Logo Wissenschaft im Dialog Wissenschaft im Dialog

Zurück zu „Wie?So!“

Warum fliegen die Störche und Schwalben nicht auf dem kürzesten Weg in ihre Überwinterungsgebiete?

29. April 2008

  • D Naturwissenschaften und Mathematik

Warum fliegen die Störche und Schwalben nicht auf dem kürzesten Weg in ihre Überwinterungsgebiete?

Der kürzeste Weg ist nicht immer der beste. Oft sind die Umwege, die Zugvögel bei ihren Reisen in Kauf nehmen, geografisch bedingt.

Für Störche und Schwalben würde der kürzeste Weg von Afrika zu uns nach Deutschland bzw. wieder zurück über das Mittelmeer führen. Störche sind jedoch Land-Segelflieger. Sie sind auf die Aufwinde über Land angewiesen. Deshalb fliegen sie nicht über das offene Meer, sondern wählen die Route über Gibraltar oder den Bosporus. Zudem sind viele Zugvögel, so auch die Schwalben, unterwegs auf geeignete Raststätten angewiesen und vermeiden es deshalb, größere Strecken über Wasser zu fliegen. Gerade für Jungvögel ist der Landweg allemal sicherer, denn sie können jederzeit landen.

Auch Gebirge wie etwa die Alpen sind für die gefiederten Reisenden ein Hindernis. Gerade im Herbst besteht hier das Risiko früher und kräftiger Kälteeinbrüche, die für die Durchzügler tödlich sein könnten. Die Höhe der Gebirge spielt dagegen keine Rolle, da Vögel an den Flug in großen Höhen gut angepasst sind. Den Höhenrekord hält mit 11.300 Metern ein Sperbergeier, der an der afrikanischen Elfenbeinküste in dieser Höhe in ein Flugzeugtriebwerk geriet.

Über einen weiteren Grund für die umwegigen Zugrouten diskutieren die Ornithologen noch. Er ist nicht geografischer sondern historischer Natur. Einige Vogelarten ziehen vermutlich noch heute entlang der Strecke, auf der sie nach der Eiszeit Europa besiedelten. Beispielsweise fliegt die Klappengrasmücke aus Südengland über den Balkan nach Afrika anstatt die kürzere Strecke über Spanien zu wählen.

Meist gibt es also mehrere Gründe, warum Vögel einen Weg in ihre Sommer- bzw. Winterquartiere einschlagen, der von der kürzesten Strecke abweicht. Die Kenntnis der Flugstrecke ist dabei, genauso wie die des Flugziels, angeboren.

Noch wenig erforscht ist, wie die Vögel ihren oft viele tausend Kilometer entfernten Bestimmungsort finden. Vogelforscher haben Hinweise auf besondere Sinneswahrnehmungen bei Zugvögeln gefunden wie einen Magnetsinn zur Wahrnehmung des Erdmagnetfeldes und die Fähigkeit, Infraschall wahrzunehmen. Das sind tiefe Geräusche unterhalb der menschlichen Hörschwelle, die beispielsweise von der Meeresbrandung erzeugt werden und den Vögeln auch über weite Entfernungen den Verlauf von Küstenlinien anzeigen. Außerdem deuten wissenschaftliche Untersuchungen darauf hin, dass Vögel sich an Geruch, Sternenhimmel, Sonnenstand sowie Landmarken wie etwa der Beleuchtung von Großstädten oder dem Verlauf von Autobahnen orientieren.

Die Frage wurde beantwortet von Dr. Wolfgang Fiedler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie.