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Wissenschaftskommunikationswissenschafts-Kommunikation

10. Dezember 2014

  • erstellt von Elisabeth Hoffmann
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  • A Wissenschaftskommunikation

Der Titel, den Prof. Annette Leßmölman  vom Karlsruher Institut für Technologie in der Session „Science of Science Communication“ gleich zu Beginn ihrer Moderation in den Ring wirft, wirkt auf den ersten Blick ziemlich abgefahren. Aber genau darum geht es: Wenn Wissenschaftler ihre Studien über Wissenschaftskommunikation auf dem fkw14 vorstellen, dann ist das Wissenschaftskommunikationswissenschafts-Kommunikation. Bestimmt könnte ich den Bindestrich auch an anderer Stelle setzen.

Prof. Dietram Scheufele treibt an der University of Wisconsin/Madison die Frage um, wie neue Kommunikationswege in Politik und Öffentlichkeit die Wahrnehmung von Wissenschaft beeinflussen.

Am Beispiel der raschen Fortschritte in den NBIC-Wissenschaften (Nano-Bio-Info-Cogno) steckt Scheufele zunächst das gesellschaftliche Umfeld der Forschung ab.

  • Wir haben es mit Komplexen wissenschaftlichen Sachverhalten zu tun.
  • Es gibt eine immer schnellere Umsetzung vom Labor in Anwendungen (Medikamente, Technologien).
  • Und: Die wissenschaftlichen Entwicklungen ziehen ethische, rechtliche und gesellschaftliche Fragen nach sich, für die es keine (Natur- und Ingenieurwissenschaftlichen) Antworten mehr gibt (ELSI Ethical Legal Social Implications).

Die Fakten zum Medialen Umfeld kennen wir ähnlich aus Deutschland:

  • In den USA sind über 100 Zeitungen mit einem wöchentlichen Wissenschaftsteil in 1989 sind nur noch 25 geblieben.
  •  Junge Menschen erwarten heute, dass Informationen kostenfrei online erhältlich sind.
  •  Google-Gründer Lary Page erklärt uns schon 2007: „Science has a serious marketing problem and needs to become engaged in poitics, business and the media.”

Schimpf und Schelte: Kommentare sind wirkungsvoll

Scheufele hat untersucht, wie wir Online-Nachrichten lesen, im Vergleich zu Nachrichten aus gedruckten Zeitungen. Online sehen wir den Beitrag in einen viel umfangreicheren Kontext, wir sehen die Likes, die Retweets und Kommentare und können daraus schon vorab Schlussfolgerungen über den Beitrag ziehen. In einer Studie ließ er 3.500 Menschen denselben Artikel über Nano-Siberpartikel lesen. Die Kommentare darunter variierten, und zwar nicht in ihrer Grundaussage, sondern im Stil – neben höflichen Anmerkungen konnten zufällig ausgesuchte Lesergruppen auch derbe Beschimpfungen lesen.

Das Ergebnis: Die Leser des unhöflich kommentierten Beitrags tendierten im Vergleich dazu, den  Artikel als eher einseitig zu bewerten. Mehr noch: Sie bewerteten auch den wissenschaftlichen Gegenstand als einseitig.

Die Veröffentlichung der Studie hatte Konsequenzen: Die Zeitschrift „Popular Science“ hat daraufhin auf ihren Webseiten die Kommentarmöglichkeit eingestellt. Es entbrannte eine Debatte um den Sinn von Kommentaren und die Art der Kommentare, die überhaupt als hilfreich gesehen werden.

So viel zu Lesern und Rezeptionsverhalten. Was machen die sozialen Medien mit der Wissenschaft selbst?

A New Generation of Scientists

2010 hat die NASA in einer spektakulären Verlautbarung die Grundfesten der Organischen Biologie infrage gestellt. Die Spuren des medialen Bebens sind zum Beispiel hier nachzulesen: „Arsen fressende Bakterien - Forscher entdecken neues Leben“. http://www.focus.de/wissen/natur/arsen-fressende-bakterien-forscher-entdecken-neues-leben_aid_578160.html, Beitrag vom 3.12.2010, Quelle: ast/dpa, heute gesehen.

Schon zwei Tage nach der Veröffentlichung hatte eine Wissenschaftlerin in ihrem Blogpost Zweifel geäußert. Tatsächlich wurden die Thesen später widerlegt. Scheufeles Fazit: Durch die Möglichkeiten der neuen Medien, in denen sich Wissenschaftler schnell und direkt äußern können, sind die Möglichkeiten der akademischen Selbstkorrektur ganz erheblich ergänzt worden.

