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„Wir müssen Daten und Zahlen verantwortungsvoll kommunizieren“

02. September 2020

  • Erstellt von Ursula Resch-Esser
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  • A Wissenschaftskommunikation
Porträt von Dr. Stefanie Orphal Array

Beim Forum Wissenschaftskommunikation wird Dr. Stefanie Orphal über Datenvisualisierung und die Macht von Bildern sprechen. Foto: S. Orphal

Vom 5. bis zum 7. Oktober findet in diesem Jahr das Forum Wissenschaftskommunikation DIGITAL statt. Wir haben einen Blick ins Programm geworfen und vorab mit einigen Vortragenden über ihren Tagungsbeitrag gesprochen. Heute im Interview: Stefanie Orphal vom Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS). In ihrer Session fragt sie nach der Macht und der Verantwortung, die die Darstellung von Daten mit sich bringt.

Frau Orphal, wie ist die Idee zu Ihrer Session entstanden?

In einer Institution, die selbst Daten erhebt, legen wir schon länger ein Augenmerk darauf, wie wir Ergebnisse vermitteln. So sind wir auch mit unseren Wissenschaftler*innen im Gespräch darüber, was ihre Daten wirklich aussagen und was nicht. Wo kann man von Kausalität und wo von Veränderungen in den Daten sprechen. Bei der Erhebung von Daten stellt sich die Frage, wo kommen die Daten eigentlich her, was wird genau gezählt.

Und dann kam Corona und hat uns gezeigt, dass es jetzt eine besondere Aufmerksamkeit für solche Fragen gibt. Corona hat sehr deutlich gemacht, dass auch Wissenschaftskommunikation, bei der Art und Weise wie Daten und Zahlen dargestellt und kommuniziert werden, eine große Verantwortung hat.

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Gilt das alte Sprichwort auch für Grafiken bei der Kommunikation zur Corona-Pandemie?

Ja! Es gab wahrscheinlich kaum ein eindrücklicheres Bild als das dieser Kurve, die wir am Anfang der Pandemie gesehen haben, dieses Bild zu „Flatten the Curve“.

Es hat sich wie ein Symbol eingebrannt für das, was auf uns zukommen könnte und dafür, welche Möglichkeiten es gibt, gegen die Auswirkungen der Pandemie vorzugehen. Die ganze Vorgehensweise des Lockdowns wurde letztlich damit begründet.

Gleichzeitig hat sich aber auch gezeigt, welchen Nachholbedarf es beim Verständnis all dieser Dinge gibt, die dann aufkamen: exponentielles Wachstum, logarithmische Skalen, die Darstellung der Zeitskalen, Sterblichkeitsraten, dass aber auch ein sehr breites Interesse daran herrschte. Wir haben gesehen, dass das Publikum das wirklich verstehen möchte. Wenn wir über Zahlen und Daten sprechen, gibt es für Kommunikator*innen noch viel zu tun.

Welche Möglichkeiten aber auch Gefahren liegen denn in der Darstellung, der Visualisierung von Daten?

Man muss sich immer fragen, erreiche ich mit der Grafik überhaupt einen Mehrwert. Und man muss transparent sein, zum Beispiel bei eingefärbten Karten, bei denen Länder verschiedene Farben haben, die bestimmte Werte symbolisieren. Da muss man sagen welche Abstufungen sind verwendet worden, wie bin ich vorgegangen, welche Vorentscheidungen sind schon getroffen worden. Zeige ich wirklich, was die Daten sagen, oder versuche ich, etwas anderes, vielleicht etwas Sensationelleres rauszuholen.

Es gibt also die Möglichkeit, dass man durch die Aufbereitung von Daten Ergebnisse sichtbar machen kann, aber auch, dass man dadurch Daten verfälschen kann?

Genau so meine ich das.

Es gab neben Corona noch eine konkrete Inspiration für die Session. Das war das Buch „The Tiger that isn‘t“. Einer der Autoren, Andrew Dilnot, wird auch auf dem Podium sein. Er war auch Moderator der Sendung „More or less“ bei BBC Radio 4. Darin geht es, wie in dem Buch, um den Umgang mit Zahlen und Daten in den Medien und in der Politik. Politik beruft sich ja sehr oft auf Wissenschaft. Wir haben in der Corona-Krise gesehen, dass das Zusammenspiel zwischen beiden sehr komplex sein kann.

Mich hat das Buch begeistert, weil es für einen verantwortungsvollen Umgang mit Daten und Zahlen sensibilisiert, mit ganz konkreten Beispielen die Darstellung von Daten kritisch hinterfragt, aber auch die Frage diskutiert, wie wir Unsicherheit kommunizieren. Es will den Leserinnen ein Werkzeug an die Hand geben, dass sie selbst weiter denken können im Sinne von Scientific Literacy – eben auch auf Zahlen und Daten bezogen. Und das ist genau das Ziel von Wissenschaftskommunikation.

Wen wollen Sie mit Ihrer Session besonders ansprechen?

Ich will Wissenschaftskommunikator*innen sowie Menschen aus den Kommunikationsabteilungen der wissenschaftlichen Institute ansprechen. Ich möchte sehr gerne einerseits ein Gefühl für diese Verantwortung vermitteln, was es bedeutet, über wissenschaftliche Zahlen zu kommunizieren, und eben auch welche Verlockungen es gibt bei der Interpretation und Darstellung.

Zu Ihrer Session haben Sie Vertreter verschiedener Disziplinen eingeladen, warum?

Für uns waren aufgrund unserer Herkunft erst einmal empirische und sozialwissenschaftliche Daten wichtig, dafür ist Gwendolin Sasse, die Direktorin des ZOiS mit dabei. Im Zusammenspiel mit der Politik sind aber auch ökonomische Daten wichtig. Auch darüber würde ich sehr gerne diskutieren, weil es gerade da besonders gesellschaftlich relevant ist, wenn die Zahlen auf eine Art und Weise dargestellt werden, die vielleicht verkürzend ist. Andrew Dilnot hat sich auch mit Gesundheitsdaten beschäftigt, so dass wir auch diesen Bereich abdecken. Außerdem ist Harald Wilkoszewski dabei, er ist Ökonom und Politikwissenschaftler und jetzt in der Wissenschaftskommunikation tätig. Wir haben also Leute auf dem Podium, die in beiden Bereichen, Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation, zu Hause sind. Und da wir beim Forum ja bei einem Treffen von Fachleuten sind, hoffe ich, dass wir in der Session auch Erfahrungen der Teilnehmer*innen mit einbinden können.

Der Schwerpunkt des diesjährigen Forums lautet „Einmischen erwünscht!? Wissenschaftskommunikation und Politik“ Wie sehr kann und darf Wissenschaftskommunikation sich in Politik einmischen?

Als Kommunikatorin sehe ich es als Aufgabe, wissenschaftliche Ergebnisse da, wo sie relevant sind, auch prominent zu machen und zu vertreten. Es muss aber eine Grenze geben zur Politik, wobei die Politik mit der entsprechenden Legitimation die Entscheidungen treffen muss. Ich finde es steht Wissenschaftler*innen zu, aus wissenschaftlichen Ergebnissen eine Position abzuleiten. Und wenn die sehr gut begründet ist, mit der eigenen Forschung, dann kann man das auch mit der Wissenschaftskommunikation unterstützen. Es muss aber immer klar sein, in welcher Rolle man spricht.

Könnte man sagen, dass man mit Bildern, mit Grafiken, Politik machen kann?

Ja, das kann man auf jeden Fall so sagen, mit Bildern und natürlich auch mit Zahlen.


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