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„Greta transferiert emotionalere Botschaften als die Wissenschaftskommunikation..."

13. September 2019

  • Erstellt von Ursula Resch-Esser
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  • B Wissenschaft im Dialog
  • A Wissenschaftskommunikation
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Dr. Jens Kube ist Astrophysiker und selbständiger Wissenschaftskommunikator. Foto: Jens Kube

Vom 10. bis zum 12. Dezember findet in diesem Jahr das 12. Forum Wissenschaftskommunikation statt. Wir haben vorab das Programm unter die Lupe genommen und mit einigen Vortragenden über Ihren Tagungsbeitrag gesprochen. Heute im Interview: Jens Kube. Er lädt ein zu einer Fishbowl-Diskussion mit dem Thema „… und dann kam Greta Thunberg“.

Herr Kube, wie ist die Idee für diesen Tagungsbeitrag entstanden?

Wir haben ja alle erlebt, dass innerhalb des letzten Jahres quasi aus dem Nichts eine Klimabewegung entstanden ist, mit vielen Auswirkungen, auch auf Wahlergebnisse und Prognosen für die nächsten Bundestagswahlen. All das beruht letztlich darauf, dass Greta Thunberg sich einfach vor den Stockholmer Reichstag gesetzt hat und ihr Poster für eine bessere Klimapolitik hochgehalten hat. Offensichtlich hat sie die richtigen Kommunikationskanäle erwischt, sodass sie eine beachtliche Berühmtheit erlangt hat. Ich selbst war früher am Alfred-Wegener-Institut auch in der Klimakommunikation tätig. Schon damals habe ich eine gewisse Frustration erlebt: Man hat alle Fakten, alle Handlungsempfehlungen und den IPCC-Report auf dem Tisch und nichts passiert. Also habe ich überlegt, was ist in den letzten Jahrzehnten falsch gelaufen in der Klimakommunikation? Was hat nicht geklappt, was jetzt scheinbar zu klappen scheint? Nämlich auf einer breiten Basis Menschen klar zu machen: Wir haben ein Klimaproblem. Und weil wir als Wissenschaftskommunikatoren da an einer wichtigen Schnittstelle sind, dachte ich, das sollten wir einmal beleuchten.

Wen möchten Sie in Ihrem Workshop begrüßen, lieber die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder lieber die Kommunikatorinnen und Kommunikatoren?

Ich würde schon gerne die Kommunikatorinnen und Kommunikatoren begrüßen. Die einzelnen Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen bringen ja ziemlich starke Aussagen, wenn sie vor die Schulklassen und zu öffentlichen Vorträgen gehen oder von Journalisten befragt werden. Die Wissenschaftler sagen ganz klar, wir haben gar nicht mehr fünf vor, sondern fünf nach zwölf. Diese Aussage kommt aber nur von Einzelwissenschaftlern. Aus der institutionellen Kommunikation habe ich das so deutlich selten bis gar nicht wahrgenommen. Da wird immer sehr vorsichtig agiert. Man könnte ja irgendwelche Geldgeber verstimmen, heißt es dann, man kann doch der Politik nicht reinreden und so weiter.

Und deshalb möchten Sie mit den Wissenschaftskommunikatorinnen und -kommunikatoren als Vertreter der Institutionen diskutieren?

Ganz genau! Wir werden eine Fishbowl-Diskussion machen und haben Vertreter aus der Kommunikation und von den Scientists for Future eingeladen. Josef Zens ist dabei, der Leiter der Kommunikationsabteilung des GeoForschungszentrums und einer der Erstunterzeichner der Scientists for Future. Dabei ist auch Ulrike Prange vom MARUM. Sie kommuniziert zu Klimathemen; sie versucht aber auch hier in Bremen eine Schnittstelle zwischen den Scientists for Future und den Fridays for Future herzustellen. Da geht es etwa darum Referenten zu vermitteln, die öffentliche Vorträge während der Fridays-for-Future-Demos halten oder auch in Schulen gehen und einzelne Schülerinnen- und Aktivistinnengruppen weiterbilden. Die Schülerinnen und Schüler wissen zwar, dass es ein Klimaproblem gibt, aber letztlich merkt man doch, dass die sich immer noch nicht gut genug informiert fühlen. Das überrascht mich persönlich, weil ich dachte, die Infos sind zugänglich, sie liegen bereit und werden auch im Unterricht behandelt.

Ist das nur ein Problem der jungen Generation?

Nein. Kürzlich habe ich einen Artikel gelesen, über einen Landwirt, der auf den Klimawandel reagiert. Da muss ich dann so Sätze lesen wie, als er vor vierzig Jahren noch jung war, sei vom Klimawandel keine Rede gewesen. Also ich habe sehr wohl wahrgenommen, dass vor vierzig Jahren, als ich grade in die Grundschule kam, darüber gesprochen wurde – man musste nur zuhören. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft hat schon 1971 sogar von der Klimakatastrophe gesprochen. Im Erdkundeunterricht Mitte der 1980er haben wir die Kurven von Mauna Loa gesehen, die die Entwicklung des Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre zeigen, und die Küstenlinie Deutschlands bei gestiegenem Meeresspiegel gezeichnet. Aber offensichtlich ist das nicht in die breite Bevölkerung gekommen oder tatsächlich verstanden worden. Genau das ist – glaube ich – das Problem, das die Wissenschaftskommunikation in den letzten 40 Jahren hatte: Sie sitzt in einer Filterblase, die sie nicht sehen will oder kann.

Was kann Greta Thunberg, was Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren nicht können?

Sie kann sicherlich emotionaler handeln und auch emotionalere Botschaften transportieren, obwohl sie das vielleicht gar nicht möchte. Sie transferiert emotionalere Botschaften, als die Wissenschaftskommunikation das in den letzten vierzig Jahren gemacht hat.

Welche Ergebnisse erhoffen Sie sich von der Veranstaltung beim Forum Wissenschaftskommunikation?

Ich kann mir vorstellen, dass wir in der Fishbowl feststellen, dass die Wissenschaftskommunikation auch institutionell mutiger und deutlicher werden muss und dass die Kommunikatoren den Vorsatz mit nach Hause nehmen sich die Freiheit zu nehmen, deutlichere Aussagen zu treffen. Und das vielleicht auch in anderen Themengebieten, nicht nur in der Klimaforschung. Es gibt ja noch andere Bereiche, in denen die wissenschaftliche Darstellung von der gesellschaftlichen Wahrnehmung abweicht, etwa bei den üblichen Verdächtigen Gentechnik, Impfungen oder Pseudomedizin. Eine stärker meinungsbildende Wissenschaftskommunikation könnte ein Ergebnis sein, aber wir müssen ja erst miteinander sprechen.

 


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