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Nachgefragt bei Simone Fass

12. Dezember 2023

  • Erstellt von Simon Esser
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  • v Nachgefragt
Foto von Simone Fass Array

Simone Fass ist Illustratorin. Sie hat sich auf leicht verständliche Bildsprache spezialisiert.

In der Reihe „Nachgefragt“ stellen wir in loser Folge Menschen vor, die in der Wissenschaftskommunikation arbeiten. Mit 17 Fragen – und 17 Antworten, mal ernsthaft, mal humorvoll.

In der neunundachtzigsten Ausgabe sprechen wir mit Simone Fass. Simone Fass ist Illustratorin und zeichnet  als "Visuelle Übersetzerin" selbstständig zu Themen aus Wissenschaft, Kommunikation, Bildung und Inklusion. Sie hat sich auf leicht verständliche Bildsprache spezialisiert, den sogenannten Leichten Bildern.

 1. Ein*e gute*r Kommunikator*in braucht…?

Transparenz und Ehrlichkeit, eine klare Positionierung der eigenen Person und Rolle, fundiertes und vielseitiges Wissen über sein*ihr Thema, die Fähigkeit, Dinge einfach zu erklären, Empathie für sein*ihr Gegenüber und die Fähigkeit, Menschen zuzuhören. Und Storytelling. Im Sinne von „einen roten Faden spinnen“ und von den „Höhen und Tiefen“ zu erzählen. Es läuft nicht immer alles gut.

2. Was hat Sie dazu bewogen, in der Wissenschaftskommunikation zu arbeiten?

Ganz zu Anfang meiner Selbstständigkeit habe ich geguckt, wo leicht verständliche visuelle Kommunikation gebraucht wird. Bin dann u. a. auf die Wissenschaft gestoßen.

3. Ihr Arbeitsalltag in drei Schlagworten?

Zeichnen, Forschen (zu Leichten Bildern), Admin und Orga

4. Was war Ihr schönstes Erlebnis als Kommunikator*in?

Die Nominierung zum Grimme Online Award 2021 mit Corona-leichte-Sprache.de. Diese Internetseite ist in der Anfangszeit der Corona-Pandemie entstanden aus dem Bedarf heraus, dass Menschen mit Lernschwierigkeiten und taube Menschen keinen Zugang hatten zu teilweise lebenswichtigen Informationen zum Coronavirus. In Zusammenarbeit mit Betroffenen, Übersetzer*innen für Leichte Sprache, einer Gebärdensprachdolmetscherin und anderen Illustratorinnen haben wir Aufklärung in Leichter Sprache und in Leichten Bildern betrieben. Der Rahmenvertrag mit dem Bund für Leichte Sprache und Leichte Bilder war auch ein großer Erfolg. Ich habe mich bei der Ausschreibung Ende 2021 beworben zusammen mit der Agentur Textöffner und wir haben ihn bekommen! Nun übersetzen und bebildern wir sehr viele Texte für Bundeseinrichtungen. Die kleinen Erlebnisse im Alltag bauen mich zudem auch regelmäßig auf. Zum Beispiel schrieb mir vor Kurzem ein Prüfer (Leichte Bilder und Leichte Sprache werden geprüft von Menschen mit Lernschwierigkeiten), dass ich ihm Kraft geben würde. Das gibt mir dann Kraft zurück. :-)

5. Was war Ihr größtes Kommunikationsdesaster?

Ich bin keine gute Rednerin. Da kann ich noch an mir arbeiten. Aber so „richtige“ andere Katastrophen gab es bisher noch nicht.

6. Welche Ihrer Eigenschaften stört Sie im Arbeitsalltag am meisten?

Es ist eine permanente Herausforderung, eine gute Balance zu finden zwischen meiner kreativen Energie und einer pragmatischen Planung der Projekte. Meine schwindende Stressresilienz führt dazu, dass ich immer besser planen muss. Mein Perfektionismus und Begeisterungsfähigkeit ziehen manche Aufgaben und Projekte in die Länge. Das bringt den Zeitplan auch mal durcheinander. Manchmal muss man einfach nur pragmatisch sein.

7. Mit welcher (historischen) Person würden Sie gerne essen gehen?

Vera Birkenbihl. Ich würde mich mit ihr über didaktische Methoden und die Möglichkeit von Visualisierung in der Didaktik austauschen. Beim Austausch würde ich live mitzeichnen. Sie vielleicht auch. Dann würden wir unsere Bildsprachen besprechen. Vera Birkenbihls Fähigkeit, Dinge didaktisch zu reduzieren, finde ich einmalig und faszinierend.

8. Ihre Lieblingswissenschaft?

Linguistik. Ich liebe die Kommunikation durch Sprachen! Die Analyse von Worten hilft mir oft, Bilder zu finden. Letztens dachte ich über das Wort „Respekt“ nach. Das Wort ist so allgemein, da sind sehr verschiedene bildliche Übersetzungen möglich. Ein Ansatz kam von der Wortbedeutung: „Re“ steht für „zurück“ und „spekt“ vom lateinischen Wort „spectare“. Das heißt „zurückblicken“ oder „Rücksicht nehmen“. Das ist leichter zu zeichnen als das abstrakte Wort.

