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Kann Mode die Evolution beeinflussen?

25. September 2017

Foto: pixabay.com, CC0

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Kann Mode die Evolution beeinflussen?

Nehmen wir das Beispiel des Hipster-Bartes. Der Mann dazu gestriegelt, schick-leger zurechtgemacht, sein Haupthaar akkurat gelegt – und der Bart, sein modisches Accessoire, voll und prächtig, bewusst gepflegt und mit Bartöl in Form gebracht. Es könnte durchaus sein, dass diese bärtigen Exemplare gegenwärtig beim weiblichen Geschlecht besser ankommen als ihre bartlosen Pendants und infolgedessen mehr Erfolg bei der Fortpflanzung haben. Aber nehmen sie damit auch Einfluss auf die Evolution und verdrängen auf lange Sicht ihre Konkurrenten mit spärlicher Gesichtsbehaarung? Haben also modische Trends Auswirkungen auf die menschliche Entwicklungsgeschichte? Oder anders formuliert: Kann Mode die Evolution beeinflussen?

Wohl kaum. Denn per Definition sind Modeerscheinungen kurzlebiger Natur. Gemäß des Duden ist die Mode eine „über einen bestimmten Zeitraum bevorzugte, als zeitgemäß geltende Art, sich zu kleiden, zu frisieren, sich auszustatten“. Dieser bestimmte Zeitraum wechselt mit Jahren oder Jahrzehnten. Dementgegen gehen die Prozesse der Evolution deutlich langsamer vonstatten. Das heißt, die schnellsten biologischen Veränderungen des Menschen lassen sich allenfalls in Jahrtausenden feststellen, wie das Beispiel der Milchverträglichkeit zeigt: Der nordeuropäische Mensch hat mit Beginn der Viehhaltung vor etwa 7.500 Jahren die Fähigkeit entwickelt, Milch auch im Erwachsenenalter verdauen zu können. „Damit hat er sich relativ schnell körperlich an seine äußeren Umstände angepasst“, so der Paläoanthropologe Dr. Philipp Gunz. Er hat sich also evolutionär über die Generationen hinweg verändert. Das Modebeispiel des gepflegten Vollbartes hätte auf die biologische Entwicklung sicherlich keine Auswirkungen gehabt. 

Die Mode ist also zu schnelllebig, um Einfluss auf die Evolution zu nehmen. Deswegen drehen wir den Spieß einfach um: Evolutionäre Prozesse nehmen Einfluss auf die gegenwärtigen Modetrends. Besonders gut lässt sich dies anhand der sexuellen Selektion veranschaulichen, also der bewussten Auswahl von Sexualpartnern für eine erfolgreiche Fortpflanzung. Wie beim Paradiesvogel geht es um Signalwirkung und das bewusste Zurschaustellen unserer Attribute. Merkmale, die heute Wohlstand, Fruchtbarkeit und Gesundheit versprechen, werden vom potenziellen Partner besonders bevorzugt. Nun ist es der Vollbart, der aktuell als besonders attraktiv gilt, mit dem die Frauen Stärke, Selbstbewusstsein und Männlichkeit assoziieren. Doch mal sehen, was in den kommenden Jahren als modisch attraktiv gilt …

Bei der Beantwortung der Frage hat uns Dr. Philipp Gunz unterstützt. Der Paläoanthropologe erforscht die Evolution des menschlichen Schädels am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Redaktion WiD: IG

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