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Nachgefragt bei Konstantin S. Kiprijanov

14. Juli 2022

  • Erstellt von Inga Siek
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Dr. Konstantin S. Kiprijanov ist Referent für Wissenschaftskommunikation im Forschungsprojekt „Transferwissenschaft“, Technische Universität Berlin, Foto: Konstantin S. Kiprijanov

In der Reihe „Nachgefragt“ stellen wir in loser Folge Menschen vor, die in der Wissenschaftskommunikation arbeiten. Mit 17 Fragen - und 17 Antworten, mal ernsthaft, mal humorvoll.

In der fünfundsiebzigsten Ausgabe sprechen wir mit Dr. Konstantin S. Kirpijanov. Dr. Konstantin S. Kiprijanov ist Referent für Wissenschaftskommunikation an der Technischen Universität Berlin und erforscht im BMBF-geförderten Verbundprojekt „Transferwissenschaft“ die Bedeutung und das Potential von Wissenschaftskommunikation für Wissens- und Technologietransfer.

Ein*e gute*r Kommunikator*in braucht…?

Begeisterung für Inhalte; Experimentierfreude und den Willen, sich überraschen und inspirieren zu lassen; Lust auf Interaktion mit Menschen – egal, ob mit Anzugträger*innen oder Schulbankdrücker*innen; Forschungsdrang und detektivischen Spürsinn; und – ganz wichtig – gute Englischkenntnisse.

Was hat Sie dazu bewogen, in der Wissenschaftskommunikation zu arbeiten?

Keine einfache Frage! Eine mögliche Antwort ist in meiner Biografie zu finden. Denn als Migrant und Kind zweier Naturwissenschaftler*innen musste ich mich schon sehr früh mit Wissenschaft auf mehreren Sprachen auseinandersetzen – um in der Schule erklären zu können, was meine Eltern eigentlich machen. Keine leichte Aufgabe, weil ich damals selbst kaum verstand, was Antikörper und Tumorzellen sind! Aber im Ernst: Die Begeisterung für Wissenschaftskommunikation und ihre fundamentale Rolle in Forschung und Gesellschaft wurde durch mein Studium der Geschichte und Theorie der Wissenschaft und die anschließende Promotion entfacht. Durch erste praktische Erfahrungen in Form von Praktika während des Studiums – unter anderem beim Bundesministerium für Bildung und Forschung – habe ich Wissenschaftskommunikation außerdem als einen sehr attraktiven Beruf kennengelernt.

Ihr Arbeitsalltag in drei Schlagworten?

#Teamwork #Forschung #MiroBoards

Was war Ihr schönstes Erlebnis als Kommunikator*in?

Das war eine Vorlesungsreihe aus der University of Leeds, an der ich 2017 beteiligt war. Die Veranstaltung wurde von Forscher*innen des Fachbereichs Philosophie und Wissenschaftsgeschichte zu wechselnden Themen aus der Wissenschaftsforschung angeboten. In wöchentlichen Sessions erklärten meine Kolleg*innen und ich anhand von musealen Objekten – Stethoskop, Druckerpresse und Setzkasten, Herbarium, Modell eines Perpetuum Mobile – die Entstehung der modernen Wissenschaft. Dieses sehr klassische, lineare Format zog jede Woche mehrere Dutzend Zuhörer*innen an, die sich nach dem Vortrag sehr gerne und sehr wortreich mit uns über die Objekte austauschten. Oft gingen die Diskussionen im Pub bis zur Sperrstunde weiter!

Was war Ihr größtes Kommunikationsdesaster?

Vor einiger Zeit habe ich mich mit einem Mathematiker unterhalten, der die Meinung vertrat, dass eine naturwissenschaftliche Ausbildung völlig ohne Kunst, Kultur und Geisteswissenschaft auskäme – und Kinder die Grundlagen der Mathematik und Naturwissenschaften am besten im stillen Kämmerlein lernen sollten, anstatt mit Gleichaltrigen in Klassenzimmer und Schullabor zu interagieren. In diesem Gespräch ist es mir leider nicht gelungen, das soziale Fundament der Wissenschaften sowie die zentrale Bedeutung sozialer und kommunikativer Skills zu vermitteln.

Welche Ihrer Eigenschaften stört Sie im Arbeitsalltag am meisten?

Das ist definitiv meine Neigung, bei der Textarbeit jedes Wort dreimal herumzudrehen. Interessanterweise wurde mir von Kritiker*innen aber auch vorgeworfen, dass ich zu freundlich sei und daher unprofessionell wirke. Mir scheint aber, dass dieser Vorwurf die deutsche Perspektive abbildet – in England wurde diese Eigenschaft nämlich sehr geschätzt.

Mit welcher (historischen) Person würden Sie gerne essen gehen?

Mit der US-amerikanischen Science Fiction-Autorin Octavia Butler (1947 – 2006)! Octavias Bücher faszinieren mich bis heute – weil sie einen ganz neuen Blick auf das Verhältnis zwischen Wissenschaft, Technologie, Gesellschaft und Menschsein werfen und sich damit massiv von dem männerdominierten Science Fiction-Mainstream unterscheiden.

