Logo Wissenschaft im Dialog Wissenschaft im Dialog

Zurück zu „Wie?So!“

Wieso jedes Jahr neu gegen Grippe impfen?

04. Dezember 2017

  • D Naturwissenschaften und Mathematik

Foto: Pixabay / CCO

Wieso jedes Jahr neu gegen Grippe impfen?

Es ist Herbst und wieder kommt er – der jährliche Aufruf zur Grippeschutzimpfung. Doch warum sollten wir uns eigentlich jedes Jahr neu impfen lassen? Und warum bekämpfen wir nicht einfach nur die Symptome durch Medikamente? 

Das Immunsystem des Menschen ist mit einer Art Gedächtnis ausgestattet. Wenn ein Mensch mit Erregern in Kontakt kommt, speichert es deren Erkennungsinformationen sowie dazu produzierte Abwehrstoffe, sogenannte Antikörper. Das Immunsystem erkennt Krankheitserreger anhand von Eiweißen auf ihrer Oberfläche, sogenannte Antigene, die spezifisch für einen Erregertyp sind.  Wird ein Erregertyp wiedererkannt, kann das Immunsystem schneller reagieren und die Abwehr mobilisieren. Eigentlich ein ausgefeiltes System – allerdings nur, solange sich der Erreger und seine Oberflächenstruktur nicht verändert.

Die Auslöser der saisonalen Grippe, die so genannten Influenza-Viren, sind extrem wandlungsfähig. Die Eigenschaften dieser Erreger ändern sich mit nahezu jedem Vermehrungszyklus, weil den Enzymen, die für die Verdopplung des Erbguts verantwortlich sind, entscheidende Reparaturmechanismen fehlen. Fehler beim Ablesen und beim Zusammenbau der Erbinformation werden somit nicht behoben, es entstehen Mutationen. Verändert eine Mutation nun die Oberflächenstruktur des Virus, wird dieser nicht wiedererkannt und trickst damit das Immunsystem aus. Es dauert länger bis das Immunsystem antworten kann – mehr Zeit für den Virus, sich zu vermehren. Die große Anzahl an Viren und ihr kurzer Vermehrungszyklus, der nur wenige Stunden andauert, begünstigt die schnelle Verbreitung neuer Virenformen zusätzlich. So kann sich das Virus von Jahr zu Jahr, aber auch innerhalb einer Saison ändern.

Impfstoffe gegen die saisonale Grippe, die oft auch als Influenza bezeichnet wird, müssen deshalb jährlich an die aktuell zirkulierenden Viren und deren Varianten angepasst werden. Dafür sammelt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Informationen zu den Eigenschaften der zirkulierenden Influenzaviren von Referenzlaboratorien auf der ganzen Welt. Es gibt weltweit viele Influenzavarianten. Um nicht gegen alle impfen zu müssen, prognostiziert die WHO, welche Formen am stärksten in der nächsten Saison in den Ländern auftreten werden. Das Ergebnis veröffentlicht die Organisation für jeden frei zugänglich auf ihrer Website. Darüber hinaus informiert und berät sie die nationalen Influenza Zentren, die die neuen Impfstoffe entwickeln.

Wenn das Immunsystem bestimmter Personengruppen aufgrund ihres Alters oder einer Krankheit geschwächt ist, kann die Grippe besonders schwer verlaufen und sie gesundheitlich stark einschränken. Die Impfung kann die Infektion mit dem Virus verhindern. In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) daher Personen über 60 Jahren, Schwangeren und solchen mit bestimmten, meist chronischen Grundkrankheiten, sich jährlich gegen Influenza impfen zu lassen.

Antivirale Medikamente zur Behandlung der Influenza dämmen die Symptome der Grippe ein und verkürzen die Krankheitsdauer um bis zu einen Tag. Allerdings töten sie den Virus nicht ab, sondern hindern ihn lediglich daran, sich zu vermehren und sich im Körper zu verbreiten. 

Um sich vermehren zu können, dringen die Viren in die Körperzellen des Menschen ein, wo sie deren Stoffwechsel und deren Mechanismen zur eigenen Vermehrung nutzen. Die menschliche Zelle und der Virus sind dabei so eng verbunden, dass die virenhemmenden Medikamente nicht nur den Erreger, sondern auch Bestandteile der Körperzellen schädigen. Im schlimmsten Fall wird die Zelle funktionsunfähig, was zu schwerwiegenden Nebenwirkungen führen kann. Zwar können die Medikamente die Symptome der Grippe eindämmen und die Krankheitsdauer um bis zu einen Tag verkürzen, verhindern lässt sich eine Infektion durch sie jedoch nicht. 

Fazit: 

Influenza-Viren bilden innerhalb kürzester Zeit immer neue Formen aus, die bestehende Impfstoffe nicht mehr erkennen können. Um Infektionen weiterhin vorzubeugen, müssen die Impfstoffe jedes Jahr an die neuen Virenstämme angepasst werden. Antivirale Medikamente dämmen die Grippesymptome ein, bieten jedoch keinen Schutz vor Infektion und gehen häufig mit schweren Nebenwirkungen einher. 

Redaktion WiD: Marina Wirth

Sie haben auch eine Frage an die Wissenschaft? Die Online-Redaktion von WiD sucht Experten, die sich mit diesem Thema auskennen, und beantwortet Ihre Frage.

Zum Frageformular

Zur Übersicht