Junge Forscher seien heute eher als früher bereit, die Peer-Review-Verfahren zu umgehen, wenn sie denken, dass ihre Forschungsergebnisse gesellschaftlich wichtig sind und schneller an die Öffentlichkeit gelangen sollten. Scheufele nennt sie „A New Generation of Scientists for whom communication is not just an afterthought.”

Der Kardashian Index

Dann kommt er auf eine Studie zu sprechen, die die Korrelation zwischen Tweets, Journalistenkontakten und dem Publikationsindex (H-Index) untersucht. Ergebnis: Führende Wissenschaftler, die mit Reportern reden und auf Twitter präsent sind, können im Vergleich auch einen höheren H-Index vorweisen. Dietram Scheufele: „Das Argument, dass Wissenschaftler nicht davon profitieren, an die Öffentlichkeit zu gehen, ist einfach empirisch falsch. Punkt.“

Natürlich sind diese Schlussfolgerung und ihre Konsequenzen nicht unumstritten und werden auch in Deutschland unter dem Stichwort Kardashian Index heiß diskutiert.

 

Können wir auf den Wissenschaftsjournalismus verzichten?

Prof. Hans-Peter Peters vom Forschungszentrum Jülich ist zum Beispiel jemand, der wie auch Peter Weingart differenziert und kritisch über die Auswirkungen der Sozialen Medien und der Medialisierung der Wissenschaft überhaupt nachdenkt. In seinem Impuls stellt er „Wissenschaftliche Selbstdarstellung und externe Beobachtung von Wissenschaft“ gegenüber.

7.500 Wissenschaftler in drei Kontinenten haben er und seine Kollegen befragt. Die gute Nachricht: Die meisten Forscher pflegen Medienkontakte, kommunizieren direkt mit Bürgerinnen und Bürgern oder arbeiten  an Broschüren oder Websites ihrer Einrichtungen mit. Sie beteiligen sich „relativ breit“ an der Interaktion mit der Öffentlichkeit.

Im Gegenzug erwarten sie politische Unterstützung (87 Prozent!), Zugang zu Forschungsgeldern, berufliche Auswirkungen und beruflichen Nutzen. Die Anzahl derjenigen, die sagen, dies habe negative Auswirkungen, ist mit einem bis zwei Prozent sehr klein.

Auch Peters spricht über Veränderungsprozesse:

  • Der Wandel in der gesellschaftlichen Kommunikationsinfrastruktur bedingt, dass Wissenschaftsjournalismus sein Quasi-Monopol am Zugang zu aktuellen Informationen verliert. Es gibt immer mehr Motivation und Gelegenheiten für Wissenschaftler, Wissenschaftsorganisationen und Einrichtungen wie Wissenschaft im Dialog, direkt mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren – „ohne störrische Gatekeeper“.
  • Die Wissenschaftskommunikation bewegt sich vom monologischen Erklären (die Menschen haben nur ein Wissensdefizit, das durch Informationen behoben werden kann) zum public Engagement, von der Belehrung zum Dialog. „Das Defizitmodell ist falsch, aber die Mehrheit der Wissenschaftler glaubt weiterhin daran“, sagt Peters in der anschließenden Diskussion. Und fügt noch einen sehr interessanten Satz an: „Das Gute daran ist, dass es die Wissenschaftler in ihrer Kerndisziplin, der Aufklärung über Wissen, bestärkt.“
  • Peters spricht auch die zunehmende strategische Instrumentalisierung von Wissenschaftskommunikation kritisch an.

„Man kann sich selbst nicht glaubwürdig loben“

Kann man nun auf Wissenschaftsjournalisten verzichten? Peters meint: „Ich persönlich glaube: Nein.“ Und einen naheliegenden Grund liefert er sofort: „Man kann sich nicht selbst glaubwürdig loben.“

Noch zumindest finden journalistische Texte eine viel größere Verbreitung. Sie verknüpfen auch (manchmal gegen den Willen des Wissenschaftlers) das Wissen aus den Instituten und Laboren mit „Phänomenen, Ereignissen, Themen, Wissen und Befürchtungen außerhalb der Wissenschaft“. Und sie filtern, indem sie Themen als „gesellschaftlich relevant“ markieren.

Ob das in fünf Jahren immer noch der Fall sein wird, darüber streiten sich die Experten auch in seiner Forschergruppe.

In die Zukunft will auch Dietram Scheufele blicken. „Wir wissen nicht, was in fünf oder zehn Jahren kommen wird, aber wir haben die Aufgabe, die Forscher von morgen jetzt schon dafür auszubilden.“


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