Ihre Lieblingswissenschaft?

Eindeutig die „Transferwissenschaft“, an deren Etablierung meine Kolleg*innen und ich im Rahmen des gleichnamigen Forschungsprojekts arbeiten!

Welches Forschungsthema würden Sie äußert ungern kommunizieren?

Der Klimawandel ist ja schon eine harte Nuss, aber ich würde vor allem auf Themen wie Genetically Manipulated Organisms (GMOs) und Humangenetik gerne verzichten – dafür fehlen mir die relevanten Skills und die nötige Resilienz.

Ohne Hindernisse wie Geld oder Zeit: Welches Projekt würden Sie gerne umsetzen?

Falls ich unbegrenzte Ressourcen hätte, würde ich empirische Forschung betreiben: Die bekanntesten Formate der Wissenschaftskommunikation in unterschiedlichen Settings testen und nach verschiedenen Kriterien hinsichtlich gesellschaftlich relevantem Wissenstransfer bewerten. Welche Formate eignen sich in der Praxis, um sozialen Impact zu erzeugen? Und natürlich auch: Welche Arten von sozialem Impact gibt es eigentlich?

In welchem Bereich würden Sie gerne arbeiten, wenn nicht in der Wissenschaftskommunikation?

Hier gehen meine Interessen auseinander: Ich könnte mir eine Karriere sowohl in der Hochschullehre als auch in der strategischen Beratung von Hochschulen vorstellen. Als Kind wollte ich ja Spion werden, aber dafür ist der Zug wohl schon abgefahren.

Wissenschaftskommunikation im Jahr 2030 ist …

Eine sehr spannende Frage, denn genau dazu entwickeln wir in unserem Projekt Transferwissenschaft mögliche Zukunftsszenarien. Wissenschaftskommunikation im Jahr 2030 ist: Ein etabliertes Forschungs-, Praxis- und Berufsfeld mit klaren Karriereaussichten; bestimmt von einem professionellen Commitment der Kommunikator*innen zum offenen Austausch jenseits von Belehrung und Bevormundung; außerdem großzügig gefördert, an jeder Forschungseinrichtung etabliert und dort ein fester Bestandteil von Transferstrategien mit klaren Zielvorstellungen und messbarem Impact.

Was halten Sie für die größte Errungenschaft der Wissenschaftsgeschichte?

Diese Frage darf ich als promovierter Wissenschaftsforscher eigentlich gar nicht beantworten, denn Wissenschaft ist mehr als eine Ansammlung von Erfolgen, Meilensteinen und sogenannten Durchbrüchen. Ich habe aber eine Antwort, die selbst die strengsten Wissenschaftshistoriker*innen milde stimmen sollte: Ohne die Druckerpresse und bewegliche Lettern wäre die moderne Wissenschaft undenkbar! Denn nur wenn Wissen durch Hände und Köpfe zirkuliert, kann es auch vermehrt werden.

Wie haben Sie sich als Kind die Zukunft vorgestellt?

Meine kindlichen Fantasien waren sehr stark von sowjetischen Kinderbüchern geprägt, unterschieden sich aber nicht sehr stark von unserer tatsächlichen Gegenwart: Mobile Telefone, überall Bildschirme, selbstfahrende Autos und Computer, die jede Sprache dieser Welt sprechen können. Es fehlen nur noch Jet Packs und Raumschiffe, um meine Zukunftsvorstellungen zu vervollständigen!

Wie bekommen Sie bei Stress am besten Ihren Kopf frei?

Joggen hilft. Kochen auch. Ideal ist aber ein Abend im Pub mit meinen besten Freund*innen.

Kolleg*innen helfe ich gerne bei…/Ich stehe gerne Rede und Antwort zu…?

Aktuelle Entwicklungen im Bereich Wissenstransfer, Wissenschaftsforschung sowie Theorie und Geschichte der Wissenschaftskommunikation. Außerdem helfe ich gerne mit englischen Texten.

Wem würden Sie den Fragebogen gerne schicken und welche Frage würden Sie dieser Person gerne stellen?

An Armin Grunwald mit der Frage, welchen möglichen Beitrag angewandte Kunst und Design zu einer transformativen Wissenschaft leisten können, und welche Rolle der Wissenschaftskommunikation dabei zukommen könnte.

Dr. Konstantin S. Kiprijanov ist Referent für Wissenschaftskommunikation an der Technischen Universität Berlin und erforscht im BMBF-geförderten Verbundprojekt „Transferwissenschaft“ die Bedeutung und das Potential von Wissenschaftskommunikation für Wissens- und Technologietransfer. Dort ist Kiprijanov auch für die Entwicklung und Erprobung neuer Kommunikationsmaßnahmen, die Kommunikation der Projektergebnisse, strategische Beratung sowie die Lehre im Bereich Wissenschaftskommunikation zuständig. Kiprijanov promovierte an der University of Leeds (UK) in History and Philosophy of Science mit Schwerpunkt Wissenschaftskommunikation. Dort war er anschließend als Dozent und Supervisor für Science Communication, Science and Technology Studies und History of Science tätig.


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