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Programm-Spotlight FWK22: Wenn Bürger*innen mitentscheiden: Wieviel Partizipation verträgt Wissenschaft?

19. September 2022

  • Erstellt von Simon Esser
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Portraitfoto von Annette Leßmöllmann Array

Annette Leßmöllmann ist promovierte Linguistin und hat am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) den Lehrstuhl für Wissenschaftskommunikation mit dem Schwerpunkt Linguistik inne. Sie lehrt in den Bachelor- und Master-Studiengängen „Wissenschaft – Medien – Kommunikation“. Foto: Nikola Haubner.

„Wir hätten die Wissenschaft nicht, wenn es Bürgerwissenschaftler*innen nicht gegeben hätte.“

Welche Rolle spielt Wissenschaftskommunikation für eine Gesellschaft im Wandel? Darum geht es beim Forum Wissenschaftskommunikation 2022 unter dem Motto „Transformation gestalten“. Annette Leßmöllmann ist promovierte Linguistin und hat am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) den Lehrstuhl für Wissenschaftskommunikation mit dem Schwerpunkt Linguistik inne. Sie lehrt in den Bachelor- und Master-Studiengängen „Wissenschaft – Medien – Kommunikation“. Beim fwk22 ist sie Referentin der Session „Bürger*innen mitentscheiden: Wieviel Partizipation verträgt Wissenschaft?“. Was sie an partizipativen Formaten interessiert, warum die institutionalisierte Wissenschaft von Bürgerwissenschaftler*innen lernen sollte und für wen die Session spannend ist, erzählt sie im Interview.

Frau Leßmöllmann, wie ist Ihr Zugang zu partizipativen Wissenschaftsformaten?

Als Linguistin interessiert mich, wie Menschen sprachlich mit Wissenschaft umgehen. Wie nutzen sie Sprache – in ihrer ganzen Multimodalität – im wissenschaftlichen Kontext? Wie argumentieren sie mit wissenschaftlicher Evidenz; und wie kategorisieren sie „wissenschaftliche Evidenz“? Wie gestalten sie ihre alltäglichen Aushandlungsprozesse damit? Der Alltag ist von Wissenschaft durchzogen: Welches Auto kaufe ich; in welchem Supermarkt kaufe ich; kaufe ich überhaupt noch im Supermarkt ein? Für all das gibt es Erkenntnisse, Evidenzen, Argumente aus der Wissenschaft. Wie gehen Menschen damit um und wie verhandeln sie das sprachlich?

Bürgerwissenschaften wiederum bringen Wissenschaft und Bürger*innen kommunikativ zusammen. Das ist der berühmte Dialog über die Domänen hinweg – mit sogenannten Lai*innen, die ja oft gar keine Lai*innen sind, sondern ihre eigenen Kompetenzen mitbringen, nur nicht unbedingt wissenschaftliche. Als Linguistin finde ich es interessant, wie die Menschen über diese Domänengrenzen hinweg miteinander sprechen. Wissenschaftler*innen fühlen sich bestimmten Bedingungen verpflichtet, sie wollen z.B. in ihrer Community ernst genommen werden. Bürger*innen verfolgen andere Interessen. Außerdem geht es auch um Rollenverständnisse: Wissenschaftler*innen sind natürlich auch Bürger*innen. Da vermischen sich sehr viele Domänen.

Der Untertitel der Session „Wieviel Partizipation verträgt die Wissenschaft?“ ist sehr provokant gewählt. Wie stehen Sie dazu?

In dem Titel steckt ja schon ganz viel Wertung drin – ich verstehe, dass man eine Session zur Provokation so nennt, würde diese aber überhaupt nicht unterschreiben. Denn sie impliziert, dass die Wissenschaft irgendetwas vertragen müsse. Dass es ein Zuviel geben kann. Ich weiß nicht, woran man das Zuviel messen können soll? Und: Die Wissenschaft ist überhaupt erst entstanden, weil sich Bürger*innen hingesetzt haben und gesagt haben: „Ich forsche jetzt daran“. Irgendwann ist daraus ein Wissenschaftssystem geworden. Wir hätten die Wissenschaft nicht, wenn es Bürgerwissenschaftler*innen nicht gegeben hätte.

