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Menschen nicht nur über den Verstand erreichen, sondern auch über die Gefühle

16. Oktober 2023

  • Erstellt von Ursula Resch-Esser
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  • A Wissenschaftskommunikation
Portrait von Roland Koch Array

Roland Koch leitet den Bereich Kommunikation und Medien beim Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Beim Forum Wissenschaftskommunikation 2023 moderiert er die Session "Der gute Ton, oder: Wie ein Klimakonzert eine neue Debattenkultur schafft". Foto: Kerstin Rolfes

Impulse für eine neue Debattenkultur sucht das Forum Wissenschaftskommunikation 2023 vom 15. bis zum 17. November in Bielefeld. Roland Koch setzt dabei auf Musik und die Orchester des Wandels. Im Interview erzählt er, warum er beim Thema Klimawandel Herz und Hirn ansprechen möchte und wie gemeinsam erlebte Emotionen die Debattenkultur verändern können.

Herr Koch, Sie leiten die Abteilung Kommunikation und Medien beim Alfred-Wegener-Institut. Werden wir Sie beim Forum Wissenschaftskommunikation als Dirigenten kennenlernen?

Naja, als Leiter einer Kommunikationsabteilung bin ich zwar in gewisser Weise Dirigent. Ich habe viele Aufführungen, bei denen ich mit meinem Team aktiv bin. Ein solches Orchester einer Kommunikationsabteilung spielt im übertragenen Sinne verschiedene Instrumente, sei es Veranstaltungen zu organisieren, Presseanfragen zu erledigen oder bei Social Media und Online aktiv zu sein. Beim Forum allerdings werde ich nicht dirigieren, da trete ich mit auf und werde Teil eines sich selbst dirigierenden Ensembles sein.

Dieses Ensemble – das Orchester des Wandels – will mit klassischer Musik gegen den Klimawandel anspielen, wie muss man sich das vorstellen?

Unsere Idee ist, dass wir einen besseren Zugang zu den Menschen haben, wenn wir versuchen, sie nicht nur über den Verstand zu erreichen, sondern auch über die Gefühle. Dann öffnet sich vielleicht über das Herz auch manches Hirn diesem Thema. Deshalb sind wir beim Alfred-Wegener-Institut im März 2022 eine Kooperation mit dem Orchester des Wandels eingegangen. Im Zusammenspiel mit der klassischen Musik vermitteln wir Informationen zum Klimawandel, etwa in Form von Vorträgen oder Hintergrundeinblendungen. Wir haben gemerkt, dass dieses Ansprechen von Emotionen und Ratio ganz hervorragend funktioniert. Es entsteht eine andere Ergriffenheit, weil man nicht nur Daten, Zahlen, Fakten vermittelt, bei denen jeder sagen würde, ja natürlich, wir müssen handeln. Das Konzert macht auch emotional etwas mit einem, es verändert den Menschen. Die Menschen gehen wirklich beseelt aus diesen Veranstaltungen raus. 

Wer oder was ist denn das Orchester des Wandels?

Das ist ein Zusammenschluss von Musiker*innen aus mittlerweile 36 großen Bühnenorchestern und Sinfonieorchestern, die bundesweit spielen. In diesen Orchestern haben sich Musiker*innen gefunden, denen das Thema Klimawandel am Herzen liegt. Sie finden sich als Einzelpersonen immer wieder zu neuen Ensembles zusammen, die sich dann Orchester des Wandels nennen. Die Ensembles kommen anlassbezogen zusammen und überlegen sich Stücke, die thematisch zu einem Thema passen, mal sind es fünf Musiker*innen, das nächste Mal vielleicht nur drei, danach vielleicht 15. 

Welche konkreten Erfahrungen haben Sie bisher mit diesen Konzerten gemacht?

Ich war beispielsweise in Mannheim bei einem Auftritt dabei, da haben wir über das Thema Zukunft und Visionen gesprochen. Wie stellen wir uns unsere Zukunft vor und was sagt die Wissenschaft? Das lässt sich wunderbar begreifbar machen, wenn das auch auf einer emotionalen Ebene geschieht. Wenn wir nicht nur sagen, wir müssen höhere Deiche bauen, wir müssen uns gegen steigende Meeresspiegel wappnen, gegen höhere Temperaturen und längere Dürren. Sondern wenn wir den Menschen auch emotional berühren: Wie fühle ich mich dabei als Mensch? Was bedeutet das für mich als Individuum, als winzig kleiner Teil des Universums und dieses Planeten? Das lässt sich wunderbar über die Kraft der Musik transportieren.

