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Nachgefragt – bei Tanja Gabriele Baudson und Claus Martin

04. April 2018

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Foto: Tanja Gabriele Baudson (l.) und Claus Martin (r.)

Foto: Tanja Gabriele Baudson (l.) und Claus Martin (r.)

In der Reihe „Nachgefragt“ stellen wir in loser Folge Menschen vor, die in der Wissenschaftskommunikation arbeiten. Mit 17 Fragen - und 17 Antworten, mal ernsthaft, mal humorvoll.

In der siebenundzwanzigsten Ausgabe sprechen wir mit Tanja Gabriele Baudson (TGB) und Claus Martin (CM), Initiatoren des March for Science in Deutschland. Gemeinsam koordinieren sie die Veranstaltungen in zahlreichen deutschen Städten. Im letzten Jahr nahmen insgesamt über 35.000 Menschen teil.

Ein guter Kommunikator braucht…?

TGB: … Respekt vor den Menschen, mit denen er bzw. sie zu tun hat. Dazu gehört die Fähigkeit, Perspektiven zu übernehmen und daraus zu lernen. Die Bereitschaft, sich selbst und den eigenen Standpunkt zu hinterfragen.

CM: … die Fähigkeit, zu reden. Und die Fähigkeit, zuzuhören. Kommunikation bedeutet: Senden und empfangen. 

Was hat Sie dazu bewogen, in der Wissenschaftskommunikation zu arbeiten? 

TGB: Ich bin ja Wissenschaftlerin, habe jedoch einfach große Freude daran, meine (Er-)Kenntnisse und Forschungsergebnisse mitzuteilen. Gerade in dem Bereich, in dem ich am meisten für die Öffentlichkeit schreibe – der Hochbegabtenforschung – gibt es noch sehr viele Vorurteile, was sich in zahlreichen meiner Studien zeigt, und dem wollte ich gern etwas entgegensetzen. Das Feld ist hochspannend, und vieles ist derzeit im Umbruch; auch das will ich vermitteln, ob nun im Blog, durch Vorträge, auf Podien oder in der direkten Diskussion.

Im Zuge der Arbeit für den „March for Science“ ist mir deutlich geworden, dass die Wissenschaftskommunikation ein zentrales Bindeglied zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ist – und zwar nicht nur in der Form, dass interessante Forschungsergebnisse einer interessierten Öffentlichkeit in verständlicher Form berichtet werden. Wissenschaftskommunikation findet in Schulbüchern statt, in der Politik, überall, wo Wissenschaft eine Rolle spielt. Da ich selbst Wissenschaftskommunikation ja eher „by doing“ gelernt habe, ist mir dadurch auch noch einmal klarer geworden, was für eine anspruchsvolle Tätigkeit das ist.

CM: Hintergrund meines Engagements für den March for Science ist die Beobachtung, dass allenthalben die Unterscheidung zwischen persönlichem Glauben, eigener Meinung und wissenschaftlicher Erkenntnis in dramatischer Weise nachlässt. Diese Entwicklung (die meiner Ansicht nach immer noch von der gesamten gesellschaftlichen Elite und insbesondere von politischen Entscheidungsträgern massiv unterschätzt wird) bedroht den Fortbestand unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung im Kern. Hier müssen sehr schnell grundlegende Veränderungen eingeleitet werden. Und zwar wirklich: sehr schnell, nicht in drei Jahren. Und wirklich: grundlegend. Keine Reförmchen. Keine Nachbesserungen. Sondern wirkliche Änderungen im System. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen, solche Änderungen anzustoßen.

Ihr Arbeitsalltag in drei Schlagworten?

TGB: Schreiben, lesen, rechnen.

CM: Träumen, planen, umsetzen.

Was war Ihr schönstes Erlebnis als Kommunikator?

TGB: Im Grunde sind es immer wieder die persönlichen Kontakte mit anderen Menschen, die mir viel Freude machen und die auch zeigen, dass man beim Gegenüber etwas bewirkt. Menschen, die sich mit meinen Ideen kritisch auseinandersetzen oder die auch einfach mal schreiben, dass sie meine Beiträge gern lesen – darüber freue ich mich. Das ist eine ganz andere Art des Impacts als die, die man über statistische Indizes erfasst.

CM: Der March for Science 2017. Die ungeheure Energie zu spüren, die von den 22.000 Demonstranten und den tollen Teams in den teilnehmenden Städten ausging, die das alles organisiert hatten – das war sehr bewegend!

Was war Ihr größtes Kommunikationsdesaster?

