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Nachgefragt – bei Jürgen Richter-Gebert

06. Juli 2021

  • Erstellt von Sina Metz
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Foto von Jürgen Richter-Gebert und einem mathematischen Modell Array

Foto: Astrid Eckert, TU München

 

In der Reihe "Nachgefragt" stellen wir in loser Folge Menschen vor, die in der Wissenschaftskommunikation arbeiten. Mit 17 Fragen - und 17 Antworten, mal ernsthaft, mal humorvoll.

In der Ausgabe Sechsundsechszig sprechen wir mit Jürgen Richter-Gebert. Er ist Professor für Geometrie und Visualisierung an der Technischen Universität München. Am Campus Garching leitet er die Mathematik Ausstellung ix-quadrat und vermittelt Mathematik in zahlreichen Hands-on Workshops, mit interaktiver Software und in Apps. 2021 zeichnete ihn die Deutsche Forschungsgemeinschaft und der Stifterverband der Deutschen Wissenschaft mit dem Communicator-Preis aus.

Ein*e gute*r Kommunikator*in braucht…?

Geduld, Ideen, Humor, einen Sinn für das Gegenüber, viel Spaß am eigenen Fach, Freude an der Begeisterung anderer Menschen.

Was hat Sie dazu bewogen, in der Wissenschaftskommunikation zu arbeiten?


Das ist eine längere Geschichte. Bereits als Schüler bin ich mal eine ganze Woche nach München gefahren, um täglich das Deutsche Museum zu besuchen. Kommunikation durch gut gemachte Exponate hat mich schon damals sehr fasziniert. Später als Student im 5. Semester habe ich bereits Software für Ausstellungen geschrieben. Damals gab es die legendäre Symmetrie Ausstellung in Darmstadt, ein Riesenprojekt. Ich habe dafür auf Anregung von Prof. Bernhard Ganter das erste Zeichenprogramm für symmetrische Muster geschrieben. Diese Ausstellung mit ihren vielen Hands-On Exponaten hat mich nachhaltig geprägt. Um 1992 fing ich dann an, vermehrt Software zur Visualisierung von Mathematik zu schreiben. Die wurde auch in Schulen verwendet. Als ich dann mit meinem Ruf an die TU München (TUM) die Gelegenheit bekam, einen „Mathematik-Modellraum“ einzurichten, entstand der Wunsch, ein kleines Hands-on Mathe-Museum einzurichten. Seither bin ich von der Erstellung von Ausstellungen, Apps, Exponaten, Internetplattformen zur Mathematikvermittlung nicht mehr weggekommen.

Ihr Arbeitsalltag in drei Schlagworten?


Vormittagsschicht, Nachmittagsschicht, Nachtschicht.
(zum Glück mit Unterbrechungen)

Was war Ihr schönstes Erlebnis als Kommunikator*in?

Oh, da gab es viele, und viele davon sind sehr verschieden. Ich kann mich da jetzt nicht auf eines beschränken. Besonders schön ist es, wenn Materialien für Workshops eine ungeplante Eigendynamik bekommen. Einmal, am Tag der Offenen Tür in der TUM, hatten wir einen Workshop mit „Leonardo-Hölzern“ zum Bau von Brücken, und Kuppeln angeboten. Viele Kinder machten begeistert mit und folgten unseren Anregungen. Ich musste dann für eine Stunde weg, da ich einen Vortrag hielt. Als ich zurückkam hatte die Kreativität der Kinder Purzelbäume geschlagen. Da gab es nach den gleichen Bauprinzipien nicht nur Kuppeln und Brücken, sondern auf einmal auch Räder und Liegestühle. Damit hatte ich niemals gerechnet.

Ein Erlebnis ganz anderer Art hatte ich mit dem Turing-Award Gewinner Dana Scott (Der Turing Award ist sowas wie ein Nobelpreis für Informatik). Nachdem ich ihm unsere Ausstellung über Mathematik und Musik gezeigt hatte, nahm er mich zur Seite, um mir eine ganz persönliche Geschichte zu erzählen. Er be-richtete mir, dass er in der späten 1940ger Jahren durch sein Interesse für die Zusammenhänge von Mathematik und Musik zur Wissenschaft gekommen sei. Aber erst genau jetzt im Kontakt zu den von mir geschriebenen Exponaten erstmalig die Effekte „hören“ konnte, von denen er seit über 60 Jahren wusste.

Was war Ihr größtes Kommunikationsdesaster?

Vielleicht kein Desaster, aber ein fettes Problem. Meine Matheausstellung ix-quadrat bei uns am Campus ist so angelegt, dass sie für sehr verschiedene Zielgruppen funktioniert. Vom Grundschulkind über Mittel- und Oberstufe bis hin zu Studenten, oder gar Wissenschaftlern. Der Raum unserer Ausstellung ist nach außen hin voll verglast. Seitdem wir das erste Mal Grundschüler da drin hatten kommt aus eigenem Antrieb kaum mehr ein Student rein, da die immer denken “wenn das was für Grundschüler ist, dann kann es ja nix für uns sein”. Das gleiche ist umgekehrt leider auch der Fall. Es ist so ein bisschen der Fluch der Transparenz.

Welche Ihrer Eigenschaften stört Sie im Arbeitsalltag am meisten?

