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Wissenschaftskommunikation muss sich auf die nächste Stufe begeben

27. Mai 2019

  • Erstellt von Markus Weißkopf
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Vertreter führender deutscher Wissenschaftsorganisationen unterzeichnen das PUSH-Memorandum. Bild: David Ausserhofer Array

Vertreter führender deutscher Wissenschaftsorganisationen unterzeichnen das PUSH-Memorandum. Bild: David Ausserhofer

Vor 20 Jahren, also am 27. Mai 1999, wurde das PUSH-Memorandum unterzeichnet. Natürlich ist das Jubiläum für Wissenschaft im Dialog und für mich als Geschäftsführer zunächst einmal ein Grund zur Freude, schließlich war die Unterzeichnung des Memorandums auch der Startschuss zur Errichtung unserer Organisation. Die offizielle Gründung der Wissenschaft im Dialog gGmbH erfolgte bereits ein Jahr später, am 12. Mai 2000. Gleichzeitig ist das Jubiläum aber auch ein guter Anlass zur Reflektion über das bisher Erreichte und die künftigen Herausforderungen natürlich nicht nur für WiD, sondern für die Wissenschaftskommunikation insgesamt.

Sechs Maßnahmen zur Förderung des Dialoges zwischen Wissenschaft und Gesellschaft wollten die Unterzeichner des Memorandums umsetzen. Die wichtigsten Punkte waren:

  1. Anreizsysteme für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu entwickeln, sich aktiv im Dialog mit der Öffentlichkeit zu engagieren
  2. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zur Kommunikation mit der Öffentlichkeit aufzufordern
  3. Wissenschaftskommunikation bei Förderkriterien und bei Begutachtungen bzw. Evaluationen zu berücksichtigen
  4. die Infrastruktur sowie Lehr- und Weiterbildungsangebote für Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen durch die Hochschulen und Forschungseinrichtungen bereitzustellen
  5. Aktionen und Aktivitäten unter den Forschungsorganisationen abzustimmen
  6. ein Aktionsprogramm durch den Stifterverband aufzulegen

Was ist seitdem geschehen? Nun, wenn man ehrlich ist, hat sich bei den ersten drei Punkten bisher wenig getan. Wie bereits Carsten Könneker in seinem Beitrag für die Helmholtz-Gemeinschaft aufgezeigt hat, ist es in Deutschland keineswegs förderlich, wenn man sich als Forschender auch noch um Wissenschaftskommunikation kümmert. Abgesehen von einigen Preisen gibt es kaum echte Anreizsysteme und die Wissenschaftskommunikation ist nur selten ein gleichberechtigter und ausschlaggebender Bestandteil von Evaluationen und Förderrichtlinien. Mittel werden zwar häufig mit beantragt, allerdings eher, weil es gefordert ist und nicht aus echter Überzeugung. Auch entscheidet eine gute Wissenschaftskommunikationsstrategie nur selten über den Erfolg oder Misserfolg von Anträgen. So bleiben die Bemühungen oftmals und Ausnahmen bestätigen die Regel oberflächlich. Immerhin werden in den letzten anderthalb Jahren die Forderungen wieder lauter, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich vermehrt öffentlich äußern sollen und dafür auch Anreize brauchen. Eine gute Tendenz, aber am Ziel sind wir hier noch lange nicht.

Der vierte Punkt wurde immerhin angegangen und ist in einigen Bereichen auch umgesetzt. WiD selbst ist aus meiner Sicht ein wichtiger Teil der Infrastruktur, die Forschenden und Wissenschaftskommunikatorinnen und -kommunikatoren zur Verfügung steht. Anfangs mit dem Wissenschaftssommer und seit 2002 mit der MS Wissenschaft stellten und stellen wir verschiedene Plattformen zur Verfügung, auf denen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler präsentieren oder über Wissenschaftskommunikation informieren können. Im Bereich Citizen Science unterstützen wir Forschende beim interaktiven Austausch und gemeinsamen Arbeiten mit Bürgerinnen und Bürgern, mit dem Youtube-Wettbewerb Fast Forward Science bieten wir Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern einen Zugang zu aktuellen Kommunikationsmedien und eröffnen gleichzeitig einen neuen Kommunikationskanal insbesondere zu jüngeren Menschen, unsere Webplattform wissenschaftskommunikation.de und nicht zuletzt das Forum Wissenschaftskommunikation bieten Service und die Möglichkeit zum Austausch für die gesamte Branche der Wissenschaftskommunikation. All diese Beispiele sind Meilensteine auf dem Weg dahin, eine professionelle Umgebung zur Wissenschaftskommunikation zu schaffen. Und es gibt auch weitere positive Beispiele, etwa das Nationale Institut für Wissenschaftskommunikation, das Science Media Center oder auch neue Fortbildungsangebote und Studiengänge rund um das Thema Wissenschaftskommunikation.

Selbstverständlich trägt Wissenschaft im Dialog mit seinen Gremien auch dazu bei, Punkt fünf, die Abstimmung der Aktionen zwischen den Forschungsorganisationen, voranzutreiben - das ist sozusagen systemimmanent. Das Aktionsprogramm des Stifterverbandes lieferte viele Anstöße für gute Wissenschaftskommunikation. Gerade wenn man auf den Wettbewerb Stadt der Wissenschaft zurückschaut, sieht man, welch große auch strukturelle Effekte man mit einem klug konzipierten Wettbewerb erreichen kann. Auch wenn es hier ebenfalls an einigen Stellen noch Luft nach oben gibt, wurde bisher also einiges erreicht.

