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Wissenschaftskommunikation bei Mastodon

29. Juli 2022

  • Erstellt von Anna Henschel
  • 3
  • WiD-Labor
WiD Labor zu Mastodon. Lächelnder Comic-Elefant hält Smartphone in der Hand - Mastodon Maskottchen. Icon Rundkolben Chemie.  Dezentraler Kurzmitteilungsdienst trotzt dem Trend der Algorithmisierung und bietet neue Zielgruppe abseits von Wissenschaftler*innen & Journalist*innen.  Array

Sanftmütiger Elefant gegen zeternden Vogel

Für den WiD-Labor-Check bin ich dem sozialen Netzwerk Mastodon beigetreten. Meine Erwartungen waren niedrig. Als begeisterte Twitter Nutzerin war ich davon überzeugt, einen unterwältigten Bericht zu verfassen, dem neuen sozialen Medium schnell den Rücken zu kehren und in Zukunft wieder zu zwitschern. 

Nach einem einwöchigen Test ist der Eindruck hingegen ein anderer und liefert einige Überraschungen. Vorneweg: es macht ziemlich viel Spaß, anstatt von “tweet” das fröhlich-optimistische “tröt” zur Veröffentlichung kurzer Beiträge auszuwählen.

Aber von vorne: Was steckt hinter der Twitter-Alternative? Und hat die Plattform Potenzial für Forscher*innen und Wissenschaftskommunikator*innen?

 

Kurznachricht "#caturday is a rest day" von Emacsen auf Mastodon, Bild einer schlafenden, eingerollten Katze innerhalb mehrerer Kissen
Catcontent gibt es auch bei Mastodon. Hier teilt (bzw. “boostet”) der Mastodon Gründer Eugen Rochko einen “Tröt”.

Was ist Mastodon?

Mastodon ist ein dezentrales, quelloffenes Netzwerk. Anders als bei Twitter steht hinter Mastodon kein gewinnorientiertes Unternehmen in privater Hand. Es besteht aus tausenden kleinen autonomen Inseln (den Instanzen), die von Individuen oder gemeinnützigen Organisationen betrieben werden. Ähnlich wie Twitter ist Mastodon ein Microblogging Service, bei dem man kurze Texte und Mediendateien teilen kann (nur dass man eben “trötet” und nicht “tweetet”). Allerdings legen Eugen Rochko, der Gründer von Mastodon, und die Mastodon Community besonderen Wert darauf, dass der Umgang wertschätzend und nicht “toxisch” ist, ein Merkmal, was in die Programmierung des Netzwerkes einbetoniert wurde. In einem Blogbeitrag erklärt Rochko, wie man aus Twitters Fehlern lernte: Privatsphäre und guter Ton werden groß geschrieben. 

 

In 3 Schritten zur Anmeldung

Vor der Anmeldung war ich ein bisschen nervös - anders als bei Twitter gibt es nämlich noch einen zusätzlichen Schritt bis zum eigenen Profil. Man muss sich zunächst für einen Server, also eine Mastodon Instanz, entscheiden. Die funktionieren ähnlich wie das Twitter Community Feature (themenfokussierte Gruppen), aber irgendwie ein bisschen besser. Eigene Beiträge erscheinen in der Timeline der eigenen Instanz, sind aber zugleich automatisch öffentlich zugänglich. Die Kommunikation mit anderen Instanzen erfolgt ähnlich der eines Email Providers: auch wenn man sich bei einem Provider angemeldet hat, kann man trotzdem die Mails von allen anderen empfangen. Glücklicherweise gibt es Anleitungen die bei der Entscheidung für eine Instanz helfen (besonders diese Anleitung des BFDI kann ich empfehlen). Man kann auch ein interaktives Tool nutzen. 

 

(1) Welche Instanz?

Ich habe mich mit der Hilfe des interaktiven Tools direkt auf die Suche nach den Wissenschaftscommunities bei Mastodon begeben. Schnell fand ich scholar.social, die sich als Community für Akademiker*innen beschreiben. Leider nehmen sie keine neuen Mitglieder auf. Der nächste Treffer führte mich zu scicomm.xyz. Dann bemerkte ich jedoch, dass nur 52 Profile aktiv sind, und die Beitrittsanfrage erscheint mir als eine Hürde. Schließlich entschied ich mich für mastodon.social (ohne Wissenschaftsfokus), die Instanz, die von Mastodon selbst betrieben wird. Hier sind über 50.000 Mitglieder aktiv.

