Sie funktioniert über Clubräume, die man selbst erstellen und thematisch besetzen kann. In diesen diskutiert man dann im Audioformat mit anderen, man sieht wer zuhört, aber die Person bleibt zumindest visuell unsichtbar. Dadurch kann man die App auch einfach nebenbei laufen lassen, wenn einen das Thema zwar interessiert, man aber nichts aktiv beitragen möchte. Im Prinzip gilt aber: Jede*r kann mitreden, jede*r kann Themen setzen. Die Personen, die den Raum geöffnet haben, fungieren dabei als Moderator*innen. Die anderen Teilnehmer*innen können virtuell ihre Hand heben und so durch die Moderator*innen auf die Bühne geholt werden und mitreden. Ob aktiv moderiert und damit auch kommentiert wird, hängt dabei - so der Eindruck - stark vom Raum ab. So entsteht - zumindest in den Räumen, die wir stichprobenartig besuchten - ein guter und konstruktiver Austausch zwischen Expert*innen verschiedener Themenbereiche und interessierten Laien. Man hört sich zu, man diskutiert, man erzählt ein bisschen aus dem Nähkästchen. Auf den ersten Blick geht es häufig um Politik, Medien und Technologie. Aber auch Gesprächsräume zu mentaler Gesundheit, Identity und Literatur bilden sich. Die Wissenschaftskommunikation ist bislang noch nicht so stark vertreten, aber auch nicht gänzlich abwesend. Hier geht es derzeit vor allem um die Metafragen: Was ist gute Wissenschaftskommunikation, wie diskutiert man über Impfkommunikation oder welche Formate gibt es? Fragen also, die innerhalb der Branche wichtig sind und die auch für Wissenschaft im Dialog von Bedeutung sind, da es eines unserer strategischen Ziele ist, ‘gewonnene Praxiserfahrung aktiv (zu teilen) – insbesondere zu neu entwickelten, reichweitenstarken und zielgruppenspezifischen Formaten’. Hier sieht sich WiD als ‘zentraler Ansprechpartner und Trendscout für Themen, Methoden, Qualität und Austausch – auch international – in der Wissenschaftskommunikation.’

Insgesamt ist der erste Eindruck des Austauschs ein positiver. Es geht gesittet zu. Die Redner*innen in den einzelnen Räumen sind hochkarätig und die Gesprächsatmosphäre konstruktiv. Auch, wenn es anderslautende Berichte gibt. All das spricht zunächst einmal dafür, dass sich die App für den Austausch über Wissenschaftskommunikation eignen würde, doch wie immer lohnt sich ein zweiter Blick.

Die Probleme

Natürlich gibt es - so liest man in Berichten - Erfahrungen mit Hate Speech, Pöbeleien und Falschmeldungen, die es auch in jedem anderen Sozialen Medium und an jedem Ort gibt, an dem Menschen miteinander interagieren. Derzeit gibt es eine Art Bürge-System - Vouching - was bedeutet, dass Personen, die andere einladen, für diese verantwortlich sind, wenn sie gegen die Regeln verstoßen, und auch selbst das Clubhouse wieder verlassen müssen. Aus diesem Grund schneidet Clubhouse Gespräche mit, was ein weiterer Kritikpunkt an der App ist. Fraglich, ob diese Maßnahme schon reicht. Das Versprechen der Gründer, hier nachzubessern, ist ehrenwert – aber weshalb man das Problem nicht von Anfang an mitgedacht hat, bleibt rätselhaft. Von ihnen alleine zu verlangen, dieses Problem zu lösen, ist jedoch utopisch. Hier lautet das Credo von Wissenschaft im Dialog eher, die virtuellen Räume trotzdem auch inhaltlich zu besetzen, da man sonst Hate Speech, Pöbeleien und Falschmeldungen das Feld überlässt. Darüber hinaus gibt es - wie bei fast allen Sozialen Netzwerken - Probleme in Bezug auf den Datenschutz. Dazu in aller Kürze: Die Gründer der App, die Firma Alpha Exploration Co., sitzt in den USA, weshalb die Daten, die die App sammelt, auf Server in den USA fließen. Hierfür fehlt es bisher sowohl an einer wirksamen Einverständniserklärung der Nutzer*innen als auch an einer glaubhaften Notwendigkeit der Übertragung der Daten in die USA. Tritt man der App bei und nutzt sie so, wie es die Erfinder erdacht haben, dann werden die Kontakte aus dem eigenen Adressbuch hochgeladen und auf Servern in den USA gespeichert. (Achtung: Man kann dies ausschalten, dann ist allerdings auch das Einladen anderer Nutzer*innen nicht mehr möglich!) Angeblich werden von Clubhouse auch die Daten von Personen aus den Adressbüchern gespeichert, die selbst nicht bei Clubhouse angemeldet sind. Die Aufzeichnung der Gespräche ohne explizite Einwilligung der Nutzer*innen ist zumindest kritisch zu bewerten, ebenso wie der momentan noch sehr umständliche Prozess der Abmeldung. 