Psychologie. Ein großer Teil meiner Illustrationen besteht aus Menschen und der Darstellung von Gefühlen. Auch abstrakte Themen lassen sich oft durch die Darstellung von konkreten menschlichen Handlungen gut visualisieren. Allein durch Gestik und Mimik kann man schon viele Dinge verdeutlichen.

Didaktik. Ich erkläre und spiele gerne so einfach wie möglich. Das ist wirklich schwer! Visualisierung ist ein Teil der Didaktik. Sie kann meistens aber nicht alleine funktionieren, sondern im Zusammenspiel mit der Methode, dem Werkzeug, dem oder der Kommunikator*in, dem oder der Lernenden, dem Lernumfeld – dem ganzen didaktischen System. Für mich hat Didaktik etwas mit ganzheitlichem Denken zu tun.

Soziologie. Mich interessieren menschliche Verhaltens- und Erscheinungsmuster nicht nur für den einzelnen Menschen, sondern auch für Gruppen und Gesellschaften. Darin finden sich viele Codes, die ich auch für meine Bilder nutze.

9. Welches Forschungsthema würden Sie äußert ungern kommunizieren?

Krebsforschung. Finde ich aus persönlichen Gründen unangenehm. Außerdem kann ich kein Blut sehen und könnte deswegen nicht zu chirurgische Themen illustrieren.

10. Ohne Hindernisse wie Geld oder Zeit: Welches Projekt würden Sie gerne umsetzen?

Ich würde gerne einen Comic zeichnen in Leichter Sprache und in Leichten Bildern zu einem Thema, das mehr Sichtbarkeit braucht. Das Genre Comic hat so viel Potenzial für das visuelle Erzählen, Erklären und Verbreiten eines Themas! Comics in Zusammenhang mit barrierefreier Kommunikation sind zudem noch nicht erforscht. Das würde mich sehr interessieren. Das Thema steht noch nicht fest. Es wird sich aber im sozialen Bereich abspielen.

11. In welchem Bereich würden Sie gerne arbeiten, wenn nicht in der Wissenschaftskommunikation?

Ich arbeite ja nicht nur für die Wissenschaftskommunikation. Ich arbeite viel im Bereich barrierefreie visuelle Kommunikation. Vor allem Leichte Sprache. Da vor allem zu Sachthemen. Was mich außerdem interessieren würde: Leichte Sprache und Leichte Bilder kombinieren mit Literatur. Also literarische Texte visualisieren und zugänglicher machen durch visuelle und sprachliche Vereinfachung.

12. Wissenschaftskommunikation im Jahr 2030 ist …

Digital und barrierefrei oder zumindest barrierearm. Viel mehr Menschen, die keine Wissenschaftler*innen sind, sich aber dafür interessieren, werden es leichter haben, sich darüber zu informieren.

13. Was halten Sie für die größte Errungenschaft der Wissenschaftsgeschichte?

Ich habe da leider nicht den Überblick und kann es schwer einschätzen. Ich folge mit großem Interesse den wissenschaftlichen Erkenntnissen über Leichte Sprache. Leichte Sprache und die Forschung dazu sagen meiner Meinung nach ganz viel über sprachliche und visuelle Kommunikation auch im allgemeineren Sinn aus.

14. Wie haben Sie sich als Kind die Zukunft vorgestellt?

Voller Abenteuer, die es zu entdecken gilt. :-) An mehr kann ich mich nicht erinnern.

15. Wie bekommen Sie bei Stress am besten Ihren Kopf frei?

Sport, Kochen, Freunde und Familie

16. Kolleg*innen helfe ich gerne bei…/Ich stehe gerne Rede und Antwort zu…?

Leichte Sprache, Leichte Bilder, Partizipatives Gestalten, Kreative Lern- und Arbeitsmethoden

17. Wem würden Sie den Fragebogen gerne schicken und welche Frage würden Sie dieser Person gerne stellen?

An zwei Forscherinnen/Linguistinnen, die zu aussterbenden Sprachen forschen. Alle Fragen interessieren mich. Und zusätzlich: Warum ist es wichtig, sich mit aussterbenden Sprachen zu beschäftigen und was können wir daraus lernen für lebende Sprachen?

 

Simone Fass studierte an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst Illustration. Als "die Visuelle Übersetzerin" zeichnet sie seit über 10 Jahren zu Themen aus der Wissenschaft, Kommunikation, Bildung und Inklusion. Sie hat sich auf eine leicht verständliche Bildsprache spezialisiert, den sogenannten Leichten Bildern und prüft Illustrationen und Grafiken auf Verständlichkeit. Sie leitet eine inklusive Zeichengruppe, in der Gestalter*innen und Zeichner*innen mit und ohne Behinderung in einem partizipativen Prozess zusammen Leichte Bilder erarbeiten.


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