 

(2) Profil anlegen und anderen Mitgliedern folgen

Ich kann mich ohne weitere Probleme registrieren und mein eigenes Profil anlegen. 

Die Spannung steigt! 

Wie bei anderen sozialen Medien empfiehlt es sich zunächst dem eigenen Profil Informationen hinzuzufügen und dann anderen Personen zu folgen. Ich suche Leute aus meiner Twitter Bubble bei Mastodon und nehme auch einige Empfehlungen der Mastodon App für Android an (mittlerweile bin ich zur alternativen App “Tusky” gewechselt - die gefällt mir viel besser). Aber die ersten Accounts zu finden ist ein bisschen mühsam, weil Mastodon weitgehend auf die Empfehl-Algorithmen verzichtet.

Und dann: nichts – gähnende Leere.

 

Ansicht von Anna Henschels Profil bei Mastodon mit Profilbild, Hintergrundbild: Eichhörnchen trägt Bücher in Bau.
Mein Profil bei Mastodon. Ich freue mich über die kleine, aber feine Community die ich mir seit letzter Woche erschlossen habe.

 

(3) Es geht los!

Ich habe an einigen Stellen gelesen, dass der Anfang bei Mastodon ein bisschen schwerfällig ist und entscheide mich, meinen ersten eigenen Beitrag zu veröffentlichen. Ich nutze den Hashtag “#neuhier” über den man schnell neue Kontakte knüpfen kann. Tatsächlich ist diese Strategie erfolgreich und ich freue mich über einige neue Follower*innen. 

 

Kurznachricht auf Mastodon: Hallo, ich bin #neuhier. Feier-Emoji Freu mich auf Venetzung und eure Tipps! Meine Themen sind #wisskomm, #dataviz und #openscience. Und jetzt steigt die Spannung: 1, 2, 3 Elefant-Emoji!
Mein erster “Tröt”. Anfänger*innen wird empfohlen sich über #neuhier kurz vorzustellen. Andere User*innen teilen, favorisieren und kommentieren meinen Beitrag.

 

Allmählich füllt sich meine Timeline und ich entdecke spannende Beiträge zu WissKomm Themen - hier empfiehlt es sich zum Beispiel dem BMBF, dem KIT Karlsruhe, und den Scientistis for Future zu folgen. Wer die Inhalte von Twitter vermisst, kann über ein Tool Twitter Accounts wie einen RSS Feed bei Mastodon abonnieren (allerdings nicht mit ihnen interagieren - und bisher ist das Feature ein bisschen “glitchy”), oder eigene Inhalte von Twitter automatisch bei Mastodon teilen. Dieses Crossposting ist sicherlich sinnvoll wenn man seinen Mastodon Account nicht gänzlich einschlafen lassen will und sich weiterhin mit anderen User*innen auf der Plattform vernetzen möchte.

 

GIF gibt Überblick über Chat-Erscheinungsbild in Mastodon (Horizontal angeordnete Kurznachrichten mit Profilbildern, Vorschaubildern, Emoticons, Links.
Ein kleiner Spaziergang durch meine “Home” Timeline. Insgesamt gibt es 3 an der Zahl: die Home Timeline (die Beiträge der Personen denen ich folge), die lokale Timeline (die Beiträge die auf der eigenen Instanz erscheinen) und die föderierte Timeline (alle Beiträge von vernetzten Instanzen).

Eignet sich die Plattform für die Wissenschaftskommunikation?

Obwohl ein paar kritische Stimmen in der WissKomm-Community laut wurden (siehe den Kommentar-Thread von Claudia Frick), sehe ich durchaus einige Chancen. Über den direkten Vergleich zu Twitter und Reddit hinaus ist es natürlich spannend zu fragen: kann Wissenschaftskommunikation über eine andere Art von sozialem Medium gelingen - eines, welches nicht in den Händen eines großen amerikanischen Konzerns liegt? 