Was erwartet die Teilnehmenden beim Forum Wissenschaftskommunikation im Klimakonzert?

In Bielefeld werden wir eine multimediale Performance bieten. Das ist etwas, das wir noch nicht oft gemacht haben. Wir spielen klassische Musikstücke, unter anderem Mozart, der immer etwas Hoffnungsvolles in die Welt trägt, aber auch Messiaen, dessen Musik fordert. Dazu gibt es einen Text, den uns Harald Lesch zur Verfügung gestellt hat. Darin geht es um die Erde als Notfallpatientin. Und im Hintergrund wird ein zuvor aufgenommener Livestream laufen. Er zeigt Bilder der Erde, die von der Internationalen Raumstation ISS aus aufgenommen worden sind. Wir werden also quasi aus dem Universum, aus rund 400 Kilometer Höhe, auf die Erde schauen, während wir die Musik und den Text hören. Dadurch bekommen die Zuschauer*innen eine ganz besondere Perspektive, nämlich die von Betrachter*innen der eigenen Welt. Wir wollen damit sagen, beamt euch mal raus aus eurem Alltag. Versetzt euch in eine andere Perspektive und schaut auf euren Planeten, auf die dünne Schicht der Atmosphäre, die drumherum liegt und unseren Planeten schützt. Schaut mal, wie kostbar und wertvoll, einmalig und einzigartig dieser Planet ist. 

Im Programm des Forum Wissenschaftskommunikation heißt es „Wie ein Klimakonzert eine neue Debattenkultur schafft“. Welchen Einfluss beobachten Sie?

Wir hoffen natürlich, dass wir das in Bielefeld alle gemeinsam erleben werden: Am Ende einer Veranstaltung geben wir immer die Möglichkeit, sich mit uns auszutauschen über das, was wir gerade erlebt haben und über das Thema, das wir vorgestellt haben. Wir haben bemerkt, dass Menschen anders debattieren, wenn man nicht in diesen eingeübten Diskussions- und Argumentationsmustern verharrt, sondern plötzlich über die Musik auch Emotionen zugelassen und starke Emotionen erlebt hat. Dann eröffnet das neue Perspektiven, schafft eine neue Zugänglichkeit für Argumente. Man findet auch andere Anknüpfungspunkte für die Diskussion und kommt anders in den Diskurs miteinander. Das finden wir sehr spannend. Bei der Veranstaltung in Mannheim etwa hatten wir auch einige sehr kritische Stimmen im Publikum, die überlegten, ob der Klimawandel wirklich so schlimm ist. Aber diese Diskussion kenne ich in anderer Härte, wenn ich sie zum Beispiel per Mail führe. Wenn ich aber so ein gemeinsames Erlebnis hinter mir habe, kann ich anders über diese Fragen sprechen. Wir haben dann einen gemeinsamen Erfahrungsraum und wir sprechen auf eine verständnisvollere Art und Weise miteinander.

Können Sie sich vorstellen, dass dieser Ansatz auch für andere Themen als den Klimawandel geeignet ist?

Unbedingt. Und es wäre klasse, wenn das passiert. Wir wollen das zumindest gern anstoßen. Unser Thema ist das Klima und wir machen die Erfahrung, dass die Klimakonzerte die Debattenkultur ändern. Warum soll das bei anderen Themen nicht auch möglich sein? Vielleicht finden sich ja Nachahmer*innen.

Forum Wissenschaftskommunikation, Donnerstag, 16. November 2023
Session: Der gute Ton, oder: Wie ein Klimakonzert eine neue Debattenkultur schafft.
Moderation: Roland Koch, Alfred-Wegener-Institut
Musiker*innen: Markus Bruggaier, Horn, Staatskapelle Berlin; Jan Bauer, Cello, Staatsorchester Braunschweig; Detlef Grooß, Viola, Hochschule für Musik Mainz; Marie Daniels, Viola, Bremer Philharmoniker; Luisa Höfs, Geige, Duisburger Philharmoniker


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