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Warum leben Mauersegler fast ausschließlich in der Luft?

11. August 2017

  • D Naturwissenschaften und Mathematik
(Foto: CC-BY-2.0 Derek Keats)

Mauersegler im Flug, Foto: CC-BY-2.0 Derek Keats

Warum leben Mauersegler fast ausschließlich in der Luft?

Das ist eine gute Frage, sagt mir der Ornithologe Arndt Wellbrock. Das habe sich evolutionsbiologisch so entwickelt, aber wie genau und in welchen Schritten sie sich auf den Luftraum spezialisiert haben, darüber lasse sich nur mutmaßen. Vermutlich haben die Mauersegler irgendwann entdeckt, dass in der Luft massenhaft Insekten vorhanden sind. Und dass sie diese – anders als viele andere Vögel – dort auch fangen können und somit einem großen Konkurrenzdruck um Nahrung aus dem Weg gehen.
Denn: Mauersegler sind sehr schnell und wendig, vermutlich immer schon ein wenig schneller als die anderen. Ihre Spitzengeschwindigkeiten betragen heute mehr als 200 Kilometer pro Stunde. Damit können ihnen bei uns nur noch Baum- und Wanderfalken gefährlich werden. 

Für ihre rund 20 Zentimeter Körperlänge haben Mauersegler eine ganz schön große Klappe: Ihren Schnabel können sie fast 180° öffnen. Auch das ist eine optimale Anpassung auf ein Leben, insbesondere die Jagd, in der Luft. Die meisten anderen Vögel, zum Beispiel Blaumeisen, sammeln Insekten wie Blattläuse oder Raupen direkt von den Blättern der Bäume und Sträucher. Andere wie etwa der Gartenrotschwanz setzen sich auf einen Ansitz und warten, dass ihnen ein Insekt in greifbare Nähe fliegt. Die Jagd auf fliegende Insekten im freien Luftraum kommt für sie nicht in Frage, dafür sind sie zu langsam. Nur Schwalben konkurrieren mit den Mauerseglern um die Nahrung in der Luft und sind mit ähnlichen Fähigkeiten ausgestattet. Verwandt sind die beiden Vogelarten jedoch nicht. Schwalben sind Singvögel, Mauersegler gehören zu den Seglern. Konvergenz nennt man das. 

Wissenschaftler der schwedischen Universität Lund haben herausgefunden, dass Mauersegler bis zu zehn Monate ununterbrochen fliegen können. Dazu haben sie den Vögeln kleine Geolokatoren auf den Rücken geschnallt, die Tageslänge und Beschleunigung messen können. In der Abenddämmerung steigen die Vögel bis zu 2,5 Kilometer auf, verschaffen sich also ein gehöriges Luftpolster, auf dem sie sich dann segelnder weise ausruhen können. 

Dass Mauersegler im Flug sogar schlafen, wird stark vermutet, ist aber nicht bewiesen. Um das zu erkennen, bräuchte man ein Elektroenzephalogramm (EEG) zum Messen der Gehirnströme. Damit konnten Ornithologen bislang nur Fregattvögel ausstatten. Die haben aber das Vierzigfache an Gewicht der 30 bis 50 Gramm leichten Mauersegler und sind auch wesentlich größer. Das Ergebnis der 2016er Studie vom Max-Plank-Institut für Ornithologie: Fregattvögel schlafen tatsächlich im Flug, oft in Sekunden-Häppchen. Meistens bleibt eine Hirnhälfte wach und das dazugehörige Auge offen. Wie auch bei Enten an Land oder Delphinen im Wasser. Bei Mauerseglern könnte es ähnlich sein. Powernapping in der Luft also.

Wissenschaftlich ist der Mauersegler nach seinen Füßen benannt: Apus apus, was so viel heißt wie „ohne Füße“, und ziemlich irreführend ist. Denn der Mauersegler hat Füße, wenn auch hoch spezialisierte: Von vier Krallen zeigen nicht drei nach vorne und eine nach hinten, wie es bei den meisten Vögeln üblich ist. Stattdessen zeigen alle Krallen nach vorne, zwei weiter nach links, zwei weiter nach rechts. Ein bisschen so wie bei Commander Spock, wenn er grüßt. Damit kann sich der Mauersegler als Küken im Nest festkrallen, später an senkrechten Untergründen wie z.B. Hauswänden. Und er nutzt sie im Kampf als Waffe gegen unliebsame Konkurrenten. Nur auf einer Stange sitzen kann er nicht. Und auch das Laufen fällt ihm schwer: Da er quasi wie auf Fersen läuft und sein Federkleid aufgrund der Kürze der Beine über den Boden schleift, schwankt er dabei ein wenig hin und her. Aber: Die Tolpatschigkeit am Boden macht der Mauersegler durch Eleganz in seinem Element, der Luft, wieder wett. 

Kurz vor Ende ihrer Brutzeit fliegen Mauersegler regelmäßig lautstarke Luftmanöver, etwa Sturzflüge und liegende Achten. Zum Informationsaustausch, zum Kräftemessen oder einfach so aus purer Lust, vermutet Wellbrock. Die Engländer nennen das Screaming Parties. Und wenn es wieder ab in den Süden geht, fliegt jeder für sich, aber oft auch im Schwarm. Klassische Individualreisende, sagt Wellbrock. Sie machen, was sie wollen, aber wenn wer dabei ist, haben sie nichts dagegen. Sympathisch. 

Fast ausschließlich in der Luft leben sie also, weil sie dort kaum Feinde und wenig Konkurrenten haben, weil sie dort aufgrund ihrer Spezialisierung problemlos Nahrung finden, weil ihnen Fliegen vielleicht einfach Spaß macht und weil sie mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit auf Wolke 7 auch schlafen können. 

Bei der Beantwortung der Frage hat uns Arndt Wellbrock unterstützt. Der Doktorand forscht an der Universität Siegen als Mitglied der Arbeitsgruppe Ökologie und Verhaltensbiologie am Institut für Biologie u.a. zum Zugverhalten und zur Überwinterung von Mauerseglern.

Redaktion WiD: KM

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