 

Fuzzy zwitschert: Mastodon Thread Meine bisherigen Erfahrungen damit sind gemischt bis negativ. Dezentrale Infrastruktur in privaten Händen, bedeutet eben auch genau das. Sie hat definitiv ihre Vorteile und wir brauchen sie, aber schaut immer genau hin. 26. April 2022 via Twitter
Claudia Frick hatte einige Probleme mit kleineren Mastodon Instanzen, die sie in einem Twitter-Thread näher erklärt.

 

Ich denke, ja. 

 

Jenseits der Aufmerksamkeitsökonomie

Die Timeline ist chronologisch, es gibt keine algorithmusgesteuerte Aufmerksamkeitsökonomie, die vorschreibt, zu welchem Zeitpunkt man möglichst viele Follower*innen zu einem wissenschaftlichen Thema erreicht. Es gibt keine Werbung und die Mastodon GmbH ist weitgehend unabhängig von Interessengruppen und Lobbyismus. 

 

Eine angenehme Gesprächsatmosphäre

Eine angenehmere Atmosphäre, die Wissenschaftler*innen für sich nutzen können, besteht allemal. Es gibt die Möglichkeit, Beiträge mit einer Triggerwarnung zu verbergen und dann erst im zweiten Schritt zu enthüllen. Dieses Feature wird viel und gerne genutzt. Bildbeschreibungen sind die Regel, nicht die Ausnahme. Und es gibt keine “Quote-Tröts”. Niemand kann einem den Beitrag aus den Händen reißen und mit einem gehässigen Kommentar versehen. Dies ist sicherlich für Forschende angenehm, die zu kontroversen Themen kommunizieren. 

 

Mehr Platz

Außerdem erlaubt das Netzwerk von Rochko ganze 500 Zeichen für individuelle Beiträge - dies gibt Forschenden und Kommunikator*innen ein bisschen mehr Platz für wissenschaftliche Komplexität und Nuancen.

 

Verlaufschart der Benutzer*innenzahlen von Mastodon. Zeitstrahl zeigt von September 2021 bis Mai 2022 kontinuierlich 1.000.000 Nuter*innen, dann kurzzeitig Peak mit Verdopplung
Die aktiven Nutzer*innen bei Mastodon im letzten halben Jahr. Der Peak im Frühjahr erklärt sich durch die Berichterstattung um den potenziellen Kauf des finanziell strauchelnden Twitters durch Elon Musk. https://the-federation.info/mastodon

Hürden für die Wissenschaftskommunikation 

Zielgruppen

Die schlechteste Nachricht zuerst: bei Mastodon findet man nicht die diversen Zielgruppen, die man sich möglicherweise als Kommunikator*in erhofft. Raman und Kollegen (2019) haben gezeigt: hier halten sich hauptsächlich Personen aus der IT Branche, Gamer*innen und neuerdings Behörden auf. Diese unterscheiden sich durchaus von den Journalist*innen und Wissenschaftler*innen bei Twitter, was spannend für einzelne Kommunikator*innen ist. Aber die Wissenschaftscommunity ist noch nicht bei Mastodon angekommen. Insgesamt sind bei Mastodon circa 4 Millionen Nutzer*innen unterwegs - im Vergleich zu knapp 240 Millionen User*innen bei Twitter. An das Manko der Zielgruppen schließt sich zudem ein Diversitätsproblem an: meine Follower*innen scheinen fast ausschließlich männlich und weiß zu sein, und auch in den Profilen von den Personen, denen ich zurück gefolgt bin, kann man diese Merkmale ableiten. 

 

Fehlende Features

Einige Twitter Features haben sich als großartige WissKomm Tools erwiesen - diese fehlen leider (noch) bei Mastodon. Es gibt kein Equivalent zu Twitter Spaces, dem Live Audio Tool über das man sich niedrigschwellig austauschen kann. Es gibt zwar die Möglichkeit Threads zu veröffentlichen (die dann chronologisch erscheinen), jedoch wurde mir empfohlen, die Folge-Tröts nicht in der Timeline anzuzeigen, um sie nicht zu “überschwemmen”.