TGB: Eine Podiumsdiskussion mit Publikumsbeteiligung, bei der ein Elternpaar eines hochbegabten Kindes mit schlechten Noten (ein sogenannter „Underachiever“) mich sehr offen angegriffen hat: Ich hatte bei meinem Impulsreferat die Befundlage zum Zusammenhang zwischen Intelligenz und Schulleistungen referiert. Der Zusammenhang ist auf Gruppenebene klar positiv, aber eben nicht perfekt – dadurch kommt es zu Abweichungen in beide Richtungen. Ich habe es damals zu statistiklastig erklärt, und so ist es mir partout nicht gelungen, den beiden zu vermitteln, dass sich der positive Zusammenhang auf Gruppenebene einerseits und die Abweichung im Einzelfall andererseits vereinbar ist.

CM: Ich habe als Student bei einer Tagung von Opernregisseuren versucht, die Ergebnisse meiner Diplomarbeit (zu den inszenatorischen Konsequenzen der Musik in Mozarts Rezitativen) zu kommunizieren. Ich stieß auf völliges Unverständnis. Die Kollegen (die sich nun mal als Künstler definierten), wehrten sich vehement gegen meinen Versuch, die Funktionsweise von Musik wissenschaftlich erklären zu wollen.

Welche Ihrer Eigenschaften stört Sie im Arbeitsalltag am meisten? 

TGB: Mein Ideenreichtum. Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen kokett, aber es interferiert ab und an tatsächlich mit dem konvergenten, fokussierten Denken. Was mir hilft: Einfälle notieren, damit man sicher sein kann, dass sie nicht verloren gehen, und sich vor Augen halten, dass man neue Ideen ja nicht sofort angehen muss, sondern ruhig erst mal liegen lassen und später – nach Überprüfung ihrer Tauglichkeit – immer noch machen kann. Keine Ideen zu haben, fände ich aber deutlich störender. Insofern, nee, ist eigentlich schon okay so!

CM: Vielseitigkeit. Ich passe in keine Schublade. Und obwohl von der Politik immer wieder gebetsmühlenartig wiederholt wird, der moderne Mensch müsse flexibel, mobil und vielseitig sein, orientieren sich sämtliche Strukturen immer noch am Gegenteil.

Mit welcher (historischen) Person würden Sie gerne essen gehen?

TGB: Mit Leta Stetter Hollingworth. Die kennt wahrscheinlich keiner, aber auf sie geht die erste Höchstbegabtenstudie zurück, und beim Lesen ihrer Werke habe ich definitiv den Eindruck, dass das Bonmot „Research is Me-Search“ für sie ganz besonders gilt. Ihre Forschung, die durch ihren frühen Tod leider ein abruptes Ende fand, zeugt von einem unglaublich tiefen Verständnis ihres Forschungsgegenstandes. Insofern hätte ich große Lust, mich mit ihr mal bei einem schönen Essen länger zu unterhalten – und bei der Gelegenheit vielleicht sogar ein Kooperationsprojekt auf die Beine zu stellen! 

CM: Mit Rudi Dutschke.

Ihre Lieblingswissenschaft?

TGB: Psychologie! Was sonst!

CM: Die noch nicht existierende Disziplin Musiktheater-Wissenschaft. Es gibt Theaterwissenschaft und Musikwissenschaft, aber beide werden dem synästhetischen Wesen der Oper nicht gerecht. Die Theaterwissenschaftler bemängeln die oft schlichten Handlungsgerüste, die Musikwissenschaftler kümmern sich lieber um „reine“ Musik. Oper (und auch Musical) ist aber mehr als nur die Summe ihrer Teile Text und Musik.

Welches Forschungsthema würden Sie äußert ungern kommunizieren?

TGB: Alles, wovon ich nicht wirklich Ahnung habe. Ich arbeite mich zwar schnell in neue Bereiche ein, aber Halbwissen kursiert vermutlich auch so schon mehr als genug. 

CM: Forschung, bei der absehbar ist, dass ihre Ergebnisse missbraucht werden (können). Die Diskussion ist so alt wie die Atombombe, und natürlich kann grundsätzlich alles missbraucht werden. Ich bin aber der Meinung, dass gerade Menschen mit neuen Erkenntnissen oder revolutionären Ideen eine besondere Verantwortung tragen. Und das kann im Einzelfall eben bedeuten, zu schweigen.

Ohne Hindernisse wie Geld oder Zeit: Welches Projekt würden Sie gerne umsetzen?

TGB: Eine Langzeitstudie zur Entwicklung von Potenzialen, von der Wiege bis zur Bahre, und das über mehrere Generationen. Wie gehen Menschen mit den Vorurteilen um, die ihnen begegnen, was hilft ihnen, ihr Potenzial umzusetzen? Letzteres wird insbesondere im Kontext Hochbegabung ja häufig sehr einseitig unter einer ökonomischen Perspektive gesehen (à la „Brainpower statt Braunkohle“), aber letztlich finde ich die Frage, wie Menschen es schaffen, im Leben klarzukommen und dabei vielleicht sogar glücklich zu werden, viel spannender. Hohe Begabung ist eine großartige Ressource; aber dadurch, dass die Vorurteile sich so hartnäckig in unserer Gesellschaft halten, ist es nicht immer leicht, sie als solche anzuerkennen. (Auch hier spielt Wissenschaftskommunikation übrigens eine ganz zentrale Rolle!)

