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Über schwer Erreichbare und Projekte, die ihnen trotzdem begegnen

13. Februar 2018

  • Erstellt von Katja Machill
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  • B Wissenschaft im Dialog
Foto: 422737/pixabay

Foto: 422737/pixabay

Bastian Kremer, Projektmanager von Wissenschaft für alle, kennt sich jetzt aus in Sachen „schwere Erreichbarkeit“. Während an der Abteilung Wissenschaftskommunikation des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT), dem Projektpartner, die wissenschaftliche Literatur zum Thema zusammengetragen wird, hat er Best Practice Projekte recherchiert, die auf ganz unterschiedliche Art und Weise schwer erreichbare Zielgruppen für Wissenschaft begeistern. Welche das sind, warum er genau diese ausgesucht hat und wie es mit dem Projekt jetzt weitergeht, hat er Katja Machill im Interview verraten.

Was genau meint „schwer erreichbare Zielgruppe“?

Wenn wir das so genau wüssten, gäbe es unser Projekt nicht. Wir wollen ja gerade herausfinden, welche Bevölkerungsgruppen mit bestehenden Formaten der Wissenschaftskommunikation bislang kaum bzw. nicht erreicht werden. Und das bedeutet für uns und für das KIT erst einmal viel Recherche. 

Wo fangt ihr dann an zu suchen?

Es gibt verschiedene Bereiche und Theorien, die versuchen, schwer erreichbare Zielgruppen zu klassifizieren, von der Gesundheitskommunikation bis zur Politischen Bildung. Mal rückt dabei das Bildungsniveau in den Fokus, mal der familiäre Hintergrund und mal das Alter. Es ist spannend zu sehen, in wie vielen Bereichen das Thema schon mal behandelt wurde. Aber gleichzeitigt bestärkt uns die Recherche auch in unserem Projekt. Denn bis auf einzelne Ansätze oder sehr spezifische Beispielprojekte bzw. eng fokussierte Themen gibt es noch kaum umfassende systematische Analysen, gerade im Bereich der Wissenschaftskommunikation.

Von welchen Projekten sprichst du da?

Ich habe mehr als 20 Projekte recherchiert, die mit schwer erreichbaren Zielgruppen zusammengearbeitet haben, um bei ihnen das Interesse für wissenschaftliche Themen zu wecken und eine Auseinandersetzung mit solchen Themen anzuregen. Sechs davon habe ich in einer Fallbeispielanalyse genauer analysiert.

Warum hast du gerade diese sechs ausgewählt?

Wir haben bei der Auswahl sehr auf Varianz geachtet – jedes dieser sechs Projekte hat eine andere Herangehensweise. Das Projekt „I am Science“ aus Südafrika nutzt beispielsweise Apps, um Mädchen aus benachteiligten Schulen für Wissenschaft zu interessieren und eben auch das von Männern geprägte Rollenbild aufzubrechen. Beim EU-Projekt „DIAMOND“ wiederum geht es um Digital Storytelling zusammen mit verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die nur selten oder gar nicht in Museen gehen, zum Beispiel Ältere in Stadtrandgebieten oder Häftlinge. Bei den in den Museen organisierten Workshops berichteten die Menschen von ihren Gedanken und Gefühlen während ihrer Besichtigung der Exponate. Dagegen stehen in Projekten wie „Camp Discovery“ der Schweizer Science et Cité oder „Science goes Social“ der Berliner Forschungseinrichtungen vor allem Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen oder sozial benachteiligten Familien im Fokus. 

Und wie gehen diese Projekte ganz konkret vor?

Auch sehr unterschiedlich. „Camp Discovery“ zum Beispiel organisiert Ferienlager in der Natur mit vielen Experimenten. „Science goes Social“ auf der anderen Seite lädt zu einer Art Tag der Offenen Tür in ihren Laboren ein. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, den Kindern und Jugendlichen etwas beizubringen, sondern sie einfach mal mit einer anderen Welt, der Welt der Wissenschaft, in Berührung zu bringen. Das merkt man auch ganz stark bei dem Projekt „Physik für Flüchtlinge“, das bundesweit in Flüchtlingsunterkünfte geht, um insbesondere den Kindern dort über einfache Physikexperimente eine Abwechslung zu ihrem Alltag zu bieten und so über nonverbale Experimente auch Sprachbarrieren zu überwinden.  

Das waren jetzt fünf Projekte. Und das letzte?

Das sechste Projekt „Enterprising Science“  ist nochmal etwas besonders, weil es einen  theoretischen Unterboden hat. In diesem Projekt wurde 2014 am King’s College in London der sogenannte Science-Capital-Ansatz entwickelt. 

Science Capital, was ist das?

Das ist ein Konzept, das beschreibt wie stark und durch welche Faktoren sich insbesondere Jugendliche  mit Wissenschaft verbunden fühlen. Dazu wurden auch viele wissenschaftliche Paper veröffentlicht, aber vor allem wurde mit diesen Erkenntnissen gemeinsam mit Lehrern ein Unterrichtskonzept entwickelt, mit dem sich dieses Science Capital der Schüler nachweislich steigern lässt. Das ist schon sehr interessant für uns. Doch auch die anderen fünf Beispiele, die nicht so stark theoretisch unterfüttert waren, bieten spannende Erkenntnisse für unser Projekt.

Und welche sind das?

Wir können von solchen Projekten lernen, wie sie an die unterschiedlichen Zielgruppen herantreten. Was muss man bieten, damit sie einem zuhören und mitmachen? Wie schafft man es, dass sie am Ende wirklich das Gefühl haben, die Auseinandersetzung mit Wissenschaft ist interessant und vor allem spannend? Dass genau diese Fragen für jede Zielgruppe, also für Jüngere oder Ältere, Menschen mit oder ohne Migrationshintergrund, anders beantwortet werden müssen, ist letztlich die Herausforderung in unserem Projekt. Denn wir beschränken uns ja gerade nicht nur auf eine einzige Zielgruppe. 

Wie geht es jetzt weiter bei Wissenschaft für alle?

Mit der wissenschaftlichen Literaturrecherche und den Fallbeispielen haben wir jetzt die theoretische Grundlage geschaffen. Darauf können wir unser Projekt nun aufbauen und Kriterien beschreiben, die bei der Auswahl unserer Zielgruppen berücksichtigt werden sollten. Im März werden wir uns dann mit unserem wissenschaftlichen Beirat zusammensetzen und drei konkrete schwer erreichbare Zielgruppen auswählen.  Mit diesen werden wir dann im weiteren Verlauf des Projekts zusammenarbeiten. Von ihnen zu erfahren, von welchen Formaten der Wissenschaftskommunikation sie sich eher angesprochen fühlen würden und diese gemeinsam mit ihnen zu erarbeiten, ist dann die nächste Aufgabe des Projekts.


1 Kommentare

  1. marius am 17.02.2018

    nice Article!

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