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Was ist die Ursache für Schizophrenie?

27. März 2009

  • D Naturwissenschaften und Mathematik

Was ist die Ursache für Schizophrenie?

Der Begriff Schizophrenie ist aus dem Griechischen abgeleitet und kann mit „Bewusstseinsspaltung“ übersetzt werden. Diese Übersetzung ist jedoch irreführend. Vielmehr bezeichnet Schizophrenie psychische Störungen des Denkens, der Wahrnehmung und des Gemütszustandes mit einem Auseinanderklaffen von selbst erlebter und tatsächlicher Realität.

Entstehung und Verlauf der Schizophrenie sind bis heute nicht abschließend geklärt. Nach aktuellem Kenntnisstand spielen neurobiologische, psychologische und soziale Faktoren eine Rolle. Die Kombination und Gewichtung der einzelnen Faktoren kann von Patient zu Patient unterschiedlich sein. 

Als weithin akzeptiertes Modell zur Entstehung der Krankheit gilt das Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Modell. Es geht davon aus, dass eine individuelle, biologisch bedingte Vulnerabilität (wörtlich "Verwundbarkeit") vorliegt. Diese muss mit umweltbedingten Belastungsfaktoren zusammenkommen. Wenn gleichzeitig die betroffene Person nicht über wirksame Strategien zur Bewältigung der Belastungen ("Coping") verfügt, kommt es zum Ausbruch der Krankheit. Jeder einzelne Faktor für sich ist in der Regel nicht ausreichend für die Krankheitsentstehung. Zum Ausbruch der Schizophrenie müssen erst mehrere Faktoren zusammen kommen.

Genetische Faktoren gelten als wichtigste bisher nachgewiesene Komponenten für das Risiko an Schizophrenie zu erkranken. Dies belegen Familien-, Adoptions- und Zwillingsstudien. Allgemein liegt die Wahrscheinlichkeit an einer Schizophrenie zu erkranken bei einem Prozent. Bei Verwandtschaft ersten Grades mit einem schizophren Erkrankten steigt das Risiko auf 5 - 15 Prozent. Ist bei eineiigen Zwillingen einer an Schizophrenie erkrankt, so liegt das Risiko des anderen Zwillings ebenfalls zu erkranken bei 45 - 50 Prozent. Die Vulnerabilität für Schizophrenie beruht sicher nicht auf nur einem Gen, vielmehr tragen dazu Veränderungen an mehreren – bisher nur teilweise identifizierte - Genen bei. Die Tatsache, dass das Erkrankungsrisiko bei eineiigen Zwillingen nicht bei 100% liegt, macht deutlich, dass noch andere Faktoren an der Krankheitsentstehung beteiligt sein müssen.

Die Krankheitsdisposition kann auch erworben werden. Eine Möglichkeit ist eine frühkindliche Schädigung in der Hirnentwicklung vor oder während der Geburt. Diese kann durch Infektionen während des zweiten Drittels der Schwangerschaft hervorgerufen werden, dem Zeitraum, der besonders kritisch ist für die Hirnentwicklung. Auch Alkohol- oder Drogenmissbrauch der Mutter während der Schwangerschaft oder Sauerstoffmangel des Kindes während der Geburt können eine Schizophrenie-Disposition hervorrufen. Nicht zuletzt kann eine Erkrankung des Gehirns, wie zum Beispiel Hirnhautentzündung, oder Drogenmissbrauch in der Pubertät zum Erwerb der Krankheitsdisposition führen.

Kommen zu einer solchen genetisch bedingten oder erworbenen Vulnerabilität belastende psycho-soziale Faktoren hinzu, so kann dies eine schizophrene Psychose auslösen. Beispiele für belastende Faktoren sind dauerhafte Überforderung in der Schule oder im Beruf, emotional belastende zwischenmenschliche Beziehungen oder traumatische Erlebnisse. Das Erkrankungs- und Rückfallrisiko kann erheblich erhöht werden durch intensive emotionale Belastungen aus dem unmittelbaren Beziehungsfeld des Erkrankten, etwa durch kritische Bemerkungen, Feindseligkeit aber auch durch übermäßige Fürsorglichkeit.

Bei vorhandener Disposition erhöhen biologische Belastungen das Erkrankungs- und Rückfallrisiko: Drogen wie Kokain, LSD, das in bestimmten Pilzen enthaltenen Psilocybin sowie insbesondere auch Cannabisprodukte wie Haschisch und Marihuana können die Krankheit (vorzeitig) auslösen oder zu einer Wiedererkrankung führen.

Neben den Belastungsfaktoren gibt es so genannte "Schutzfaktoren", die der Erkrankung entgegen wirken und den Verlauf günstig beeinflussen können. Zu diesen Faktoren zählen auf psychologischer Ebene die Stress¬bewältigungs- und Problemlösekompetenz (Coping) des Betroffenen sowie die Unterstützung durch die Angehörigen und das weitere soziale Umfeld. Auf biologischer Ebene können antipsychotisch wirkende Medikamente der Erkrankung entgegenwirken. Nicht alle Strategien zur Krankheitsbewältigung erweisen sich als günstig. Wenn etwa Patienten soziale Kontakte abbrechen um Stress zu vermeiden, kann sich dadurch die Erkrankung verschlimmern.

Die Frage wurde beantwortet von Wolfgang Wölwer, Kompetenznetz Schizophrenie.