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Wie kommt es dazu, dass ein Mensch schizophren wird?

29. März 2008

  • C Geistes- und Sozialwissenschaften

Wie kommt es dazu, dass ein Mensch schizophren wird?

Die Schizophrenie ist eine schwerwiegende psychische Erkrankung aus der Gruppe der Psychosen.  Es kommt zu Störungen im Denken, der Wahrnehmung und des Bewusstseins von sich selbst ("Ich-Funktion"), des Gefühlslebens sowie des Antriebs und zu Bewegungsstörungen. Es können Sinnestäuschungen (Halluzinationen) und Wahnphänomene auftreten.

Warum in allen Kulturkreisen etwa ein Prozent der Bevölkerung – meist im Alter zwischen der Pubertät und dem dreißigsten Lebensjahr – eine solche Psychose entwickelt ist nicht eindeutig geklärt. Diskutiert wird ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, die in jedem Einzelfall in einer individuellen Kombination zum Ausbruch der Erkrankung führen. Dieses Geschehen wird versucht mit Hilfe verschiedener Modelle, u.a. des so genannten Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Modells, zu erklären (Vulnerabilität = Verletzbarkeit, Coping = Stressbewältigungsverhalten). Dieses Modell geht davon aus, dass unter Belastung bei einer vorhandenen Veranlagung (z.B. genetisch) das individuelle Vermögen, belastende Lebensereignisse zu bewältigen, an seine Grenzen stößt und sich dann im psychotischen Erleben ausdrückt. Es gibt also nicht die eine Ursache, die die Erkrankung auslöst.

Noch kennen wir nicht alle Faktoren, die bei der Entstehung einer Schizophrenie eine Rolle spielen. Während unter bestimmten Umständen jeder Mensch eine psychotische Episode erleiden kann, müssen für die Entwicklung einer Schizophrenie bestimmte Voraussetzungen gegeben sein. Deshalb sucht die biomedizinische Forschung intensiv nach entsprechenden Genveränderungen, kritischen Momenten in der Entwicklung des Gehirns und anderen Faktoren, die hierbei von Bedeutung sein könnten.

Eine Reihe von Untersuchungen zeigt, dass bei der Entwicklung einer Schizophrenie chemische Prozesse im Gehirn gestört sind. Man geht davon aus, dass hierfür Störungen im System der Botenstoffe (Neurotransmitter) des Gehirns verantwortlich gemacht werden können. Eine wesentliche Rolle spielt dabei vermutlich eine Überfunktion des Neurotransmitters Dopamin. Dopamin steigert die Sensibilität der Gehirnzellen für Reize. Was prinzipiell eine sinnvolle Reaktion in Stress- und Gefahrensituationen ist, kann bei Personen, die anfällig für Schizophrenie sind, zu psychotischen Symptomen führen. In neueren Untersuchungen wird auch die Rolle anderer Neurotransmitter wie Glutamat und Gamma-Aminobuttersäure (GABA) erforscht.

Die Untersuchungen von strukturellen Veränderungen und funktionellen Störungen des Gehirns liefern Hinweise darauf, dass an der Entstehung einer Schizophrenie eine Störung der Gehirnentwicklung beteiligt sein kann. Denn bei einigen Menschen mit Schizophrenie finden sich gewisse, wenn auch geringfügige, Abweichungen in der Hirnstruktur, z.B. Größenveränderungen bestimmter Gehirnregionen sowie Veränderungen der Hirnfunktion (z.B. verminderte Stoffwechselprozesse in bestimmten Bereichen).

Hirnfunktionelle Untersuchungen weisen darauf hin, dass bei Halluzinationen die entsprechenden Gehirnareale, die auch normalerweise für bestimmte Sinneseindrücke verantwortlich sind, spontan aktiv werden. Darüber hinaus zeigen solche Untersuchungen und EEG-Befunde, dass die Funktion des Stirnhirns, welches für das abstrakte Denken, planvolles Handeln, Aufmerksamkeit und ähnlich komplexe Prozesse zuständig ist, bei an Schizophrenie Erkrankten verändert ist. Hierdurch erklärt man sich auch, dass einerseits die Aufmerksamkeit der Betroffenen reduziert ist, andererseits aber Sinneseindrücke quasi „ungefiltert“ vom Gehirn verarbeitet werden müssen, so dass die „Bearbeitungsfähigkeit“ überlastet wird und damit die Störungen des Denkens zumindest in Ansätzen erklärt werden.

Auch Vorschädigungen des Gehirns, z.B. auf Grund von Sauerstoffmangel bei der Geburt oder Virusinfektionen der Mutter während der Schwangerschaft, können strukturelle Schäden im Gehirn hervorrufen, d.h. das funktionelle Zusammenspiel verschiedener Gehirnareale verändern, und so die biologischen Voraussetzungen für die Entwicklung einer Schizophrenie schaffen.

Die Verletzbarkeit (Vulnerabilität) kann auch genetisch bedingt sein. Es gibt jedoch nicht das Schizophrenie-Gen oder eine bestimmte Genveränderung, die eindeutig und zwingend zur Erkrankung führt bzw. eine Vorhersage erlaubt. Inzwischen konnte man jedoch einige Gene und Gen-Veränderungen bestimmen, die bei an Schizophrenie Erkrankten gehäuft auftreten. Einige, die Krankheit begünstigende Varianten dieser Vulnerabilitätsgene sind auch bei Nicht-Erkrankten anzutreffen. Es ist noch unklar, wieso dieselbe Gen-Veränderung bei einem Teil der Bevölkerung mit einem erhöhten Schizophrenierisiko verbunden ist. Auffallend ist, dass viele dieser „Risiko-Gene“ in der Entwicklung des Nervensystems oder im Dopamin-Stoffwechsel eine Rolle spielen, was die neurobiologische Hypothese der Schizophrenie-Entstehung sehr unterstützt.

Wie die genetische Veranlagung erworben wird, ist noch unklar. Denn Zwillingsstudien belegen, dass offensichtlich nicht die Krankheit selbst weitergegeben wird, sondern lediglich die genetische Veranlagung, die sich im Laufe des Lebens auswirken kann, aber nicht muss. Tatsächlich liegt die Erkrankungsrate von eineiigen Zwillingen nicht bei 100 Prozent, sondern bei ca. 40-60 Prozent.

Verlaufsuntersuchungen haben gezeigt, dass dem Ausbruch einer Schizophrenie in 11-24 Prozent der Fälle belastende Lebenssituationen voraus gehen. Eine Schizophrenie tritt in der Mehrzahl der Fälle also ohne erkennbare äußere Auslösefaktoren auf. Daher werden Bedeutung und Wirkmechanismen psycho-sozialer Einflüsse kontrovers diskutiert.

Die Frage wurde beantwortet von Prof. Dr. Wolfgang Gaebel, Sprecher des Kompetenznetz Schizophrenie.