Ich provoziere etwas, aber wir sollten daran denken, dass bis heute wichtige wissenschaftliche Impulse von Leuten kommen, die sich mitunter ganz bewusst nicht in die institutionalisierte Wissenschaft begeben. Die, wenn man sie darauf anspricht, dafür gute Gründe nennen, etwa: Ich kann meine Zeit besser einteilen, ich bin unter weniger Drittmitteldruck, ich muss nicht erst auf die Professur warten, um abgesichert zu sein, bin vielleicht sogar freier in meiner Forschung, wenn ich meine Wissenschaft auf eigene Faust mache.

Aber auch die Bürgerwissenschaftler*innen spielen eine entscheidende Rolle: Die Beschreibung der Taxa, der Arten in der Biologie, ist gar nicht denkbar ohne die vielen Menschen, die sich beteiligen. Sie werden gerne als Spinnenbein-Sammler diskreditiert – was Unsinn ist: Das ist eine hoch spezifizierte Wissenschaft und eine sehr wichtige Tätigkeit.

Nach diesem Plädoyer also eine Gegenfrage: Würde es nicht vielmehr der institutionalisierten Wissenschaft guttun, wenn sie noch viel stärker die Konfrontation mit den Leuten suchen würde, die von außen auf sie gucken? Die fragen: „Was macht ihr da eigentlich, stellt ihr eigentlich noch die richtigen Fragen?“ Die Wissenschaft ist ja nicht vom Himmel gefallen, sondern sie entwickelt sich. Sie entwickelt ihre Methoden; und die Kooperation mit Bürger*innen bringt disziplinäre und methodische Veränderungen, die reflektiert werden müssen. Die Wissenschaft ist etwas Freies – das steht so im Grundgesetz. Es ist ihr immanent, dass sie sich immer wieder herausfordern lassen muss. Warum nicht auch von den Menschen, die außerhalb der Institution Wissenschaft machen?

Inwieweit ist für Sie mit Blick auf die Bürgerwissenschaften die Rolle des Wissenschaftsjournalismus als Mittler und Gatekeeper noch zeitgemäß?

Die Rolle des Wissenschaftsjournalismus als Gatekeeper ist perdu, weil die Gatekeeper-Rolle des Journalismus im Ganzen perdu ist – aber das hat nicht direkt mit Bürgerwissenschaften zu tun, sondern mit der Aufmerksamkeitsökonomie. Der Wissenschaftsjournalismus muss sein Publikum immer wieder suchen und finden, und das ist heute schwierig geworden, weil es so viele andere Angebote gibt, insbesondere im Netz. Ich sehe aber nicht, dass Bürgerwissenschaften mit aller Macht die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden vom Wissenschaftsjournalismus abziehen. Im Gegenteil: Meiner Erfahrung nach ist es so, dass die Teilnehmenden dankbar sind für gute wissenschaftsjournalistische Texte. Sie geben ihnen Orientierung: Welche Debatten, welche Akteure gibt es zum Thema? Das wird sehr wertgeschätzt und in den Projekten auch nachgefragt. Zudem werden Bürgerwissenschaften zum Berichterstattungsobjekt; der Wissenschaftsjournalismus kann also über diese Projekte berichten und sie qualitativ einordnen.

Die Hoffnung ist ja – und es gibt erste empirische Hinweise, dass dem auch so ist – dass bürgerwissenschaftliche Projekte Leute empowern für kritisches Denken. Dass sie wissenschaftliches Argumentieren und Schlussfolgern üben. Es könnte die Leute also sogar darin bestärken, den Wissenschaftsjournalismus mehr wertzuschätzen und auch, ihn qualifiziert kritischer zu betrachten. Das wäre eine interessante empirisch zu klärende Frage, ob das so ist. Ich sehe keine Konkurrenzsituation zwischen Wissenschaftsjournalismus und Bürgerwissenschaften: Ich glaube, dass die Bürgerwissenschaft ein Publikum aufschließen kann für guten Wissenschaftsjournalismus.

Was bedeuten Bürgerwissenschaften für das Verständnis von „Innen“ und „Außen“ in der Wissenschaft und wer sind die Autor*innen bei Publikationen?