CM: Hochwertige Bildung und gleiche Bildungsstandards – weltweit. Jedes Kind (und natürlich auch jeder Erwachsene), ob in Bangladesh, in Kinshasa oder in Buxtehude, sollte gleichen Zugang zu erstklassiger Bildung haben. Eine unrealistische Utopie? Naja – Sie haben gefragt.

In welchem Bereich würden Sie gerne arbeiten, wenn nicht in der Wissenschaftskommunikation?

TGB: Ich bin ja mehr Hobby-Wissenschaftskommunikatorin – also, Wissenschaft ist schon mein Ding.

CM: Raumfahrt! – Oder nein: Politik!

Wissenschaftskommunikation im Jahr 2030 ist …

TGB: … interaktiv und vielseitig, was die verschiedenen Rezipientengruppen angeht. Wir sind auf einem guten Weg, glaube ich.

CM: … ein unverzichtbarer Teil jedes wissenschaftlichen Projekts, nicht bloß ein „nice to have". 

Was halten Sie für die größte Errungenschaft der Wissenschaftsgeschichte? 

TGB: Impfungen. Empfängnisverhütung. Und das Internet ist auch ganz cool.

CM: Definitiv der Buchdruck.

Wie haben Sie sich als Kind die Zukunft vorgestellt?

TGB: Ich glaubte, mit deutscher Wiedervereinigung und Europäischer Union wäre der Weltfrieden nah. Hat leider nicht ganz funktioniert.

CM: Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist die Mondlandung. Im Kindergarten haben wir dann auch Raketen gebaut und Schwerelosigkeit gespielt. Ich war fest überzeugt, dass die Menschheit in absehbarer Zeit andere Planeten erschließt. Raumschiff Enterprise und so. 

Wie bekommen Sie bei Stress am besten Ihren Kopf frei?

TGB: Ganz klassisch durch Bewegung in der Natur – Spazierengehen, Laufen, Radfahren. Oder durch ein Nickerchen – ich kann zum Glück so ziemlich überall schlafen, und zwischendrin einfach mal zehn, fünfzehn Minuten abzuschalten, gibt Energie für viele Stunden. Kunst machen und Klavier spielen sind auch wunderbar, um Stress zu reduzieren. Und witzigerweise auch intensives Arbeiten – was mich persönlich am meisten stresst, sind seichte Arbeiten, bei denen man das Gefühl hat, dass sie nie enden und einen nicht weiterbringen, während alles, was zur Integration angesammelten Wissens und unsortierter Gedanken beiträgt, sehr befriedigend und damit auch entspannend ist.

CM: Ich empfinde selten Stress. Ich werde nur müde. Dann hilft Schlaf.

Kollegen helfe ich gerne bei…/Ich stehe gerne Rede und Antwort zu…?

TGB: Fragen rund ums Thema Begabung, Hochbegabung und Intelligenz; den Freuden und Leiden aufstrebender Jungwissenschaftler/innen; und natürlich dem March for Science! (Bei Statistikfragen helfe ich auch gern.)

CM: … Dingen, von denen ich wirklich was verstehe. Also Theater, Musiktheater und Film. 

Wem würden Sie den Fragebogen gerne schicken und welche Frage würden Sie ihm/ihr gerne stellen?

TGB: Prof. Dr. Michael Kobel, der intensiv beim March for Science in Dresden mitgewirkt hat, wäre ein heißer Kandidat, der aus seinen vielen Projekten sicherlich einiges erzählen kann. Meine Frage an ihn wäre: Michael, wie packst du deinen Tag eigentlich in 24 Stunden?

CM: Dem Filmregisseur Ron Howard, in dessen Filmen (z.B. „A Beautiful Mind“, „Apollo 13“, „Illuminati“) immer wieder Wissenschaftler (und ihre Nöte und Konflikte) die Hauptrolle spielen. Ich würde ihn fragen, ob er sich der Verantwortung bewusst ist, das Bild der Wissenschaft in den Köpfen von Millionen Kinozuschauern zu prägen.

Tanja Gabriele Baudson

Tanja Gabriele Baudson ist Professorin für Entwicklungs- und Allgemeine Psychologie an der Universität Luxemburg. Sie forscht zum Thema Hochbegabung und schreibt darüber einen Blog, der 2016 zum „Wissenschaftsblog des Jahres” gekürt wurde. 2017 zeichnete sie der Deutsche Hochschulverband als „Hochschullehrerin des Jahres” aus.

Claus Martin

Claus Martin ist Musiker und Regisseur. Nach seinem Studium der Musiktheaterregie an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater folgten zahlreiche Regieassistenzen bei bekannten Regisseuren in Deutschland und Frankreich. Seit 1997 ist er als freier Regisseur, Autor und Komponist tätig. 

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