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Welche evolutionären Gründe gibt es für Homosexualität?

02. Mai 2019

  • D Naturwissenschaften und Mathematik
Foto: gagnonm1993/Pixabay Array

Foto: gagnonm1993/Pixabay

Wenngleich sich die meisten Menschen heterosexuell verhalten, sind gleichgeschlechtliche Neigungen ebenfalls weit verbreitet. Aktuellen Schätzungen zufolge finden circa zwei bis fünf Prozent aller Männer und ein bis drei Prozent aller Frauen in Nordamerika und Mitteleuropa ausschließlich das eigene Geschlecht anziehend. Weitere zehn bis dreißig Prozent pflegen zudem gelegentlich Kontakte, die nicht heterosexuell sind.

Es ist zwar Usus, dieses Phänomen als "Homosexualität" zu bezeichnen. Doch darf nicht vergessen werden, dass dessen Spielarten auf ihrem jeweiligen historischen und kulturellen Hintergrund zu verstehen sind. So kam es etwa ab Mitte des 20. Jahrhunderts und vornehmlich in nordatlantischen Metropolen zur sozialen Konstruktion der Identitäten "schwuler Mann" und "lesbische Frau". Sehr anders wurde gleichgeschlechtlicher Sex aufgefasst, wie er etwa unter Ureinwohnern Amerikas, der städtischen Elite des antiken Griechenland, im islamischen Sufismus oder unter Bergarbeitern in Südafrika vorkam und vorkommt. Dieser Vielfalt versucht die Queer-Theorie gerecht zu werden, die neben "Homosexualitäten" etliche andere nicht-heterosexuelle oder nicht-binäre Präferenzen und Orientierungen identifiziert, etwa A–, Pan– oder Transsexualität.

Für die Evolutionstheorie erscheinen jedoch alle Formen von Sex, die nicht zur Befruchtung führen, als ein Paradox. Denn wie kann der strenge Prozess der natürlichen Selektion ein Verhalten fördern, welches nicht der Fortpflanzung dient und die Weitergabe genetischer Information verhindert?

Homosexuelles Verhalten ist allerdings nicht nur bei Menschen, sondern auch bei anderen Tieren weit verbreitet – zum Beispiel bei diversen Affen, Dammhirschen, Dickhornschafen, aber auch bei Graugänsen, Flamingos oder Stichlingen. Für mindestens 1500 Spezies ist gleichgeschlechtlicher Sex nachgewiesen – wobei dies nur die Spitze des Eisbergs darstellt. Daher ist davon auszugehen, dass Homosex in bestimmten Situationen für die Tiere Vorteile mit sich bringt – also etwa die soziale Vernetzung fördert oder der Fortpflanzung auf anderem, indirektem Wege förderlich ist.

Das trifft speziell auf Individuen zu, die sich bisexuell verhalten, also homo- und heterosexuell. Zunächst mag ein schlicht praktischer Grund vorliegen: Fehlt Zugang zu gegengeschlechtlichen Artgenossen, kann gleichgeschlechtlicher Kontakt das Wohlbefinden und damit die Überlebenschancen erhöhen. Überdies bereiten sich viele Jungtiere über gleichgeschlechtliche Kontakte auf zukünftigen nicht-gleichgeschlechtlichen Sex vor. Durch homosexuelles Gebaren werden auch dominierende Männchen in die Irre geführt, indem Konkurrenten sich als Weibchen ausgeben, dabei jedoch selbst Befruchtungen erzielen. Durch lustvolle homosexuelle Kontakte lassen sich zudem Allianzen schmieden, was die Chancen im Wettbewerb mit anderen stärkt.

Ausschließlich homosexuelles Verhalten kommt ebenfalls vor. Unter Huftieren etwa haben die weiblichen Verwandten von sich ausschließlich homosexuell betätigenden Männchen höhere Fortpflanzungsraten; da die Weibchen identische Teile des Erbgutes dieser Männchen in sich tragen, könnte es sein, dass damit besondere Kompetenzen verknüpft sind, die den Weibchen soziale Vorteile verschaffen. Ganz ähnlich mögen speziell Vögel eine lebenslange gleichgeschlechtliche Paarung eingehen und als Zieheltern Eier ihrer Kolonie ausbrüten und Küken aufziehen. Solche Bruthilfe mag gerade auch Neffen und Nichten zugutekommen und damit indirekt dem eigenen Erbgut. Die weite Verbreitung von homosexuellem Verhalten in der Tierwelt legt jedenfalls nahe, dass es sich vielfach unabhängig voneinander entwickelte.

Ähnlich vielfältig sind die Ausdrucksformen und Ursachen gleichgeschlechtlichen Verhaltens unter Menschen. Dabei streitet die Fachwelt bis heute besonders über eine potentielle genetische Veranlagung. Im Jahre 1993 wurde eine Studie des US-Amerikaners Dean Hamer als Entdeckung des „Schwulen-Gens“ sensationalisiert, weil bei schwulen Geschwistern eine als Xq28 bezeichnete Region an der Spitze des X-Chromosoms verstärkt identifizierbar war. Dass allerdings keine einfache und starre genetische "Determinierung" vorliegt, belegen getrennt aufgewachsene identische Zwillinge. Zwar haben diese Personen mit größerer Wahrscheinlichkeit als nicht-identische Geschwister ähnliche sexuelle Vorlieben – was für einen gewissen Grad an genetischem Einfluss spricht. Doch existieren durchaus Paare, bei denen ein Teil homo- und der andere heterosexuell ist. Neuere Studien komplizieren das Bild weiter, bis hin zur Auffassung, Homosexualität würde in jeder Generation aufs Neue entstehen – und zwar über nachgeburtlich (epigenetisch) wirksam werdende Marker.

Jedenfalls existiert nicht eine einzige Ursache für Homosexualität – wie es auch "die Homosexualität" nicht gibt. Wir lernen mithin erst langsam, wie diverse genetische, physiologische, soziale und kulturelle Faktoren sexuelle Identitäten formen können. "Natürlich" sind all diese Formen allemal – und damit mit der Evolutionstheorie vereinbar.

Als Experte stand uns Prof. Volker Sommer zur Seite. Er ist Professor am Institut für Anthropologie des University College London und erforscht die Entwicklung des sozialen und sexuellen Verhaltens von Primaten.

Redaktion: Gesa Hengerer

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