 

Echokammern

Obwohl Eugen Rochko in seinem Blogbeitrag schreibt, dass kleinere, autonome Communities weniger toxisch sind als große (ein kleines Team muss abertausende Beiträge auf problematische Inhalte durchsuchen), ist das für mich kein logischer Schluss. Kleine Communities können toxisch sein, und über die Struktur von Mastodon kann sich problematisches entwickeln: so basiert Trumps soziales Netzwerk “Truth Social” teilweise auf dem Quellcode von Mastodon. Auch hier gibt es Echokammern, Bubbles und somit ähnliche Probleme wie bei Twitter.

 

Fazit: nicht besser, sondern anders

In einem Interview sagte Eugen Rochko: “Die Funktionen spielen eine weitaus geringere Rolle, als man annehmen würde. Die Menschen würden ein soziales Netzwerk auf der Grundlage von Rauchzeichen nutzen, wenn alle anderen es auch nutzen würden” (via Medium). 

Und hier liegt das Problem: es gibt einfach noch nicht genug User*innen bei Mastodon. Laut Expert*innen (Raman et al., 2019) ist es unwahrscheinlich, dass es dem Netzwerk gelingen wird, viele User*innen von Twitter abzuwerben. Auf der anderen Seite geht es Twitter bis zur Übernahme durch Musk, welche im Oktober vor Gericht neu verhandelt wird, finanziell schlecht. Vielleicht lohnt es sich also doch, ein Konto bei dem sanftmütigen Elefanten anzulegen – mindestens als Backup. 

Für die Wissenschaftskommunikation ist also einiges Potenzial vorhanden, dass sich weiter steigern würde, wenn noch mehr User*innen den Weg auf die Plattform fänden. Komplett ersetzen kann es Twitter derzeit aber noch nicht. 

 

Quelle: Raman, A., Joglekar, S., Cristofaro, E. D., Sastry, N., & Tyson, G. (2019, October). Challenges in the decentralised web: The mastodon case. In Proceedings of the Internet Measurement Conference (pp. 217-229). https://doi.org/10.1145/3355369.3355572 

 

Änderungshinweis zum 3. August 2022: In der Ausgansvariante hieß es „Es gibt zwar die Möglichkeit Threads zu veröffentlichen (die dann chronologisch erscheinen), jedoch wurde ich freundlich darauf hingewiesen, dass dies bei Mastodon nicht üblich sei und mir wurde empfohlen, die Folge-Tröts nicht in der Timeline anzuzeigen, um sie nicht zu “überschwemmen”. Trotz der 500 Zeichen, die man hier zur Verfügung hat, halte ich Threads für ein wichtiges WissKomm-Tool, welches leider bei Mastodon nicht so gern gesehen wird.“ Diese Anmerkung wurde später von anderen Nutzer*innen revidiert.


3 Kommentare

  1. Patrick Bierther am 03.08.2022

    Vielen Dank für diesen anschaulichen Erfahrungsbericht über die ersten Schritte in Mastodon. Wie auch andere in der Wissenschaftskommunikation analysieren wir beim Informationsdienst Wissenschaft (idw) derzeit, wofür und wie Mastodon einen Mehrwert schaffen könnte für uns, unsere Mitgliedspressestellen und Nutzer:innen. Insofern ist das Timing der Veröffentlichung für uns perfekt!

  2. Justus Henke vor 2 Wochen

    Danke für den Beitrag. Die Entwicklung ist aktuell sehr rasant. Es kommen gerade massiv Leute aus der Wissenschaft bei Mastodon an. Ich sehe durchaus Potenzial, das für innerwissenschaftlichen Austausch Twitter nicht mehr nötig sein wird. Längerfristig bleibt aber die Herausforderung, mit Wissenschaftskommunikation dort nichtwissenschaftliche Gruppen zu erreichen. Aber auch das wird letztlich davon abhängen, ob Twitter überlebt, was m. E. immer mehr in Frage zu stellen ist.

  3. Svenja Niescken vor 2 Wochen

    In der Tat! Der Mastodonzulauf beschäftigen uns beim idw grade auch sehr intensiv. Da der Bedarf einer geeigneten Heimat-Instanz für die Wisskomm so groß schien, haben wir neben unserer eigenen M-Instanz https://idw-online.social/@idw_online jetzt eine zweite Instanz zum Tröten und Vernetzen für unsere Mitgliedseinrichtungen hochgezogen: https://wisskomm.social. Wir sind jetzt sehr gespannt auf die weitere Entwicklung...

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