Dass mir nachts um 4 dann doch die Augen zufallen :-)

Mit welcher (historischen) Person würden Sie gerne essen gehen?

Nach längerem Überlegen habe ich mich mit mir auf Richard Feynman geeinigt. Nach allem was ich bisher gehört und gelesen habe, muss er eine Person mit vielen unkonventionellen Gedanken gewesen sein, er ist ein Meister der Reduktion auf das Wesentliche. Und er war ziemlich unprätentiös. Ich vermute, auch, dass die Kleiderordnung, wenn man mit ihm Essen ginge, nicht zu formal sein müsste, was ich sehr begrüße. Und ja, ich hätte auch einige Fra-gen über theoretische Physik und “das, was die Welt im Innersten zusammen-hält” an ihn.

Ihre Lieblingswissenschaft?

Wenn ich jetzt irgendetwas anderes als Mathematik sage, dann hab ich ja ein Problem. Aber ganz im Ernst: Die Theoretische Physik.

Welches Forschungsthema würden Sie äußert ungern kommunizieren?


Nahezu alles aus dem Bereich der Politikwissenschaften. Würde ich nicht nur ungern, sondern könnte ich einfach nicht kommunizieren.

Ohne Hindernisse wie Geld oder Zeit: Welches Projekt würden Sie gerne umsetzen?

Das Hindernis ist hier glaub ich weniger Geld/Zeit, sondern ein geeigneter Raum und Rahmen. Ich würde unglaublich gerne einen Mathematischen “Dunkelraum” einrichten. Ein Raum in dem viele Phänomen am Grenzbereich von Mathe und Physik gezeigt werden, die alle nur unter bestimmten Lichtbedingungen funktionieren. Eine Art mathematisches Panoptikum. Da könnte es Ausflüge in die 4. Dimension geben, Wassertropfen die in der Luft zu schweben scheinen, scheinbar unendliche symmetrische Räume und vieles mehr. Außerdem kann man im Dunkeln leichter den Fokus auf eine Sache richten und führen.

In welchem Bereich würden Sie gerne arbeiten, wenn nicht in der Wissenschaftskommunikation?


Musikinstrumente bauen.

Wissenschaftskommunikation im Jahr 2030 ist …


Genauso wichtig wie heute und zumindest was die Mathematik angeht, werden viele Themen, die heute wichtig sind, auch nach wie vor wichtig sein.

Was halten Sie für die größte Errungenschaft der Wissenschaftsgeschichte?


Für mich persönlich wohl die Elektrizität und alles was damit zusammenhängt (Licht, Motoren, Funk, Computer, Bildschirme, …). Das ist in weiten Teilen so vollkommen unsichtbar (Strom der durch Drähte fließt sieht man nicht) und es war eine unglaubliche Leistung im 19. Jahrhundert da alle Puzzle Steine zusammen zu setzen. Ich frage mich manchmal, ob wenn wir Elektrizität nicht entdeckt hätten sich auf ganz andere Art und Weise vergleichbar leistungsstarke Computer entwickelt hätten. Um es mit Arthur C. Clarke zu sagen: “Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic” und Elektrizität kommt da ganz gut ran.

Wie haben Sie sich als Kind die Zukunft vorgestellt?


Ein bisschen spektakulärer. Wow, das Jahr 2000 war aus dem Blickpunkt von 1970 so weit weg und vielversprechend. Als es dann da war, war es nicht viel Besonderes (noch nicht mal der Millennium Bug hatte eine größere Auswirkung). Und aus heutiger Sicht wirkt das Jahr 2000 richtig oldschool. Dennoch: Rückblickend ist von 1963 (meinem Geburtsjahr) bis heute unglaublich viel passiert. Eben nur langsam und Stück für Stück. Zum Glück bin ich noch Kind genug, um mir das Jahr 2050 als richtig spektakulär vorzustellen.

Wie bekommen Sie bei Stress am besten Ihren Kopf frei?

In der Natur spazieren gehen. Am liebsten mit meiner Frau zusammen. In den Himmel schauen, den Blättern lauschen, Wolken beobachten, Gedanken mit ihnen ziehen lassen.

Kolleg*innen helfe ich gerne bei …?


... Versuchen Dingen auf den Grund zu gehen und komplizierte Sachen so weit wie möglich verständlich zu machen.

Wem würden Sie den Fragebogen gerne schicken und welche Frage würden Sie dieser Person gerne stellen?

Ralph Caspers von ‘Wissen macht Ah…’ und der ‘Sendung mit der Maus’. Und die Frage: ‘Was hat sich in den letzten 20 Jahren bei Deiner Art zu kommunizieren geändert?’.

Jürgen Richter-Gebert

Jürgen Richter-Gebert ist Professor für Geometrie und Visualisierung an der Technischen Universität München. Seit 2002 leitet er die Mathematik Ausstellung ix-quadrat am Campus Garching und veranstaltete in diesem Rahmen zahlreiche Hands-on Mitmach-Workshops. Darüber hinaus beschäftigt er sich seit mehreren Jahrzehnten mit der Erstellung von interaktiver Software und Apps, die Mathematik einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen sollen. Neben Preisen für Softwareentwicklung und Lehre wurde er 2021 von der DFG und dem Stifterverband der Deutschen Wissenschaft mit dem Communicator-Preis ausgezeichnet.


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