Nun ist es an der Zeit, auch die ersten drei Maßnahmen verstärkt in Angriff zu nehmen und für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler echte Anreize zum Dialog mit der Öffentlichkeit zu schaffen. Dies könnte der Wissenschaftskommunikation einen immensen Schub geben. Mehr noch, es wäre ausschlaggebend, um eine nächste Stufe der Wissenschaftskommunikation zu erreichen, die neuen Entwicklungen in der Gesellschaft Rechnung trägt. Schließlich sollten wir uns heute nicht nur an den Zielen messen, die die Wissenschaft vor 20 Jahren ins PUSH-Memorandum geschrieben hat, sondern auch fragen, ob uns das aktuelle gesellschaftliche und politische Umfeld nicht zu radikaleren Zielsetzungen zwingt. Aus meiner Sicht lässt sich diese Frage nur mit Ja beantworten.

An dieser Stelle möchte ich zunächst einen Satz aus dem PUSH Memorandum aufgreifen: Die Information der Öffentlichkeit zur Legitimation wissenschaftlichen Tuns, mehr noch, das aktive Werben um Vertrauen, Anerkennung und letztlich finanzielle Unterstützung zählte bislang nicht zu ihren offiziellen Aufgaben bzw. sie wurden von ihnen nur unzureichend wahrgenommen.

Ich bin mir nicht sicher, ob der Begriff Vertrauen hier tatsächlich nur als Zugpferd zur Drittmittelakquise gemeint ist, wie es Carsten Könneker im oben erwähnten Beitrag vermutet. Vielmehr stehen für mich die vier genannten Ziele, die mit Wissenschaftskommunikation verfolgt werden sollen, nebeneinander Information, Vertrauen, Anerkennung, finanzielle Unterstützung. Daneben wird insbesondere die Nachwuchswerbung im PUSH-Memorandum deutlich erwähnt.

Mittlerweile sind zu diesen Zielen in der Debatte rund um die Zukunft der Wissenschaftskommunikation noch weitere hinzugekommen. So wird beispielsweise intensiv darüber diskutiert, wie sehr sich Wissenschaft in aktuellen gesellschaftlichen und politischen Debatten positionieren und dies öffentlichkeitswirksam kommunizieren sollte. Allerdings wird in diesen Debatten wenig darüber gesprochen, wie das große Ganze aussehen soll: Was ist unsere Vorstellung einer aufgeklärten Gesellschaft im digitalen Zeitalter? Welche Werte sollen uns dabei leiten? Welche Zielkonflikte - etwa zwischen Vertrauen aufbauen und Drittmittel einwerben gibt es und was hat denn im Zweifel Vorrang? Sollen und müssen sich Wissenschaft und Wissenschaftler nur für die freiheitliche und demokratische Gesellschaft einsetzen oder auch für eine nachhaltige Entwicklung? Und was bedeutete eine derartige normative Einmischung eigentlich für die Wissenschaft an sich und nicht nur für die Wissenschaftskommunikation? Ist denn nun die wissenschaftsmündige Gesellschaft, in der Bürgerinnen und Bürger sich auch aktiv in die Wissenschaft einbringen können, das Ideal, das wir verfolgen?

Die Fragen zeigen, dass wir dringend eine Debatte darüber brauchen, wo wir eigentlich hinwollen. Dass wir uns fragen müssen und hier meine ich das gesamte System Wissenschaft: Wozu das Ganze? Mit welchen Zielen eigentlich? Mit der zur Zeit verstärkt geführten Debatte darüber, dass wir mehr und bessere Wissenschaftskommunikation (oder Wissenschaftsjournalismus, falls man diesen abtrennen möchte) brauchen, ist es hier aus meiner Sicht nicht getan. Stattdessen braucht es zunächst eine Grundsatzdebatte darüber, welche Kultur oder besser gesagt, welches Wertegerüst für die Wissenschaft - und damit auch für die Wissenschaftskommunikation - handlungsleitend sein sollte.

Allerdings reicht es nicht aus, diese Debatten nur unter uns Wissenschaftskommunikatorinnen und Wissenschaftskommunikatoren zu führen wie wir dies etwa im Siggener Kreis schon seit einigen Jahren tun. Um die Wissenschaftskommunikation auf die nächste Stufe zu heben, muss die Diskussion über das Wertegerüst der Wissenschaft und die Vision und die Ziele der Wissenschaftskommunikation auch mit den höchsten Ebenen der Wissenschaftsorganisationen und Hochschulen geführt werden. Bundesforschungsministerin Karliczek hat sich das Thema Wissenschaftskommunikation schon auf ihre Fahnen geschrieben. Das ist ein gutes Zeichen dafür, dass eine Chance besteht, die Diskussion mit den Führungsebenen in Gang zu setzen.

Mit den Ergebnissen solcher Diskussionen könnten wir sicherlich in den nächsten 20 Jahren unseren Job noch besser machen und haben dann hoffentlich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler noch aktiver an unserer Seite.


1 Kommentare

  1. Andreas Prokop vor 2 Tagen

    I fully support the 6 point that were set up. However, like in the UK, most of it seems to be mere lip service and good will, but a real agreement and coherent approach never materialises. A common agreement about the fundamental goal important to us all, to make science an inherent part of society, is pivotal yet not understood by most. If all organisations and initiatives collaborated to this end, it would be so much easier for each of them to achieve their more specific goals. See my PLoS blog on this topic: https://blogs.plos.org/scicomm/2017/11/20/communicating-basic-science-what-goes-wrong-why-we-must-do-it-and-how-we-can-do-it-better/

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