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Archäologie durch die virtuelle Brille

22. Dezember 2016

  • erstellt von Eva Götting
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  • A Wissenschaftskommunikation
Reliefs des Wettergottes von Aleppo durch die VR-Brille betrachtet. Bild: HTW

Reliefs des Wettergottes von Aleppo durch die VR-Brille betrachtet. Bild: HTW

Werden wir in Zukunft durch virtuelle Ausstellungen schlendern? Und werden Wissenschaftler/Innen im virtuellen Raum gemeinsam forschen? Der Game Designer Prof. Dr. Thomas Bremer von der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin spricht im Interview über Chancen und Perspektiven von Virtual Reality in der Archäologie und Wissenschaftskommunikation. 

Für einen Besuch im virtuellen Tempel treffen wir Prof. Dr. Thomas Bremer und Prof. Dr. Susanne Brandhorst im VR Studio der HTW Berlin. Seit 2010 leitet Thomas Bremer zusammen mit dem Archäologen Prof. Dr. Kay Kohlmeyer die Arbeitsgruppe Virtuelle Archäologie an der HTW. Das Team von Archäologen, Geographen und Programmierern hat es sich zur Aufgabe gemacht den Tempel des Wettergottes von Aleppo virtuell umzusetzen und zu einem Forschungstool zu machen. 

Ein wissenschaftliches Spielfeld

Wir sehen uns im Studio um. Greenscreens, dunkle Wände, lange Reihen von Monitoren, außerdem eine freie Fläche, um durch die virtuelle Realität laufen zu können. Das lässt den Aufwand erahnen, der hinter den virtuellen Welten steckt. Auf einem Tisch liegen Bauklötze, „analoges Prototyping-Material“ erklären die Professoren. Der erste Schritt für den virtuellen Bau des Tempels sei ein analoges Modell, sagt Susanne Brandhorst. Als Spezialistin für Game Thinking arbeitet sie an der Übertragung erfolgreicher Prinzipien von Spielsystemen auf andere Bereiche, in diesem Fall die Archäologie. Bremer lässt eine Holzsonne über den kleinen Holztempel wandern. Archäologen gehen davon aus, dass der Bauort und die Ausrichtung des Tempels von astronomischen Konstellationen abhängig gemacht wurde. In einer virtuellen Realität können astronomische Konstellationen der letzten Jahrtausende simuliert und live nachempfunden werden. Bremer: „Der virtuelle Tempel wird so zu einem wissenschaftlichen Spielfeld.“

 

Der Tempel des Wettergottes von Aleppo stammt aus dem 3. bis frühen 1. Jahrtausend v. Chr. und ist eines der bedeutendsten Kultgebäude des Alten Orients und der vermutlich größte Tempel der altsyrischen Zeit. Was den Tempel aber besonders macht, sind die Reliefwände, die mit Göttern, Menschen und mythischen Wesen verziert sind. Auch der Wettergott von Aleppo ist zu sehen. Er steht mit Hörnermütze und Schwert und drohend erhobenen Armen da. Vor mehreren Tausend Jahren wurde er hier verehrt. Ihm gegenüber: König Taitas von Palistin. Das bezeugt die hieroglyphen-luwische Inschrift neben ihm, die im 11. Jahrhundert v. Chr verfasst wurde. Die Gläubigen beteten hier für die Gesundheit ihrer Familie, gute Ernte und das Heil der Stadt. 

Heute ist uns Aleppo als Schauplatz einer humanitären Tragödie bekannt. Vor dem Krieg jedoch führte Kay Kohlmeyer dort von 1995 bis 2005 innerhalb der mittelalterlichen Burganlage, die über Aleppo thront Ausgrabungen durch. Dort wurde der syro-hethitischer Tempel entdeckt. 

Auch ich war als Archäologiestudentin vor zwölf Jahren dort. Als Prof. Kohlmeyer uns eine Führung über die Ausgrabungsstätte gab und ich die Orthostaten, die mit Reliefs verzierten Steinquader, bewunderte, brannte die Sonne. Damals herrschte Friede in Aleppo. Ob die Reliefs heute noch existieren, oder Bomben und Bildersturm zum Opfer gefallen sind, ist bislang unklar. Ein Grund mehr für das Team der HTW, die kurz vor Beginn des syrischen Krieges gesammelten Daten zu nutzen, um den Tempel in der virtuellen Realität für die Nachwelt zu erhalten. 

Virtual Reality als Publikationsformat 

Die Anwendungsmöglichkeiten für Archäologen und Archäologinnen sind vielfältig. Sie könnten den Tempel beispielsweise im virtuellen Raum rekonstruieren. Außerdem können Texte, Maße und Notizen an jedem Punkt eingebettet und bearbeitet werden. In wissenschaftlichen Artikeln sind die Informationen begrenzt, in der der virtuellen Realität hingegen können Forschende direkt in den Tempel gehen, selbst Fakten überprüfen und eigene Publikationen daraus erstellen. “Ziel ist es, das Ganze zitierbar zu machen”, sagt Thomas Bremer. Diese virtuelle Publikation wird in Zukunft Forschenden weltweit zur Verfügung stehen. Im Multi-User-Virtual-Environment (MUVE) könnten sie sogar zusammen eine virtuelle Ausgrabung betreten und quasi vor Ort wissenschaftlich arbeiten. Diese Bereiche werden in Zukunft weiter ausgebaut werden. Leider werden derzeit nur die Digitalisierungen finanziert, die Aufbereitung für die weitere Nutzung weniger.

Augmented Reality für die Wissenschaftskommunikation

Seit VR-Brillen für die eine breite Öffentlichkeit bezahlbar sind, wird VR auch in der Wissenschaftskommunikation immer beliebter. Er könne sich gut vorstellen, dass die virtuelle Umsetzung des Tempels auch für Laien interessant sei, sagt Bremer. Dafür muss dann natürlich eigens ein Konzept entwickelt werden. Für die Wissenschaftskommunikation biete sich jedoch aus seiner Sicht besonders Augmented Reality (AR) an. AR ist eine Technik, mit der die reale Welt mit virtuellen Elementen angereichert wird. Sein Team denkt bereits darüber nach ein Modell des Tempels zu erzeugen. Durch AR-Brille, Tablet oder ein Smartphone würden dann über und innerhalb des Modells dreidimensionale Objekte im Raum erscheinen. Seit etwa zwei Jahren wird die Technik auch in deutschen Museen angewendet. So wird im Kestner Museum Hannover derzeit in der Sonderausstellung „Götter, Gärten und Geehrte … unter Bäumen am Nil“ der altägyptische Tempelgarten des Amun mit Augmented Reality wiederbelebt. Wohingegen sich Virtual Reality vor allem in separate virtuelle Ausstellung durchgesetzt hat, die man von Zuhause besuchen kann. Das Städel Museum in Frankfurt bietet beispielsweise die VR-App „Städel Time Machine“ an, mit der man eine Zeitreise ins 19. Jahrhundert unternehmen kann. 

Jetzt darf auch ich die VR Brille ausprobieren. Gebannt laufe ich durch den Tempel. Zwar herrscht im virtuellen Tempel Stille, und von Hitze und Staub spüren ich nichts, aber dafür strahlt diese neue Welt eine eigene und ganz neue Faszination aus. Vor dem Wettergott bleibe ich stehen. Ich hoffe, dass das Relief in der Realität noch existiert, damit er die Menschen in seiner Stadt beschützen kann.


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