Wie immer ist das Thema Datenschutz also ein schwieriges, wenn es um die Verwendung von Sozialen Netzwerken geht. Hier gilt es, auch im Falle von Clubhouse, eine Abwägung zu treffen. Eine Abwägung zwischen “Räume nicht denjenigen überlassen, die diese missbrauchen” und dem Anspruch von WiD, personenbezogene Daten zu schützen und sich an die bestehenden Bestimmungen zu halten. Bei Clubhouse kommt aber noch ein anderer Faktor hinzu, der kritisch zu sehen ist, und damit kommen wir zum bereits oben erwähnten Elefanten im Raum: Der Exklusivität. Bisher erhält nur Eintritt ins Clubhouse, wer eine Einladung hat. Eingeladen wird man von Clubhouse-Mitgliedern - jede*r erhält, wenn er seine Kontakte teilt, zwei Invites - und so entsteht automatisch eine Exklusivität, die die Ausbildung von Blasen fördert, was eigentlich nicht im Sinne offener und transparenter Wissenschaftskommunikation ist, für die wir stehen. Hinzu kommt, dass die App vorerst nur für Iphone-Nutzer*innen zugänglich ist, ein weiteres Hindernis für viele. Last but not least sehen die Nutzungsbedingungen im Moment nur den Gebrauch durch Privatpersonen vor, auch wenn dies zumindest teilweise schon anders gemacht wird. 

Unser Fazit

Die Gründer von Clubhouse versprechen, dass die App schon bald für alle zugänglich wird. Sollte dies geschehen, gilt es neu abzuwägen, ob und inwiefern ihr Nutzen gegenüber den Datenschutzbedenken überwiegt. Diese Abwägung ist komplexer, als sie auf den ersten Blick scheint, denn wenn wir unterschiedliche Zielgruppen in ihren Kommunikationsräumen erreichen wollen, dann stellt sich die Frage, ob ein “nicht mitmachen” - zumindest dann, wenn der Erfolg der App sich fortsetzt - nicht gleichbedeutend mit einem “nicht erreichen” bestimmter Gruppen ist. Und die Zielgruppe Politik - die derzeit verstärkt im Clubhouse zu finden ist - ist für die Wissenschaftskommunikation natürlich durchaus von Bedeutung, ebenso wie eine direkte Kommunikation und Interaktion in einem Audioformat spannend und eine schöne, interaktive Ergänzung zum bereits etablierten Podcast-Format sein könnte. Hält die App ihr Versprechen, sich zu öffnen, könnte die entscheidende Frage sein: Welche Art von Dialog über Wissenschaft können wir dort zielgruppengerecht anbieten? Bis dahin lautet unser Credo: Als Organisation halten wir uns bei Clubhouse vorerst raus. Wir empfehlen hier ausdrücklich, die Funktion “Kontakte teilen” auszuschalten. Das ist möglich, allerdings kann man dann keine Einladungen mehr versenden - eine Funktion, die obsolet wäre, wäre die App frei zugänglich für jede*n.


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