In den Bürgerwissenschaften fließen „Innen“ und „Außen“ auf interessante Weise zusammen. Ich denke da an die berühmte Insektenstudie, die 2017 veröffentlicht wurde. Sie hat gezeigt, dass über 27 Jahre die Biomasse fliegender Insekten um über 75% zurückgegangen ist. Eine tolle Studie mit starker gesellschaftlicher Wirkung. Die Bürgerwissenschaftler*innen (wobei ich nicht weiß, ob sie sich selbst so nennen würden) hatten einen Verein gegründet und über Jahrzehnte hinweg geforscht – etwas, das die institutionalisierte Wissenschaft in der Regel gar nicht leisten kann. In der Publikation wurde mit Kolleg*innen von Universitäten in Nijmegen und Sussex zusammengearbeitet. Die Bürgerwissenschaftler*innen waren Co-Autor*innen der Studie.

Bürgerwissenschaftler*innen sind ja aufgefordert, wissenschaftlich zu arbeiten, dazu gehört auch, sich mit Publikationsprozessen auseinanderzusetzen. Die Angabe der Autor*innen muss man aushandeln. Sie sollte die Projektstruktur abbilden: Wer sind die Macher*innen, wer steht nur in den Fußnoten, wer wird Autor*in und an welcher Stelle in der Reihung? Diese Aushandlung gehört zu Citizen Science. Das ist übrigens auch ein gängiger Aushandlungsprozess zwischen Lehrstuhlinhaber*innen und Mitarbeiter*innen sowie bei der Arbeit mit Studierenden. Da geht’s um Urheberschaft, Verantwortung und Können. Und um Macht. Diese Aushandlung kann auch in einem Bürgerprojekt passieren, und das ist dann ein wesentlicher Teil des Projekts. Es ist ja nicht so, dass Bürgerwissenschaft immer schön und spaßig sein muss. Da kann es auch richtig zur Sache gehen, so wie in der institutionalisierten Wissenschaft auch.

Für wen ist die Session besonders spannend?

Beim Forum Wissenschaftskommunikation sind ja vor allem Praktiker*innen, also Menschen, die selbst kommunizieren oder Kommunikation verantworten. Ich glaube für all diejenigen ist es spannend zu fragen, welche kommunikativen Aspekte denn bürgerwissenschaftliche Tätigkeit umfasst: Inwieweit zahlt das auf Wissenschaftskommunikation ein? Inwieweit kann ich mit Bürgerwissenschaftsprojekten z.B. meine Hochschule als Institution der Aufklärung, des wissenschaftlichen Engagements und des Allgemeinwohls positionieren?

Genauso kann die Diskussion spannend für Forschende sein. Zu erfahren: Wie aufwändig sind diese Projekte? Inwieweit ist eine Kommunikationsabteilung einer Uni überhaupt die richtige Ansprechpartnerin für ein bürgerwissenschaftliches Vorhaben – oder sollte ein Lehrstuhl das Projekt selbst verantworten und die Kommunikationsabteilung eher begleitend agieren? Das sind nämlich sehr aufwendige Unterfangen: Sie sind kapazitär intensiv. Sie können auch teuer sein, zumindest mit Blick auf den personellen Aufwand.

Worauf freuen Sie sich persönlich und was erhoffen Sie sich, aus der Session mitzunehmen?

Ich freue mich sehr, meine Kolleginnen Luiza Bengtsson und Audrey Podann zu hören, die ihre Projekte vorstellen. Wir werden auf dem Panel verschiedene Facetten und Phasen von Bürgerwissenschaft beleuchten. Wir werden sehen, wie stark die Bürgerwissenschaft in einer Institution wie etwa einer Hochschule institutionalisiert wird – das finde ich sehr anregend. Und wie werden Fragen des Impacts diskutiert: Welche Auswirkungen hat das Projekt? Hat man einen Bericht, der in der Schublade landet oder hat man wirklich etwas erreicht? Auch das wird sicherlich auf dem Panel diskutiert werden. Und es werden sicherlich Fragen kommen, über die ich noch gar nicht nachgedacht habe – und auf die freue ich mich auch.


Session: Wenn Bürger*innen mitentscheiden: Wieviel Partizipation verträgt Wissenschaft? – Moderation: Jörg Weiss, con gressa. 75 Minuten. Dienstag, 4. Oktober 2022, 17.15 – 18.30 Uhr.


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